Dieser Künstler fotografiert auf FaceTime queere Freunde in Quarantäne

Nachdem das Coronavirus ein Shooting ins Wasser fallen ließ, beschloss Heather Glazzard intime Porträts von Freunden bequem von zu Hause aus zu knipsen.

von Roisin Lanigan
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13 April 2020, 4:00am

Fotos Heather Glazzard

Jetzt wo die meisten von uns zwecks sozialer Distanzierung allein zu Hause hocken (oder sich mit Mitbewohnern, Partnern und ihrer Familie arrangieren müssen), kann sich die Welt ganz schön einsam anfühlen. Der Möglichkeit beraubt auszugehen, empfinden viele junge, insbesondere queere Menschen den schmerzhaften Verlust ihrer Unterstützungsstrukturen und Wahlfamilien. Es fällt schwer, positiv zu bleiben angesichts einer so tiefgreifenden Unterbrechung unseres kollektiven Lebens; mit Leuten in Kontakt und kreativ zu bleiben. Aber ist ungeheuer wichtig, diese Aspekte unseres Lebens aufrechtzuerhalten, wenn wir in dieser merkwürdigen Zeit überleben und gedeihen wollen.

Genau dafür tritt eine neue Porträtserie von Heather Glazzard ein. Heather nutzt die Zeit in Selbst-Isolation, um neue Wege zu finden, mit Freunden und nahestehenden Menschen im ganzen Land in Kontakt zu bleiben. In Zusammenarbeit mit queeren Freunden und organisiert über FaceTime, hat Heather eine Reihe erhebender und intimer Porträts in den eigenen vier Wänden geschaffen. “Eines meiner Mode-Shootings wurde abgeblasen”, erklärt Heather die Inspiration hinter dem Projekt. “Und so sagte ich zu meiner Partnerin Nora, ‘Was wenn wir die Aufnahmen via FaceTime machen?’ Außerdem wollte ich meinen Kumpels moralisch beistehen. Das alles kann dir seelisch ganz schön zusetzen.”

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Fotografen, Stylisten, Models und alle möglichen Kreativarbeiter wurden von der Coronavirus-Pandemie hart getroffen: Große Teile der Industrie haben den Betrieb eingestellt, um die Ausbreitung der Krankheit anzuhalten. Besonders betroffen sind junge Kreative und Freischaffende, die gerade erst anfangen. Viele sind wie Heather von ihren Familien getrennt. “Mir geht es gut”, behauptet Heather. “Ich fühle mich extra-privilegiert, dass ich in Zeiten wie diesen Essen im Regal habe, obwohl ich an ADHS leide und also ein bisschen an die Decke gehe. Meiner Familie in Yorkshire könnte es besser gehen. Es hat sie ganz schön erwischt. Das schwierigste für mich ist, meine Großeltern, die im Krankenhaus sind, nicht besuchen zu können.”

Dieses Projekt ist Balsam für Heather und die übrigen Beteiligten. Entstanden ist es in enger Zusammenarbeit: Zwar hat Heather den Bildrahmen ausgerichtet, aber ohne das Styling und die Kontrolle, über die sie unter normalen Umständen verfügen würde. “Sie führen mich eine Weile in ihren Wohnungen herum”, erklärt Heather. “Dann sag ich ihnen, wo sie ihr Telefon platzieren und wie sie posieren sollen. Es ist ein sehr kollaborativer Prozess, manche sind richtig rausgeputzt und haben einen kleine Bereich hergerichtet, vor dem sie sich in Pose werfen. Es macht Spaß zu sehen, welche Vorbereitungen die Leute treffen ehe sie vor die Kamera treten, und es ist unglaublich gemeinschaftlich.”

“Für mich ist es halb Selbstporträt, halb Fotoshooting nach Heathers Art.”

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Die Fotoserie ist nicht nur ein kreatives Ventil, sondern hat es außerdem möglich gemacht, mit Freunden wieder in Kontakt zu treten. Die Zeit, in der wir leben, ist zweifelsohne schwierig und seltsam, doch es hat auch seine guten Seiten. Viele Menschen nehmen die Gelegenheit wahr, ihr Leben zu entschleunigen und Verbindungen wiederherzustellen zu den Menschen, die ihnen am wichtigsten sind, mit denen sie unter normalen Umständen aber keine 45-minütigen Telefongespräche führen würde—die Sorte Freund, dem wir sonst bis in alle Ewigkeit schwören: “Lass uns bald mal was trinken gehen.” “Mein Lieblingsfoto ist von meinem Freund Joe”, sagt Heather. “Ich fotografiere Joe nun schon seit Jahren und er ist außerdem einer meiner besten Freunde. Vor kurzem aber ist er aus London weggezogen. Davor haben uns die Umstände des Londoner Lebens davon abgehalten, abzuhängen oder zu telefonieren. Jetzt ergreifen wir die Chance uns wieder anzunähern.”

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Verbindung ist die Hauptsache an diesem Projekt, das, wie Heather erklärt, bis dato keinen Titel trägt. Es brachte nicht nur die Möglichkeit, alte Freundschaften wiederherzustellen, sondern auch bestehende Bindungen zu stärken. Und es half Heather dabei, in einer schwierigen Situation den Verstand zu bewahren und ein kreatives Ventil zu finden. Dennoch gesteht Heather, ein bisschen am Rad zu drehen trotz allem. “Nora und ich machen gerade viele Selbstporträts”, sagt Heather, “und ich verwende meine Siebdruck-Ausstattung, um überall ‘Life is a dildo’ und ‘Bum me’ aufzudrucken. Ich glaube, es ist echt wichtig, sich von den Nachrichten fernzuhalten und positive Dinge zu unternehmen, die den besonders gefährdeten—und kreativen—Menschen in deinem Bekanntenkreis helfen können.”

“Schreib ein wenig, und wenn es nur eine Zeile ist”, sagt Heather. “Mal auf T-Shirts. Skype mit anderen Kreativen, um zu sehen wie ihre Stimmung ist. Tu alles, was therapeutisch ist.”

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