Images courtesy of GmbH

Die GmbH SS22 Kollektion ist eine kritische Studie über Identität

Benjamin Alexander Huseby und Serhat Işık erklären uns den Gedankenprozess hinter einer der stärksten Shows der Saison.

von Mahoro Seward
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05 Juli 2021, 7:04am

Images courtesy of GmbH

Serhat Işık und Benjamin Alexander Huseby von GmbH haben sich anhand von Mode in der Vergangenheit oft mit ihrem Migrationshintergrund auseinandergesetzt, doch für ihre SS22 Kollektion haben die beiden den Fokus verschoben. Stattdessen haben die beiden die Frage erforscht, was es bedeutet, in einer weißen Gesellschaft weiß zu sein.

Seit jeher haben weiße Modedesigner ganze Völker exotisiert und ihr reiches kulturelles Erbe durch eine westliche Perspektive für ihre Mode gefiltert. In dieser Saison präsentiert das Berliner Duo GmbH daher White Noise, eine Kollektion, die sich mit Eleganz, Humor und Sexiness dem Thema weiße Archetypen widmetAuf subtile Weise baut White Noise auf die AW21 Kollektion von GmbH auf - in der die beiden Designer bereits mit Codes der weißen Oberschicht gespielt haben und üppige Pelze und Reithosen auf dem Laufsteg zeigten.

Während viele bei der AW21 Kollektion die Message der Designer gar nicht mitbekamen, haben die beiden dieses Mal aufgepasst, dass jeder ihre Botschaft versteht. Weiße Jeans mit doppeltem Reißverschluss wurden mit Reitstiefeln kombiniert und erinnerten so ganz klar an Polospieler. Clean geschnittene Denim-Looks verströmen einen Hauch von nostalgischem Blue-Jeans-America-Flair und sandfarbene Hemden, die mit veganen braunen Lederhosen gezeigt wurden, erinnerten an Sheriffs aus dem Mittleren Westen.

Benjamin und Serhat schaffen es, sich dem Thema Identität mit einer gewissen Leichtigkeit zu nähern, die fast an Satire grenzt. Die klischeehaften Archetypen, die sie heraufbeschworen haben, parodieren sie auf eine Weise „die eigentlich schon Drag ist“, wie Benjamin anmerkt. 

Entstanden ist eine Kollektion, die sich trotz ihrer Cleverness nicht in Konzepten verliert. Die Outfits, die wir in dem Präsentationsfilm (Regie Matt Lambert) aus dem weißen Nebel auftauchen sehen, sind zugänglich und vor allem verdammt sexy.

In unserem Interview erzählen uns Serhat und Benjamin, warum sie sich für ihre aktuelle Kollektion mit Referenzen auseinandersetzen wollten, die keiner von ihnen erwartet hat.

Das Model trägt einen Look von GmbH's SS22 collection

Also, White Noise. Erzählt mal, wie es zu dem Titel kam.

Benjamin Alexander Huseby: Die Inspiration kommt einerseits von einem Buch von Don DeLillo, das ich erst kürzlich wieder gelesen habe. Es handelt von der Banalität des Alltags und dem Tod, was Parallelen zur aktuellen Zeit aufzeigt. Unsere Kollektionen haben schon immer auf das reagiert, was in der Welt aktuell passiert und wie wir uns damit fühlen. Dieses Mal ging es uns darum zu untersuchen, was es bedeutet in einer weißen Gesellschaft weiß zu sein. Als BIPoC setzen wir uns die ganze Zeit mit unserer Hautfarbe auseinander und müssen uns rechtfertigen – weiße Menschen müssen das nie. Sie hinterfragen ihre Hautfarbe nicht, es wird als die Norm gesehen.  

Serhat Işık: Wir haben schon letzte Saison begonnen, uns mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, aber nicht besonders viele Leute haben die Codes aufgegriffen, die wir versucht haben zu zeigen - Reiten, Skifahren und all die Aktivitäten, die normalerweise mit einer weißen Oberschicht in Verbindung gebracht werden.

BAH: Yeah, diese sehr WASPy, Country Club Fantasy.

Das Model trägt einen Look von GmbH's SS22 Collection

SI: Irgendwie war es für die meisten anscheinend nicht offensichtlich genug, von daher machen wir unsere Referenzen diese Season crystal clear! Von uns wurde immer erwartet, dass wir unsere Kulturen definieren - und das ist ein großer Teil von dem, was wir tun und was wir bisher getan haben. Jetzt erforschen wir die Kultur, in die wir hineingeboren wurden und von der man uns trotzdem ständig sagt, dass wir kein Teil davon sind. Wir wollten herausfinden, was es für eine Marke wie GmbH bedeuten würde, die Dinge umzudrehen und sich die weiße Kultur anzueignen.

