"Wir rebellieren gegen die Galerien, weil sie unsere Kunst nicht zeigen."

Berliner Kreative stellen sich mit der kollektiven Ausstellung 'THE show' gegen die Ungerechtigkeiten in der Industrie. Wir haben mit drei von ihnen über Kunstschulen, Geld und Hoffnung gesprochen.

von Marieke Fischer
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25 April 2019, 8:45pm

Es in der Kunstszene "zu schaffen" ist schwer. Standort, Ausbildung, Kontakte und Glück sind nur wenige Faktoren, die sich zu einer scheinbar unüberwindbaren Mauer zusammenschließen – erbittert bewacht von Galeristen und Kuratorinnen. Für junge Talente gibt es in dieser abgeschotteten Welt wenig Raum, um ihr Können zu präsentieren.

Auch in Berlin werden den Kulturschaffenden mit Freude Steine in den Weg gelegt. Abgesehen von der Fülle an Künstler*innen (Buzzword-Bingo auf Neuköllner Hauspartys), verdrängen steigende Mieten heute Kreativität und fördern das kapitalistische Denken der Institutionen. Deswegen braucht es neue Wege um Kunst zu kommunizieren und zu präsentieren.

THE Show ist einer dieser Wege. Innerhalb weniger Wochen hat Kuratorin Helene Bosecker THE Show als erstes Projekt ihres kürzlich gegründeten Rebel Art Management ins Leben gerufen. Mit der Ausstellung, die parallel zum Gallery Weekend stattfindet, zeigen sie dem etablierten Kunstmarkt elegant den Mittelfinger. Sie suchen nach Lösungsansätzen für einen Wandel in der Szene. "Im Rahmen dieses Projekts konnte ich beobachten, dass man den Ellenbogen einfährt und Erarbeitetes teilt", sagt Helene Bosecker. "Damit sind die Künstler*innen erheblich viel weiter in ihrem Denken, als die Galerieszene und autonomisieren sich durch Engagement sowie Enthusiasmus kontinuierlich."

Knapp 30 Partizipierende präsentieren an diesem Wochenende Arbeiten aus den verschiedensten Disziplinen, von Malerei und Bildhauerei bis hin zu Performances, Konzerten und Lesungen. So unterschiedlich die Arbeiten und die Mitwirkenden auch sein mögen, so verbindet sie doch alle ein Gedanke: Die Mauer soll durchbrochen werden.

i-D hat sich mit Helene Bosecker, Florian Hesselbarth (Zeichnung, Grafik, Prosa) und Kennet Lekko (Malerei, Installation) unterhalten.

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Kennet Lekko

Über die Herausforderungen für junge Kunstschaffende:

Florian: Nicht drogenabhängig werden.
Helene: Die Komplexität des Aufgabenprofils: Die Website muss aktuell sein, Social Media muss mit Inhalten gefüttert werden., Außerdem soll auch noch freie und frische Kunst produziert werden. Wenn die Verkäufe beginnen, schließen sich weitere Themenfelder an die Selbstständigkeit an, die bekanntermaßen jeden Spirit fressen. Die klassischen Bürotätigkeiten für Steuer und KSK (Künstler*innen Sozialkasse) mit ihrem hohen zeitlichen und finanziellem Aufwand. Mit dem Ende der Ausbildung braucht es einen Atelierplatz. In Berlin noch einen bezahlbaren Ort zum Arbeiten zu finden, wird kontinuierlich schwieriger. Da klopft das Existenzminimum an die Tür und hat seinen treuen Begleiter Erfolgsdruck gleich dabei.
Kennet: Viele junge Künstler*innen sind sehr aktiv in der Szene, organisieren Ausstellungen und Events. Doch der schwierige Teil ist, dass diese Arbeit die richtigen Menschen sehen. Die Menschen, die bereit sind die Künstler*innen zu unterstützen. Zu einer nachhaltigen Karriere gehört so viel mehr, als Kunst zu erschaffen. Du musst alle organisatorischen Aufgaben bewältigen, die deine Energie rauben, die du eigentlich für die künstlerische Entwicklung benötigst. Außerdem ist die Definition von "jung" in der Szene sehr anders, als in anderen Bereichen. Während ein*e Sänger*in mit 26 als reif gilt, ist ein*e Künstler*in mit Anfang 30 fast noch zu jung. Einige Galerien haben mir bereits gesagt, dass sie meine Arbeit zwar lieben, mir jedoch raten würden, zu warten, bis ich Mitte 30 bin. Eine Herausforderung ist also, dir selbst treu zu bleiben, nicht aufzugeben und einen bequemeren Weg zu wählen.

