Dani Coyle: “Pride befähigt dich, jeden Teil deiner Identität auszudrücken, selbst wenn diese sich widersprechen”

Um Calvin Klein’s Pride Kollektion zu feiern, sprechen wir mit wegweisenden, jungen queeren Künstler*innen aus ganz Europa. Als nächstes erzählt uns die Berliner Künstlerin und Intersex-Aktivistin Dani Coyle, warum intersexuelle Menschen an queeren Diskus

von Created with Calvin Klein
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01 Dezember 2020, 5:50pm

Das Jahr 2020 war alles andere als eine große, geile Party – vor allem für queere Menschen, die weder einen CSD noch in ihren safe spaces feiern konnten. Dennoch hat die queere Community mit großer Hartnäckigkeit bewiesen, dass es mehr gibt, als nur Partys und Paraden, um sich zu zeigen und zu feiern. Denn: Queer Pride ist etwas, das jeder in sich selbst trägt und dadurch jeden Tag aufs Neue zelebrieren kann. 

Um genau diesen Spaß am Selbstausdruck zu feiern und das volle Spektrum der LGBTQIA*-Identitäten zu feiern, launcht die Modemarke Calvin Klein nun #PROUDINMYCALVINS. Eine Kampagne, mit der neun innovativen, queeren Persönlichkeiten von überall auf der Welt eine Plattform gegeben wird, um ihr authentisches Selbst in einer Reihe von Videos und Bildern auszudrücken. In diesem Jahr hat Calvin Klein außerdem verschiedene Vorreiter der queeren Community zusammengetrommelt, um Themen wie Liebe, Familie, Coming-Out und Identität zu thematisieren.

Natürlich darf bei Calvin Klein auch die Mode nicht zu kurz kommen, immerhin ist sie ein Teil des Selbstausdrucks und der Kern der Marke: Zu #PROUDINMYCALVINS wurde eine Pride-Kollektion gedroppt, die das ganze Jahr über erhältlich ist – nicht nur, wenn gerade CSD-Saison ist.

Wir bei i-D möchten Teil dieses Movements sein und haben fünf aufstrebende LGBTQIA-Künstlerinnen gefragt, was ihnen Pride bedeutet, welcher Community sie sich zugehörig fühlen, was das queere Leben in ihrer Stadt so aufregend macht und welche Veränderungen sie sich für die queere Gleichberechtigung in der Zukunft wünschen. 

Das letzte Interview führen wir mit Dani Coyle, dem Gesicht hinter @inter_sexy. Dank ihres Talents als Creative Designer hat sie bewirkt, dass Gespräche über Intersexualität nicht mehr nur streng pathologisch geführt werden, sondern nun auch in einem unbeschwerten und popkulturellen Kontext stattfinden.

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Was bedeutet Pride für dich?
Die Möglichkeit zu haben, jeden Teil meiner Identität auszudrücken, sogar, wenn diese widersprüchlich zueinander sind. Und ich denke, es geht darum, sich dem Stigma zu entziehen. Queerness erwartet von dir keine eindeutige Ästhetik und keine festgelegten Voraussetzungen. Pride bedeutet, alles an einem Menschen zu akzeptieren.

Was von dem, was du tust, erfüllt dich mit Stolz?
Zunächst einmal mein Coming Out generell, einfach weil ich niemals dachte, dass ich es durchziehen würde. Ich gehe problemlos als Cis-Frau durch, was Fluch und Segen zugleich ist. Ich habe lange gedacht, dass ich mich nie outen würde, weil mein Leben ohne Outing einfacher sei. 

Allerdings kann ich nun die Person sein, von der ich mir gewünscht hätte, ich hätte sie gehabt, als ich jünger war. Als man mir sagte, ich sei intersexuell, wurde mir auch mitgeteilt, dass es nicht ausreichend Menschen wie mich in England gäbe, um eine Support Group zu gründen. Tatsächlich sind etwa 2 % der Weltbevölkerung intersexuell, und es gibt jetzt so viele geoutete Aktivist*innen im Netz, mit denen ich mich damals hätte vernetzen können. Ich bin so stolz wenn Menschen mir schreiben und sagen ‘Ich denke darüber nach, mich zu outen, weil ich deinen Account entdeckt habe,’ oder ‘Meine Tochter hat mir erzählt, dass sie dieselben Entwicklungsschritte durchmacht, die du schon erlebt hast und es ist ermutigend jemanden zu sehen, dessen Leben nicht dadurch ruiniert wurde.”

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Hat deine kreative Arbeit dir geholfen, dich selbst zu finden?
100%. Vor allem, weil ich oft mit meiner Kreativität herausarbeite, wie ich über etwas denke. Es gibt bestimmte Dinge, bei denen ich unschlüssig bin, ob ich mich wohlfühle, über sie zu sprechen. Und dann arbeite ich künstlerisch daran, poste es und realisiere, dass ich darüber bereits gesprochen habe – manchmal passiert es beinahe ausversehen, was echt schön ist.

Was ist das Beste daran, als queere und intersexuelle Person in Berlin zu leben?
Die Situation hier ist sehr besonders, es gibt eine so große Community. Überall gibt es queere Orte, an denen du dich selbst ausdrücken kannst. Ich glaube, ich musste nach Berlin kommen und die Menschen aus meinem jetzigen Umfeld treffen, um mich mit meinem vollständigen Outing wohl zu fühlen.

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Empfindest du dich selbst als Teil einer bestimmten Community?
Ja, der intersexuellen Community, und die ist großartig! Wir leben alle weit auseinander und haben unsere Basis im Internet, was bedeutet, dass ich sehr viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern kennengelernt habe. Ich könnte zum Beispiel nach New York gehen und dort Menschen aus meiner Community treffen. Es ist so schön, sich nicht erklären zu müssen, was wirklich selten vorkommt, selbst mit besten Freund*innen und anderen queeren Menschen. Intersexualität sollte definitiv einen Platz am Tisch bekommen und stärker im LGBTQ+-Orbit berücksichtigt werden. Aber wir haben auch unsere individuellen Probleme wenn es um Rechtsverletzungen geht, zum Beispiel. Deshalb ist es großartig, mit anderen intersexuellen Menschen zu sprechen.

Oft wird gesagt, dass die erste Pride-Parade ein Protest war – ein halbes Jahrhundert nach Stonewall: Was glaubst, wofür wir heute noch kämpfen müssen?
Ein großer Teil der Welt weiß immer noch nicht, dass Intersexualität überhaupt existiert. Selbst wenn man den Begriff schon mal gehört hat, wissen die Menschen immer noch nicht, was das für unser tägliches Leben bedeutet. Etwa auf welche Art und Weise sich unsere Körper von ihren unterscheiden, wie es sich auf unseren Zugang zu Gesundheitsversorgung auswirkt, wie wir daten. Ich hoffe, dass wir an dem Punkt sind, wo sich das Blatt für die Sichtbarkeit und die Verteidigung von Intersexuellen bald wendet. Zum Beispiel mit dem Justice Project und dem ersten Krankenhaus in Chicago, das sich gegen Intersex-Operationen bei Kindern ausgesprochen hat. Ich glaube dennoch, dass die queere Community sich für diejenigen stark machen muss, die momentan am äußersten Rand der Gesellschaft stehen. Wir müssen stärker eingebracht werden.