Alle Fotos: Daan Dam

Die Rap-Anarchos Ho99o9 prophezeien uns den Cyber-Krieg

Wir haben mit dem Duo über toxische Männlichkeit, Kontraste und Cyborgs gesprochen.

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27 Mai 2019, 2:17pm

Alle Fotos: Daan Dam

Ihre Musik lässt dein Herz explodieren. Aus Ekstase, aus Wut, aus Faszination, aus Freude. Eine Revolte gegen das politische und gesellschaftliche System, aber auch gegen kreative Konventionen. Ho99o9, das sind theOGM und Eaddy, die ihre wahre Identität nicht preisgeben wollen und stattdessen mit kryptischen Lyrics Einblick geben in ihre sozialkritischen Gedanken. Ihre Welt setzt sich zusammen aus dem HipHop-Erbe zweier Kindheiten in Newark, New Jersey und Einflüssen von Punk- und Hardcore-Legenden, die in einem Genre-befreiten Sound-Wahnsinn aufgehen. Ho99o9 sind keine Grenzgänger – in ihrem anarchischen Kosmos existieren noch nicht einmal Mauern.

Und falls doch, dann müssen die Mauern zerschlagen werden. Seit ihrer Gründung im Jahr 2014 schreien und rappen Ho99o9 an gegen Amerika, Polizeigewalt und Religion. Auf ihrer aktuellen EP 'Cyber Cop' kommen die Institutionalisierung und Kommerzialisierung des Internets dazu. In einem zugehörigen Zine philosophieren theOGM und Eaddy über die Entwicklung des Menschen zur Maschine und bevorstehende Cyber-Kriege.

Die kompromisslose Attitüde ihrer Songs entlädt sich während der Konzerte von Ho99o9 in zügelloser Energie. Ab der ersten Sekunde verwandelt sich das Publikum in einen gigantischen Moshpit, am Ende seiner Performances sieht man Eaddy meist nackt. Was auf Außenstehende wie Gewalt wirken mag, ist für das inzwischen in L.A. lebende Duo ein Zeichen von Zusammenhalt und Respekt – den sie mittlerweile auch von einer Riege renommierter Kollegen erhalten. Ho99o9 kooperierten intensiv mit The Prodigy, im Sommer touren sie mit Ghostemane, Alice In Chains und Korn. Und dann kommt auch noch 'Cyber Cop 2'.

Vor ihrem Konzert in Berlin haben wir theOGM und Eaddy getroffen, um über toxische Männlichkeit, Kontraste und Cyborgs zu sprechen.

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Foto: Daan Dam. Links: theOGM. Rechts: Eaddy.

"Is Internet God? Is Internet Devil?" Diese Fragen tauchen im Zine zu eurer 'Cyber Cop'-EP auf. Habt ihr mittlerweile eine Antwort gefunden?
theOGM: Nein, ich suche noch danach. Vielleicht ist das Internet beides.
Eaddy: Der Teufel war ein Teil des Himmels. Dann hat er verkackt und ist nach unten gestiegen, um seine eigenen Monster zu erschaffen. So wie das Internet. Es wurde geschaffen, um Gutes zu tun, doch dann wurde es infiltriert und verdorben, und jetzt ist es beides. Es kann schlecht sein, aber auch gut.
T: Das Erste, womit du im Internet Geld verdienen konntest, waren Pornos.

Die meisten Porno-Websites sind in Besitz von nur einem Typen.
T: Echt? Das ist ziemlich spannend.

Warum habt ihr euch denn für eine solch religiöse Terminologie entschieden?
T: Wir wollten ein Bild kreieren. Pro und Kontra. Pro ist dabei Gott, kontra der Teufel. Linke Schulter, rechte Schulter.

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Foto: Daan Dam. Links: Eaddy. Rechts: theOGM.

Es geht also um Kontraste. Stehen Kontraste auch im Fokus anderer Bereich eures Lebens?
T: Das ist der Alltag.
E: Gut und Schlecht und das Herz in der Mitte.

Und wofür schlägt euer Herz?
T: Weed, Essen, Blut und Schweiß. Alles, was deine Organe zum Arbeiten brauchen.
E: Jeden Tag ist es etwas anders. Mein Geist ändert sich und hängt von meiner Stimmung, meinen Gefühlen ab. Davon, welche Musik ich heute hören möchte. Ob ich weinen möchte oder glücklich sein will. Wütend. Mein Herz schlägt jeden Tag in einem anderen Takt.