BAH: Wichtig ist uns, diese Identitätsforschung mit Humor anzugehen. Unser Ausgangspunkt war es, den Archetyp dieses American-Dream-Ideals zu verstehen, aber dann haben wir uns doch auch wieder damit auseinandergesetzt, wie sich Menschen mit einer dunkleren Hautfarbe die Kultur der Weißen historisch angeeignet haben. Wir sind in den 90s aufgewachsen und haben das in der Musikkultur damals oft gesehen.  

Genau, um Look 20 herum haben mich die Outfits ein wenig an Janet Jackson und Mary J. Blige erinnert. Was genau hat euch dazu gebracht, euch einerseits mit kultureller Aneignung auseinanderzusetzen, andererseits aber auch mit den weißen Archetypen, die ihr in euren ersten Looks zeigt? 

SI: Für mich ging es darum, das Narrativ zu verschieben. Ich habe das Gefühl, dass es im Post-Identity-Zeitalter so viel Lärm gibt, dass ich mich für einen Moment zurückziehen wollte, um mich darauf zu konzentrieren, etwas zu veröffentlichen, das sich von den Gesprächen unterscheidet, die wir sonst führen. Man sagt immer, dass Mode ein Werkzeug ist, das wir nutzen, um das Bewusstsein zu schärfen. Deshalb war es uns wichtig, einen Moment innezuhalten um zu überdenken, was wir mit unserer aktuellen Kollektion überhaupt aussagen wollen. So sind wir darauf gekommen, das Thema einfach umzudrehen. Selbst wenn jetzt jemand ankommt und uns vorwirft: „Oh, jetzt eignet ihr euch also die Kultur der Weißen an?“, könnte das zu Diskussionen führen, an denen ich interessiert bin. Mir ist das lieber als dieses ständige: „Sie feiern ihre Kultur! Ich liebe die nahöstlichen Referenzen.“ Das ist ja, was alle von uns erwarten. Klar ist das auch schön, aber, let's fuck things up!

A model wearing a full look from GmbH's SS22 Collection

BAH: Ich glaube, wir sind alle erschöpft davon, uns ständig mit unserer Identität auseinandersetzen zu müssen.

SI: Es hat einen Punkt erreicht, an dem es einfach langweilt. Es ist fast so, als würde man von uns erwarten, dass wir in dieses Narrativ hineinspielen und eine nahöstlich, queer-inspirierte Kollektion nach der nächsten präsentieren. Jetzt sagen wir klar: Nein! Lasst uns doch mal über euch sprechen. Lass uns darüber sprechen, dass ihr weiß seid. Reden wir darüber, dass wir uns eure Kultur aneignen und schauen wir mal, wie ihr darauf reagiert.

BAH: Wenn wir über Race und Colour sprechen, sollte man zuerst klarstellen, dass wir uns nicht selbst ‘Brown’ oder ‘Black’ genannt haben. Diese Namen sind durch eine weiße koloniale Kultur entstanden - vielleicht sollten wir daher mal hinterfragen, was es bedeutet, weiß zu sein.

In eurer aktuellen Kollektion tut ihr das, indem ihr euch weiße Typologien anschaut, manche davon sind sehr camp – es gibt den Baseballspieler, den Cowboy, Daisy Duke… Was hat euch zu diesen spezifischen Archetypen hingezogen? 

SI: Sie waren auf gewisse Weise sehr offensichtlich. Diese Art von Codes sind uns bei unserer Arbeit sehr wichtig, vor allem solche, die dazu benutzt wurden, Menschen mit einer anderen Hautfarbe zu unterdrücken. Wir wollten aber auch einfach zeigen, dass wir diese Archetypen auf eine sehr sexy und unerwartete Weise interpretieren können.

A model wearing a full look from GmbH's SS22 Collection

Eine weitere Besonderheit in dieser Saison ist eure Zusammenarbeit mit dem queer palästinensischen Label  tRASHY CLOTHING. Erzählt mal ein bisschen davon.

BAH:
Shukri Lawrence und Omar Braika betreiben das Label, zwei palästinensische Jungs, die in Jordanien leben. Sie haben uns schon vor längerer Zeit kontaktiert und seitdem hatten wir geplant, etwas gemeinsam zu machen. Die beiden haben dann palästinensische Grafikdesigns recherchiert, sowohl politische als auch Designs, die nichts mit Politik zu tun haben. Für unsere aktuelle Show haben wir beschlossen, ein T-Shirt mit einer ‚Free Palestine’ Aufschrift zu zeigen.

SI: : Das ist das Großartige an der Mode und was wir am meisten lieben - sie hat etwas Banales an sich, aber die Botschaft ist so unmittelbar verständlich.

A model wearing a full look from GmbH's SS22 Collection
A model wearing a full look from GmbH's SS22 Collection
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