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das etwas andere musikinterview mit dem elektro-pop-duo smerz

Wir haben mit den sympathischen Musikerinnen vor ihrem Auftritt bei Creamcake im OHM letztes Wochenende im Späti Bier getrunken.

von Alexandra Bondi de Antoni
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21 März 2017, 2:00pm

Wir sind schon lange Fans des aus Norwegen kommenden und in Kopenhagen lebenden Duos Smerz, das sich mit seinem Minimal-Techno-Pop-Sound und ihren verzaubernden Liveshows in unsere Herzen gesungen hat. Die übercoolen Catharina und Henriette, die sich schon seit ihrem 16. Lebensjahr kennen und eigentlich aus Spaß begonnen haben, zusammen Musik zu machen, sind die besten Freundinnen, die wir gerne hätten, mit denen wir stundenlang über Gott und die Welt diskutieren können, um dann bis in die frühen Morgenstunden zu tanzen. Wir haben an dieser Stelle schon öfter über die beiden berichten und haben es uns deshalb nicht nehmen lassen, sie vor ihrem Auftritt bei Creamcake auf ein Bier zu treffen. Während die Sonne Berlin zum ersten Mal in diesem Jahr in ihr warmes Licht hüllt und uns einen Vorgeschmack auf den Frühling gibt, suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen an der Spree, um die Titel ihres ersten Albums etwas näher zu beleuchten. Was hat sie zum letzten Mal begeistert? Gibt es etwas, wofür sie dankbar sind? Und was bedeutet Frausein für sie? — all das haben sie uns im Gespräch beantwortet. 

Der erste Track auf eurer Debüt-EP heißt Thrill, also Nervenkitzel. Erinnert ihr euch an das letzte Mal, als euch etwas begeistert hat?
Catharina: Als ich gestern Abend nach Hause gekommen bin, allein war, noch die Hälfte meines Essens von diesem türkischen Restaurant übrig hatte und mir zwei Folgen Girls, die ich noch nicht gesehen hatte, angeschaut habe. Das war ein echt guter Moment.
Henriette: Wahrscheinlich war ich gerade eben das letzte Mal begeistert, als die Sonne rausgekommen ist. Meine Stimmung hängt stark vom Wetter ab, ich bin leicht zu begeistern, aber genauso leicht werde ich traurig.

Der zweite Song heißt Blessed, auf Deutsch dankbar. Wofür seid ihr dankbar?
Catharina: Meine Familie und Freunde. Und für meinen Freund — wenn das zählt. 
Henriette: Für meine Familie und das Umfeld, in dem wir uns in Kopenhagen bewegen. Mit unseren Freunden dort teilen wir die gleiche Einstellung zu Musik und dem Leben im Allgemeinen.

Wie sieht diese Einstellung aus?
Catharina: Wir gehen Dinge sehr direkt an. Wir teilen dieses Gefühl, dass man nichts verstecken muss und einfach machen soll. Wenn du etwas tun willst, dann tu es! Wenn nicht, dann lass den Mist!
Henriette: Wir sprechen in dieser Gruppe viel darüber, was unsere Freunde machen und glauben alle an dieselben Dinge. 

Track 7 habt ihr Sure genannt. Gibt es etwas, worüber ihr euch sicher seid? 
Catharina: Ich bin mir nur über die Dinge sicher, die in naher Zukunft liegen, also nicht weiter weg sind als zwei Monate. Das liegt aber sicher auch, an der Art wie wir leben.
Henriette: Ich versuche, mich im Moment mit dem Gedanken anzufreunden, dass nichts im Leben sicher ist.