Im Zine steht auch "We're all machines". Ist das etwas Schlechtes? Sind wir nicht eh schon alle Cyborgs?
T: Es ist weder gut noch schlecht. Es ist interessant. Selbst wenn du kein Teil von Social Media oder dem Internet sein willst, hast du immer noch dein Handy. Wir bleiben in gewisser Weise verbunden – außer du lebst im Wald, ohne Telefon, und verschickst alles mit der Post. Eigentlich sind wir Roboter, weil wir immer connected sind. Computer, Handys – wir gehören ihnen. Unsere Telefone beobachten uns, unsere Computer beobachten uns. Die ganze Zeit. Wir sind Teil der Matrix.
E: Du nimmst das Interview gerade mit deinem Handy auf.
T: Aber ich liebe das Internet auch. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, in der alles nicht so einfach war wie heute – zum Beispiel Musik aufzunehmen. Ich hatte meine Stereoanlage zu Hause, steckte eine Kassette rein, hörte den ganzen Tag Radio und wartete, bis mein Lieblingssong gespielt wurde. Dann habe ich ihn aufgenommen und auf ein Mixtape gepackt. Jetzt kann ich Songs einfach googlen, sie auf Spotify oder Apple Music hören.
E: Und es gibt noch die Lyrics dazu.

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Foto: Daan Dam. Links: Eaddy. Rechts: theOGM.

Es gibt allerdings auch eine Bewegung von Künstlern, die der Meinung sind, sie könnten der Natur durch ihr Cyborg-Dasein näher kommen. Eine von ihnen gibt vor, Erdbeben auf der ganzen Welt zu fühlen, da sie ein Implantat in ihrem Ellenbogen trägt.
T: OK, das ist interessant. Ich weiß nicht einmal, was ich dazu sagen soll. Sie ist wie ein X-Man, eine Superheldin. Komisch, dass sie noch nicht der Regierung angehört. Sobald du Superkräfte hast, gehörst du dem Staat. Du hörst ein Flugzeug – boom –, schon verschleppen sie dich. Ich hätte nur eine Superkraft gern: immun zu sein gegen Krankheiten. Gegen Krebs und den ganzen Scheiß.

Am Anfang war das Internet noch ein anarchischer Raum der unbegrenzten Freiheit. Habt ihr das Gefühl, die Punk-Attitüde ging mit der Zeit verloren?
T: Schon irgendwie. Aber ehrlich gesagt: Die Sachen, die ich heute im Internet sehe, sind wild. Ich habe die wildesten Sachen gesehen – heute, in unserer Zeit, im Internet.

Dinge, die man lieber nicht gesehen hätte.
T: Ja. Sobald du diese Dinge gesehen hast, sind sie in dein Hirn implantiert.

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Foto: Daan Dam. Links: theOGM. Rechts: Eaddy.

Gibt es ein bestimmtes Video, von dem ihr euch wünscht, ihr hättet es niemals gesehen?
E: Ich kann nicht einmal darüber sprechen. Die Worte schaffen es nicht über meine Lippen.
T: Man schaue sich nur mal an, was mit Rappern in letzter Zeit passiert ist. Nipsey Hussle – rest in peace – zum Beispiel. Wie er getötet wurde, ist im Internet zu sehen. Das möchtest du nicht sehen, deine Fans wollen das nicht sehen. Doch im selben Moment wollen wir es doch sehen. Je mehr du siehst, desto abhängiger wirst du davon. Das Internet ist unheimlich.

Es zeigt aber auch, wie abgefuckt wir Menschen sind.
T: Ich möchte solche Sachen ja auch sehen, da bin ich ehrlich.

Warum sind wir wohl so?
T: Wir wachsen damit auf, werden in die Sache hineingeboren. Wir sind aus der Hood, wir haben also einiges gesehen. Oder du kommst nicht aus der Hood und bist einfach fasziniert davon. Du siehst es im Fernsehen und denkst dir: "Das ist krass, was da abgeht." Menschen sind neugierig.

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Foto: Daan Dam. Links: theOGM. Rechts: Eaddy.

In 'Mega City Nine' rappt ihr: "Fuck a knife fight, let my guns go digital." Was meint ihr damit?E: Wir bringen euch den Krieg, direkt aus dem Netz. Direkt aus dem Computer. Das ist der Kampf, davon handelt die EP. Er ist nicht leibhaftig, nicht physisch, er passiert im Internet. Das Internet kann Leben beenden.
T: Das haben wir selbst gesehen.
E: Es kann dein Leben und deine Karriere mit nur einem Tweet beenden. Tot. All deine harte Arbeit, ganz umsonst.