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Marta Djourina

Über Berlin als Kunststadt:

Kennet: Die Stadt ist übersättigt von Künstler*innen, besonders weil dieser Beruf als “cool” angesehen wird und sich viele Leute so bezeichnen. Das Wort Künstler hat seinen sozialen Wert und seine Kredibilität eingebüßt. Hier sind alle Künstler*in oder DJ. Berlin ist dennoch ein großartiger Ort, um Kunst zu schaffen und Inspiration zu finden. Wenn es darum geht, es finanziell “zu schaffen”, dann gibt es definitiv Städte mit höherem Kapital. Aber Berlin ist günstiger und offener als die meisten europäischen Hauptstädte.
Florian: Wenn du es nicht in Berlin schaffst, kannst du immer noch nach Leipzig gehen.
Helene: Im Vergleich zu den anderen wichtigen Kunststädten wie New York oder London ist es hier vor allem wegen der Lebenshaltungskosten einfacher anzukommen und zu bleiben. Auch wenn sich das derzeit rasant verändert. Die Kunst- und Kulturszene in Berlin hat eine diverse Infrastruktur. Das kann einerseits den Einstieg leichter machen, kann aber andererseits überfordern. Die Szene kann noch Ausstellungsformate abseits der gewohnten Pfade aufbieten, die sich abseits des Mainstreams behaupten. Manchmal gehen die aber unter, weil sich die Kunst- und Kulturpresse auf das Etablierte konzentriert. Das hat Folgen für die Szene, die Berlin maßgeblich zu dem macht was es ist – laut, kreativ, unvorhersehbar, schlaflos, enthusiastisch, rough und wundervoll. Seltsam, dass sich die Politik einen Scheiß dafür interessiert. Die Kunst- und Kulturszene ist der weiche Standortfaktor für Berlin schlechthin. Die Szene ist Berlin.

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Florian Hasselbarth

Über die Relevanz von Kunstschulen:

Helene: Aufgrund der Infrastruktur, der Werkstätten, der technischen Ausbildung und dem studentischen Netzwerk, spricht vieles für eine Ausbildung an einer Kunsthochschule. Das bedeutet nicht, dass hier ein Garant für den Einstieg in die Kunstszene gegeben ist und auch nicht, dass man es ohne Kunsthochschulabschluss nicht schaffen kann.
Florian: Geht zur Kunstschule. Im Winter ist es schön warm dort.
Kennet: Die Konkurrenz unter den Bewerbern ist gigantisch – nur ein paar Leute werden angenommen. Aufzufallen ist also gut. Ob du dich für oder gegen den Besuch einer Kunstschule entscheidest, hängt stark vom eigenen Charakter ab. In der Kunst geht es darum, deine eigene Stimme zu finden, dich nicht anzubiedern, Feedback zu filtern und die Meinung anderer Menschen nicht zu überschätzen. Auf viele Studierende haben Professor*innen einen riesigen Einfluss. Allerdings kann man sich an einer Kunstschule ein gutes Netzwerk aufbauen und bekommt Räume zum Arbeiten. Außerdem bleiben viele Künstler*innen so lange wie möglich an der Schule, um beispielsweise krankenversichert zu sein. Warte jedoch nicht bis zu deinem Abschluss, um an deiner Karriere zu arbeiten.

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Kennet Lekko

Über Geld und den Weg zum Erfolg:

Florian: Geld ist nicht so wichtig, du kannst viele Materialien bei Boesner klauen. Die haben keine Überwachungskameras.
Kennet: Eine gute Arbeitsmoral ist wichtig. Es ist ziemlich ‘millennial’, alles mal auszuprobieren und es beim kleinsten Hindernis wieder wegzuwerfen – nur um dann etwas Neues zu testen. Manche sagen, der ‘Erfolg über Nacht’ kommt nach vielen Jahren harter Arbeit hinter den Kulissen. So abgedroschen das auch klingen mag – ich glaube, dass es wahr ist. Seitdem ich in Berlin bin, bin ich permanent pleite. Aber auf eine Art, die mich dazu motiviert, härter zu arbeiten und kreative Lösungen zu finden, um Kunst zu machen. Wenn du kein Geld zum Ausgehen hast, dann bist du logischerweise häufiger im Atelier. Pleite zu sein hat mir viel über das Leben und Kreativität beigebracht. Mittlerweile mache ich etwas Geld mit meiner Arbeit und weiß es umso mehr zu schätzen. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Natürlich würde es mir ein größeres Vermögen ermöglichen umfangreichere Projekte zu realisieren.
Helene: Disziplin und einen langen Atem benötigt jede*r Künstler*in, um es zu schaffen. Das System würde ich als elitär bezeichnen, da das Kunststudium an sich ein Luxus ist. Mit Geld im Rücken sind viele Dinge leichter. Dennoch habe ich die Erfahrung gesammelt, dass Künstler*innen mit wenig finanzieller Unterstützung besser auf das vorbereitet sind, was auf sie zukommt.

