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Francesco Tristano zeigt auf "Piano Circle Songs" seine sanfte Seite

... erzählt uns im Interview von seinem ersten Treffen mit Chilly Gonzales und beweist uns, dass er ziemlich gute Haikus dichten kann.

von Alexandra Bondi de Antoni
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05 September 2017, 9:58am

"Ich liebe Beats, ich liebe konstante Impulse. Die Musik auf Piano Circle Songs ist das Gegenteil. Es ist sehr intim, eine melodische Art zu komponieren, die von der Tatsache inspiriert wurde, dass ich jetzt Vater bin. Durch meine Kinder habe ich gelernt, dass Piano auf eine sanftere Weise zu benutzen", erklärt Francesco Tristano den Übergang von seiner beatlastigen elektronischen Musik zu den sanfteren Melodien, die wir auf seinem neuen Album Piano Circle Songs zu hören bekommen. Nach seinen Kooperationen mit, unter anderem, Carl Craig und Moritz von Oswald hat er sich nun mit keinem Geringeren als Chilly Gonzales zusammengetan, der mit ihm einige Tracks erarbeiten hat.


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Wir haben dem Musiker vor seiner Konzert morgen im Funkhaus in Berlin ein paar Fragen gestellt, die wir aus den Songtiteln seines neuen Albums geformt haben. So haben wir herausgefunden, dass er nicht an das Konzept von Sünde glaubt und ziemlich gut darin ist, Haikus zu schreiben.

"Circle Song" — Wann hast du dich das letzte Mal im Kreis gedreht? Und wie bist du da rausgekommen?
Ich drehe mich jeden Tag im Kreis. Ich denke, es ist wichtig, dass man sich im Kreis dreht, denn so entstehen großartige Idee – oder zumindest Ideen, die müssen nicht unbedingt großartig sein. Wie man daraus kommt, geschieht eher zufällig. Das Telefon kann klingeln oder ich verlasse das Haus und etwas Neues beginnt.

"This Too Shall Go" — Kannst du einfach loslassen?
Nein, das ist nicht leicht. Ich bin zu obsessiv dafür. Ich mag es, mich in Dingen zu verlieren, gerade wenn ich damit zu tun habe. Mir fällt es dann schwer, sie zu beenden oder zumindest das Gefühl zu haben, jetzt ist es genug.

"Grey Light" — Da muss ich an die Dämmerung denken. Was passiert nur vor dem Sonnenaufgang?
Da passiert viel. Ich finde die Vorstellung gut, dass einige Dinge nur in der Morgendämmerung funktionieren. Man steht zu einer bestimmten Zeit auf, sagen wir 8 Uhr morgens und du weißt, dass die Welt um diese Uhrzeit genauso tickt wie nachmittags um 15 Uhr. Aber wenn man dann mal um 5 Uhr aufsteht, dann nimmt man eine ganz andere Welt war. Die Straßen sind leerer, aber nicht menschenleer. Die Geschäfte haben noch geschlossen, aber die LKWs liefern schon an und die Bäcker bereiten ihre Schaufenster vor. Wenn ich an die Morgendämmerung denke, denke ich an einen frühen Morgen in Paris.

"Never" — Verrate uns etwas, das du noch keiner anderen Seele erzählt hast.
Niemals.

"All I Have" — Was brauchst du im Leben, damit du das Gefühl hast, du hast ein erfülltes Leben?
Das gibt es Vieles, aber darauf bin ich nicht stolz. Ich trenne mich aber von materiellen Dingen: Was wäre ein Tag ohne das Telefon, ohne einen Computer, oder in meinem Fall einen Tag ohne Piano oder Synthesizer? Wir sollten solche Dinge so oft wie möglich links liegen lassen. Was ich aber auf jeden Fall brauche: meinen Espresso am Morgen.

"Triangle Song" — Welche drei Sachen passen gut zusammen?
Ich habe darauf zwei Antworten, die eine ist musikalisch, die andere kulinarisch. Bei der Musik sind es Bass, Groove und Melodie. In der Küche sind es Olivenöl, Knoblauch und Chili.

"Pastoral" — Was war deine letzte Sünde?
Ich glaube nicht an das Konzept Sünde.

"Merl" — Wenn du eine Superpower haben könntest: welche wäre das?
Ich würde gerne eigene Flügel haben und fliegen. Spaß beiseite. Ich würde sehr gerne einen Marathon unter drei Stunden schaffen. Das kann ich momentan noch nicht.

"Nurias Lament" — Erkläre uns das genauer.
Lament ist englisch für Klagelied. Im Barock wurden viele solcher Stücke komponiert, außerdem ist der Titel eine Referenz an eine sehr bestimmte Basslinie. Dieses Stück beruht auf dieser Basslinie, deswegen habe ich es so genannt. Und meine Ehefrau heißt mit zweiten Namen Nuria.

"La Franciscana" - Wie bist du auf diesen Namen gekommen? Und was hat das mit Musik zu tun?
Diesen Song habe ich im Haus meiner Mutter geschrieben. Die Adresse, in der sie lebt, heißt "La Franciscana". Die Franziskaner sind ein Orden – und normalerweise sind es nur Männer. Es ist also außergewöhnlich, dass diese Straße nach einer Franziskanerin benannt wurde. Ich finde die Vorstellung schön, dass es die Verbindung mit dem Haus meiner Mutter gibt.

"Monologue For Two" — Was ist der intensivste Monolog für dich?
Es gibt viele Beispiele, aber für mich ist es definitive die Rede von Martin Luther King, die Carl Craig in seinem Projekt Versus sampelt. Jedes Mal, wenn er den Track spielt, bin ich sehr bewegt, ganz besonders als ich es in Detroit auf der Hauptbühne beim Movement Music Festival gehört habe. Das Stück in den den USA und dann noch in Detroit zu hören, war so intensiv.

"Tryst" — Das perfekte erste Date?
Ja, das war das perfekte erste Date, wenn du mein Treffen mit Chilly Gonzales meinst, der dieses Stück komponiert hat. Sein Titel ist auch eine Anspielung auf meinen Namen. Wir haben uns zwei Mal vor den Aufnahmen getroffen. Die Zusammenarbeit im Studio war ganz organisch, wir lagen auf der gleichen Wellenlänge.

"Third Haiku" — Kannst du uns ein Haiku schreiben?
Hier ist mein nicht ganz ernst gemeintes Haiku:

Hello there my friends
Do you want to play today
I am in the mood

"Piano Circle Songs" erscheint am 08. Sept bei Sony Classical. Das Album wird morgen Abend im Funkhaus in Berlin vorgestellt. Alle Informationen findest du hier.