Aber eine Call-out Culture ist heute doch wichtiger denn je.
T: Absolut. Und da sind wir wieder bei den Gegensätzen. Es ist wichtig, Kack-Leute zur Rechenschaft zu ziehen. Gleichzeitig gibt es aber auch gute Menschen, die grundlos zerstört werden.

Ihr beschreibt euch selbst gern als Mutanten. Was hat es damit auf sich?
T: Wir kommen aus New Jersey – dort waren wir schon immer Ausgestoßene. Wegen unseres Stils, unserer Musik, selbst heute noch. Kommen wir zurück nach New Jersey, verstehen sie uns dort immer noch nicht. Wir reisen viel, waren in Europa, Japan, überall. Die Leute sehen uns und denken direkt, dass wir in einer Band spielen müssen, dass wir etwas Ausgefallenes tun, weil wir aussehen wie niemand sonst. Wir sehen nicht aus wie Rapper, passen nicht in die Metal- oder Industrial-Szene. Wir werden immer Mutanten sein.

Ich habe gelesen, dass euch früher auf der Straße häufig Dinge wie "gay" oder "faggots" entgegen gerufen wurden. Wie war es für euch, mit solch toxischer Männlichkeit aufzuwachsen?
E: Es war mir egal. Die Frauen haben mich angeschaut, während die Typen gepöbelt haben. Vielleicht dachte ich beim ersten Mal noch: “Damn, OK”. Doch dann habe ich in der Schule Komplimente bekommen, Frauen haben mir gesagt, dass ich gut aussehe. Von diesem Zeitpunkt an waren mir die Hater egal.
T: Es geht immer um Selbstvertrauen. Wenn du es hast, lässt du dich auch nicht verunsichern. Ich frage mich immer, warum es andere so sehr stört, was wir tragen. Sei du selbst, geh zur Arbeit, mach' dein Ding. Warum denken solche Leute überhaupt über uns nach? Weil sie unsicher sind, Probleme mit Homosexualität haben, Probleme zu Hause haben.

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Foto: Daan Dam

Eaddy, du meintest mal, deine Kindheit war wie ein Horrorfilm. Wie hast du es geschafft, das Narrativ zu ändern?
E: Wir sind umgezogen. Wir mussten da raus. Raus aus der Nachbarschaft. Das war die Veränderung. Irgendwann waren all meine Freunde aus dem Block weggezogen, sodass ich allein übrig blieb. Also sind wir von North Jersey nach Union Jersey gezogen, und das war das Beste, was mir je passiert ist. Heute setze ich keinen Fuß mehr in die Gegend. Du musst raus, raus aus dem beschissenen Film.

TheOGM, kotzt du eigentlich noch, bevor du auf die Bühne gehst? Ist das eine Art Ritual?
T: Auf dieser Tour habe ich mich tatsächlich erst einmal übergeben. Mein Magen bessert sich anscheinend. Aber das war nie Teil eines Rituals oder so. Es hatte eher mit einer Art komischer, nervöser Vorfreude zu tun. Ich war oft so aufgeregt, dass ich einfach kotzen musste.
E: Fast wie Willie Beamen in An jedem verdammten Sonntag.

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Foto: Daan Dam. Links: theOGM. Rechts: Eaddy.

Wie ging es euch, als ihr von Keith Flints Suizid erfahren habt?
T: Wir waren in L.A. Als wir morgens aufwachten, hatten wir schon unzählige Nachrichten erhalten. Wir wussten gar nicht, was wir sagen sollten. Wir waren gerade erst mit The Prodigy auf Tour gewesen, hatten einen Song mit ihnen aufgenommen, eine 7", eine Vinylplatte – so viele schöne Dinge. Als wir sie zum ersten Mal trafen, waren sie ganz entspannt, so cool. Nichts ließ uns auch nur im Entferntesten ahnen, was Keith tun würde. Dafür gibt es keine Worte, es ist einfach nur traurig. Rest in peace. Keith war großartig, eine riesige Inspiration für uns auf so vielen Ebenen.

Vielleicht wird es über ihn mal ein Biopic geben. Wenn es einen biografischen Film über Ho99o9 geben würde – wie stellt ihr euch die erste Szene vor?
E: Jemand, der dabei erwischt wird, wie er Sex in einem Busch hat.

@ho99o9
@theogm999
@yeti999

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Foto: Daan Dam. Links: theOGM. Rechts: Eaddy.

Credits


Fotografie: Daan Dam