Bea Feitler ist die revolutionäre Artdirectorin, von der du noch nicht gehört hast

Wie diese Frau die Magazin-Welt revolutioniert hat, zeigt eine neue Ausstellung in Berlin.

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Sep. 11 2017, 12:24pm

über Between Bridges 

Manchmal braucht es nur eine Frau, die durch ihre Beständigkeit und Kreativität die Regeln neu schreiben kann. So eine Frau war Bea Feitler. 1938 in Rio de Janeiro als Tochter jüdischer Immigranten geboren, träumte sie schon früh von einer Karriere in New York. Und die sollte sie auch haben. Im Alter von nur 25 Jahren übernahm sie gemeinsam mit Ruth Ansel die künstlerische Leitung von Harper´s Bazaar und revolutionierte das Magazin grundlegend. Im Zugwind des politischen und kulturellen Wandels der 60er Jahre formulierten sie eine neue feministische Leitlinie für das Magazin. Dieser neue Feminismus war zugänglich und gleichzeitig kritisch — und so massentauglich.


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10 Jahre später schloss sie sich mit Gloria Steinem zusammen und gründete die feministische Zeitschrift Ms. Nebenher arbeitete sie an Werbekampagnen für, unter anderem, Christian Dior, Diane von Fürstenberg, Bill Haare und Calvin Klein, sie war für das Albumcover von Black and Blue der Rolling Stones verantwortlich und wirkte an ikonischen Büchern wie White Women von Helmut Newton mit. In ihrer Gestaltung war sie zweierlei: Bestimmt und frei. Die Arbeiten dieser Pionierin werden ab morgen bei Between Bridges in Berlin gezeigt. Was Bea Feitlers Ansatz so außergewöhnlich gemacht hat, haben wir mit Marte Eknæs und Nicolau Vergueiro, den Kuratoren der Ausstellung, besprochen.

Bea Feitler war in vielerlei Hinsicht ihrer Zeit voraus. Wodurch zeichnen sich die Arbeiten der Brasilianerin aus?
Durch ihre Ausdrucksfreiheit. Sie wollte mit einem eindrucksvollen Design innovative und polemische Informationen vermitteln. Ganz besonders ist auch die Verlagerung der Normen in Richtung des Female Gaze. Dieser hat es ihr ermöglicht, die kommerzielle Darstellung von Frauen neu auszuhandeln und die Zeitschrift als Mittel zu benutzen, mit ihrer lebendigen Ästhetik gesellschaftliche Themen anzusprechen. Sie hat viel riskiert und hatte keine Angst, neue Maßstäbe in der Editorial- und Designwelt zu setzen.

Welche neue Idee der Magazinerfahrung wollte sie kreieren?
Bea Feitler war davon überzeugt, dass eine Zeitschrift, was Bilder und Text angeht, im gleichen Verhältnis aufgeteilt sein sollte, weil beides gleich wichtig ist. Die Heterogenität der Perspektiven, Referenzen und Konzepte sowie der Schriftarten, Farben und Stile war ein ebenfalls sehr wichtiges Element ihrer Arbeiten — sowohl hinsichtlich der Ästhetik als auch der Arbeitsabläufe. Der rhythmische Fluss der Zeitschrift ist auch etwas sehr Offensichtliches in ihrem Design; in jedem Editorial gibt es Metadiskurse, selbst die Werbeanzeigen wurden beim Layout mit berücksichtigt. "Eine Zeitschrift sollte fließend sein, einen Rhythmus haben. Man kann eine Seite nicht losgelöst vom Rest betrachten. Man muss sich vergegenwärtigen, was davor und danach kommt", waren ihre Worte.

Ms Cover A4 über Between Bridges

Wie wird der Female Gaze in ihren Arbeiten sichtbar?
Sie hat den Blick von einer männlichen Perspektive — durch die der weibliche Körper unausweichlich sexualisiert wird — auf die Erkundung der Möglichkeiten des Körpers als Form verschoben, sowohl was die Identität als auch das Design angeht. Zwei ihrer Markenzeichen waren die menschliche Silhouette und der Cameo, die beide den Körper zu etwas Abstraktem werden lassen und ihn gleichzeitig in den Mittelpunkt setzen. Die Verwendung unterschiedlicher Maßstäbe und Collagen war ein weiteres Mittel, das sie benutzt hat, um eine neue weibliche Identität darzustellen; sie hat Vorstellungen von Macht und Weiblichkeit spielerisch dekonstruiert. Sie scheint sich auch bewusst gewesen zu sein, wie viel Bild und Layout in Zeitschriften dazu beitragen können, fortschrittliche Ideen zu verbreiten, die oft dabei geholfen haben, die Darstellung der modernen Frau zu erweitern.