Über THE show und die Rebellion gegen etablierte Strukturen:

Helene: Das Gallery Weekend ist das Event der Berliner Kunstszene und bringt wichtige Menschen und Geld in die Hauptstadt. Unseren Mittelfinger zeigen wir eher in Richtung der Geschlossenheit der Institution. Es geht gar nicht um ihre eigentliche Arbeit, die maßgeblich für die Infrastruktur ist. Aber es gibt viel Intransparenz. Wer ist offiziell eine Haltestelle für das Index-Shuttle? Wie kann sich die nächste Generation von Künstler*innen etablieren, wenn Gentrifizierung und Isolation kleine und mittelständige Galerien und unabhängige Projekträume frisst? Die Attraktion Berlins geht nicht von den Galerien aus, die etablierte Künstler*innen ausstellen, sondern von jener Szene, die noch nicht im White Cube angekommen ist. Das bedeutet nicht, dass die Arbeit, die dort passiert, nicht gut ist und alle Künstler*innen ab einem gewissen Erfolgsgrad plötzlich langweilig werden. Es geht um die Atmosphäre und die Zugänglichkeit zur Szene. Es geht um Überraschung, Verwunderung, Verstörung und Innovation. Hier liegt die magnetische Wirkung, die alle großen Player überhaupt erst nach Berlin gezogen hat. Wenn dieses Fundament wegbricht, frage ich mich, wen die Galerien an diesem Wochenende in Zukunft noch ausstellen wollen. Sehr herzlich laden wir alle zu THE show ein.
Florian: Wir rebellieren gegen die Galerien, weil sie unsere Kunst nicht zeigen. Würden sie es tun, würden wir nicht rebellieren. Aber wir sind die Besten und die Welt muss davon erfahren.

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Yannick Riemer

Über die Wünsche für die Szene:

Kennet: Ich würde mir wünschen, dass mehr Grazwurzelprojekte Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit bekommen. Es gibt so viele coole Sachen, die junge Künstler*innen auf die Beine stellen, doch die Öffentlichkeit erfährt davon wenig, weil es kein größeres Netzwerk gibt. Deswegen ist die Arbeit, die Helene macht, so wichtig. Viele Künstler*innen sind in ihrem kreativen Chaos ziemlich schlecht organisiert und manchmal sehr schüchtern, wenn es um ihre Arbeit geht. Ein fokussiertes Supportsystem, das mit Kunstschaffenden auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet, ist also unabdingbar. Heute gibt es auch mehr junge Investoren. Der Markt wird dazu gezwungen, sich zu ändern. Es gibt einen Haufen Online- und Social Media-Plattformen, die für junge Künstler*innen wichtig geworden sind – auch, wenn sie noch nicht optimal funktionieren, da Kunst auch immer mit der Persönlichkeit des Schaffenden verbunden ist. Die Leute wollen Künstler*innen persönlich kennenlernen. Es wäre schön, wenn irgendwann die Mittelsmänner wegfallen würden.
Helene: Die hohe Kunst auf dem weißen Sockel, gefeierte Exklusivität und andere isolierende Faktoren haben einen großen Teil der Bevölkerung abgeschreckt. Ich denke, dass die Abhilfe auf passivem Weg kommt. Die Schnelllebigkeit medialer Eindrücke, das seltsame Gefühl abgelenkt zu sein und am Ende doch unbefriedigt zu bleiben, darauf kann Kunst reagieren. Die Qualität des Austausches ist hier inhaltlich und ästhetisch auf diversen Ebenen angesiedelt. Die Auseinandersetzung mit den eigenen ästhetischen Vorstellungen, eine bewusste Betrachtung von Kunst und das Innehalten zum Denken wird wieder mehr Einzug in den Alltag der Menschen finden. Ich glaube fest daran, dass sich die müden, rechteckigen Augen nach dieser visuellen und inhaltlichen Qualität sehnen. Ich weiß nicht, wie lange der Prozess brauchen wird, doch das Bedürfnis ist generationsübergreifend vorhanden. Der Zugang zur Szene wird von denen gestaltet, die in der Nahrungskette ganz unten stehen.
Florian: In Zukunft wird Marihuana in Deutschland legalisiert. Ich denke, dadurch entsteht ein großer Markt. Ich würde jedem Künstler empfehlen, in das Pott-Geschäft einzusteigen und richtig viel Geld zu machen.

'The show' findet vom 26. bis 28. April hier statt: Alte Münze, Molkenmarkt 2, 10179 Berlin