Wie kommt das? Ist das etwas, mit dem ihr aufgewachsen seid?
Catharina: Ja, wahrscheinlich. Man hat immer diese Vorstellung, wie es ist, erwachsen zu werden — und irgendwann realisiert man dann, dass das nie eintreffen wird.
Henriette: Wahrscheinlich ist es so, dass man, wenn man älter wird, bemerkt, dass die Menschen, die zehn Jahre älter sind als man selbst, auch nicht mehr wissen. Erwachsene verheimlichen Kindern Dinge, um sie zu schützen und sie in Sicherheit zu wägen. Aber dann werden die Kinder älter und realisieren auf einmal, dass die Welt gefährlicher ist, als sie dachten.

Gibt es einen Ort, an dem ihr euch sicher fühlt?
Catharina: Das ist immer unterschiedlich. Oslo, unsere Heimatstadt, fühlt sich manchmal wie mein sicherer Ort an. Wenn ich daran denke, habe ich dieses Bild einer Stadt, die ich sehr gut kenne, im Kopf. Aber wenn ich jetzt dorthin zurückkehre, merke ich schon, dass ich Oslo eigentlich nur fünf Jahre länger kenne. Weil wir jetzt schon so lange in Kopenhagen leben, ist diese Stadt zu unserem neuen, sicheren Ort geworden.
Henriette: Meine Wohnung könnte so ein sicherer Ort sein, aber das ändert sich auch ständig. Ich weiß nicht, ob ich einen, einzigen sicheren Ort habe.
Catharina: Wenn alles chaotisch ist, dann ist mein Elternhaus ein sicherer Ort, weil dort alles so geregelt ist. Ich kann dort einfach aufwachen und mit allen frühstücken. Mit Freunden zu feiern, kann aber auch ein sicherer Ort sein. Das kommt immer auf meine Bedürfnisse an.

Der letzte Songtitel, über den ich sprechen will, ist Girl. Wenn ihr ans Frausein denkt, was kommt euch in den Kopf?
Catharina: Über Gender haben wir neulich lange diskutiert. Wir haben uns gefragt, ob die Tatsache, wen man attraktiv findet, damit zusammenhängt, wie stark man sich zu einem Geschlecht zugehörig fühlt. Genauer gesagt: Wir haben uns gefragt, warum viele heterosexuelle Mädchen so viel girlyer im traditionellen Sinn wirken. Ob da tatsächlich ein Zusammenhang besteht oder ob das nur etwas ist, was die Gesellschaft von ihnen erwartet.
Henriette: Wir zum Beispiel fühlen uns nicht wirklich girly. Aber wir haben bemerkt, dass wir uns unseres Geschlechts am meisten bewusst waren, wenn wir in Beziehung mit Männern waren. Wir haben uns also am ehesten als Girls identifiziert, wenn wir uns zu Männern hingezogen gefühlt haben, während ohne ihre Anwesenheit unser Geschlecht nie ein großes Thema war. Wir sind generell gegen jegliche Form der Unterdrückung von Gender-Vielfalt, aber haben gemerkt, dass in Beziehungen dann doch wieder diese Einflüsse zum Vorschein kommen, mit denen man aufgewachsen ist. Dann will man sich plötzlich als Mädchen fühlen und erwartet von dem Typ, dass er sich in einer bestimmten Art und Weise verhält, während man das gleichzeitig von der Gesellschaft aber eigentlich nicht will.
Catharina: Wir haben großes Glück, dass unser Geschlecht bislang kein großes Thema für uns war. Wir hatten nie das Gefühl, dass wir etwas nicht erreichen konnten, weil wir Frauen sind. Allgemein ist das natürlich immer noch ein großes Problem in der Musikindustrie. Es gibt ganz offensichtlich nicht genug weibliche Produzenten. Aber die Dinge scheinen sich gerade schnell zu verändern. Es gibt aktuell schon viel mehr Mädchen in Musikhochschulen in Norwegen als vor ein paar Jahren.
Henriette: Es ist wichtig, über unseren Job reden, weil es so vielleicht anderen Mädchen leichter fällt, sich vorzustellen, irgendwann mal das Gleiche zu tun. 

@Smerz

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Fotos: Sylvie Weber

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