© 2018 Juergen Teller, All rights reserved. Demelza Kids No.9, 2018 

Juergen Teller: "Ich interessiere mich nicht für Fotografie"

Für seine neue Ausstellung 'Demelza Kids' hat der deutsche Fotograf Kinder in einem Hospiz abgelichtet und dafür ausschließlich sein iPhone benutzt.

von Ryan White
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11 April 2019, 11:17am

© 2018 Juergen Teller, All rights reserved. Demelza Kids No.9, 2018 

Juergen Teller steht inmitten eines riesigen Ausstellungsraums im Keller des Bonhams, eines der ältesten und größten Auktionshäuser in London. Er trägt einen leuchtend gelben Hut und eine neon-orangefarbene Jacke, passend zur Farbgebung des Raumes. "Zuerst war alles dunkelblau hier", sagt Juergen. "Bis ich mich für vier verschiedene Farbhintergründe entschieden habe, weil es wie ein Kinderzimmer aussehen sollte. Es sollte ein positives Gefühl auslösen, trotz der Schwere des Themas."

Die Bilder für die Ausstellung Demelza Kids hat Juergen über einen Zeitraum von drei Monaten in zwei Hospizen für todkranke Kinder fotografiert, mit der Absicht, mehr Bewusstsein und Spenden zu generieren. Juergen versichert, dass keines der Bilder zum Verkauf stehe, was durchaus Sinn macht. Die Ausstellung dokumentiert die verschiedenen Gefühlen die ein Kind durchlebt, das rund um die Uhr Pflege bedarf. Einige Momente stecken voller Freude und Bewegung, in anderen liegt viel Ruhe. "Ich habe das vorher noch nie gemacht, verschiedene Farbrahmen zu wählen", sagt der deutsche Fotograf. Dieses Detail fügt der Ausstellung eine tiefere Ebene hinzu, die der manchmal etwas rauen Atmosphäre von Krankenhäusern und dem spartanischen Ausstellungsraum etwas entgegensetzt.

juergen teller
Demelza Kids No.8, 2018

Demelza, ein Kinderhospiz mit Sitz in England, hatte Juergen letztes Jahr kontaktiert. "Sie haben mich einfach gefragt, mir eine Email geschickt", sagt der Fotograf, während er von einem Foto zum anderen schlendert. "Ich fand das sehr interessant, also habe ich vorgeschlagen, dass wir uns treffen. Ich habe sehr viel nachgedacht, über die Konsequenzen so einen Job anzunehmen, ob es womöglich opportunistisch aussehen könnte. Aber ich dachte, das könnte etwas sein, das für jeden der Beteiligten wirklich gut ist, eine Möglichkeit zu helfen."

Um einfühlsam mit den den komplexen Geschichten der fotografierten Kinder und ihrer Familien umzugehen, habe Juergen versucht, eine Balance zwischen Unsichtbarkeit und Aufdringlichkeit zu finden: "Es ist unmöglich, nicht hier zu sein", sagt der Fotograf. "Irgendwie musst du deine Präsenz auch fühlbar machen, weißt du? Und das bedeutet nun mal, verständnisvoll gegenüber den Eltern zu sein, wenn sie gerade einen privaten Moment erleben."

juergen teller
Demelza Kids No.33, 2018

"Wir regen uns ständig auf und verlieren die Geduld, wenn das Taxi nicht kommt. Denken uns, 'wo zur Hölle steckt das Taxi?'. Aber die Geduld und Liebe, die diese Eltern für ihre Kinder aufbringen, ist das Bewegendste. Es hat sich manchmal angefühlt, als würde die Zeit stehen bleiben."

Kurz nachdem er mit dem Projekt angefangen hat, wechselte Juergen seine Herangehensweise: Die SLR Kamera tauschte er gegen sein iPhone. "Ich habe sofort gemerkt, dass die Kamera nicht unbedingt das Richtige ist, sondern das Handy mehr Sinn macht. Es ist so, als würde der Cousin oder Onkel zu Besuch kommen und einen Schnappschuss machen, weißt du? Ich kenne die Einschränkungen eines iPhones sehr gut, was du machen kannst und was nicht. Doch wollte ich auf keinen Fall aufdringlich sein, wenn zum Beispiel die Krankenschwestern ihre Arbeit machen oder Eltern plötzlich anfangen zu weinen. Es hat mit dem Handy viel mehr Sinn gemacht. Bei manchen Lichtverhältnissen, in bestimmten Szenarien, war das iPhone sogar die bessere Wahl."

juergen teller
Demelza Kids No.20, 2018

Juergen ist einer der wenigen großen Fotografen aus den 90ern, der die neuen Möglichkeiten der Handyfotografie wirklich für sich nutzt. "Viele meiner Fotos sind mit dem iPhone gemacht worden. Ich mag das sehr gerne. Je flexibler ich mit meinem Werkzeug bin, desto besser ist es für meine Arbeit."

Anstatt sich von einem Medium einschränken zu lassen, sieht Juergen die Vielseitigkeit des Handys als befreiendes Werkzeug. “Ich habe zwischen 84 und 86 Fotografie in München studiert. In einem dieser Jahre habe ich gelernt, wie man mit einer Großformatkamera arbeitet, mit einem Stativ und der Abdeckung über dem Kopf. Das war mir zu sehr ‘Fotografie’. Ich wollte einfach nur ein Werkzeug, um meine Gefühle über das Leben auszudrücken. Selbst Mediumformatkameras waren mir zu quadratisch, so sehe ich das Leben nunmal nicht. Das Leben ist für mich von da nach hier”, sagt Juergen, während er von einer Seite des Raums zur anderen zeigt. “Quadratisch ist unnatürlich für mich. Ich interessiere mich nicht für Fotografie, sondern wie ich meine Ideen und Gefühle ausdrücken kann. Die Fotografie ist nur ein mögliches Werkzeug dafür.”

juergen teller
Demelza Kids No.12, 2018
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Demelza Kids No.2, 2018
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Demelza Kids No.6, 2018
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Demelza Kids No.15, 2018
juergen teller
Demelza Kids No.6, 2018

‘Demelza Kids’ von Juergen Teller ist bis zum 16. April im Bonhams in London zu sehen. Fotos: © 2018 Juergen Teller, all rights reserved. Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.