Harper's Bazaar Januar 1967 The Body über Between Bridges

Wie hat dieser mit Zeitschriften wie Harper's Bazaar zusammengepasst, für die Feitler 10 Jahre lang gearbeitet hat?
Als 25-jährige Brasilianerin hat Bea eine völlig neue Sprache, Referenzen und Perspektiven aktiviert, während sie die anspruchsvolle Ästhetik von Harper's Bazaar beibehalten hat, um die fundamentalen Umbrüche der 60er Jahre zu spiegeln. Eines der Elemente war der Zusammenhang zwischen Typografie und ihrer Beziehung zu Bildern und Zahlen. Der Text sollte den Bildern dienen. Ihre mutige Platzierung des Bazaar-Schriftzugs, der manchmal das Gesicht des Models verdeckte, war eine beachtliche Veränderung. Sie hat der Zeitschrift auch eine breite Farbpalette verliehen, in manchen Texten werden die hellen Orange-, Pink- und Grüntöne ihrer brasilianischen Herkunft zugeschrieben. Die Neuerung, unkonventionelle Models, Fotografen und Designs auszuwählen, hat die Zeitschrift ebenso zum Vorreiter gemacht, während sie trotzdem weiterhin eine klassische Publikation blieb. Außerdem hat sie das erste schwarze Model auf eine Doppelseite gebracht, was danach jahrelang nicht mehr vorgekommen ist.

Bea Feitler Portrait über Between Bridges

Wollte Feitler mit ihrem feministischen Magazin Ms. zeigen, dass sie mit der damaligen Welt der Zeitschriften unzufrieden war?
Bei Ms. hatte sie die volle Kontrolle und konnte mit einem Team arbeiten, das ihrer Vision und Herangehensweise vertraute. Levine erinnert sich daran, dass Bea Autoren davon überzeugte, ihre Texte zu kürzen, damit es mehr Platz für Fotos gab. Ms. war gewissermaßen ein Versuchslabor. Sie hat es geschafft, ein ganzes Spektrum gegensätzlicher Stile mit der übergreifenden feministischen Botschaft der Zeitschrift zu vereinen.

Feitler hatte viel mit Richard Avedon, Diane Arbus und auch mit Annie Leibovitz zu tun.
Ihre Beziehung mit Fotografen ist zentral, wenn man ihre Arbeiten verstehen will. Sie gingen auch in ihr Privatleben über, denn diese und andere Fotografen gehörten zu ihrem engsten Freundeskreis. Man sieht in jeder Kollaboration, dass Bea wusste, wie sie den Stil des jeweiligen Fotografen am besten aus ihm oder ihr herauskitzelt und mit dem Projekt in Einklang bringt.

Lesbian Images über Between Bridges

Wie haben sich die Arbeiten der Künstlerin von ihren Anfängen bis zu ihrem Tod entwickelt?
Sie hat schrittweise und in einem rhythmischen Fluss auf die Erfahrung der Zeitschrift reagiert. Sie hat ihre Form und den Text als Medium zu ihrem Vorteil eingesetzt, und um einen visuellen Diskurs einzuführen. Bereits in ihren frühen Arbeiten aus Brasilien erkennt man Elemente, die später zu charakteristischen Merkmalen ihres Werks werden würden. Feitler hat den Ausfalter als kompositorisches Mittel genutzt, und das Nebeneinander von Text und Bildern weiter erkundet. Bei Ms. hat sie all diese Ideen extrapoliert und eine einzigartige Zeitschrift-Sprache entstehen lassen, die schon in Richtung von Zines geht. Der Höhepunkt kam beim Rolling Stone und der Vanity Fair, wo sie die Collage perfektioniert hat und sie bezeichnend für die Darstellung einer ganze Generation hat werden lassen. Sie hat immer Schritt gehalten und war ihrer Zeit voraus.

Die Ausstellung "New Picture - The Work of Bea Feitler" kannst du dir ab dem 12. September bei Between Bridges in Berlin ansehen.