peter lindbergh erzählt, wann er gemerkt hat, dass er talent hat

Und darüber, wie er Instagram für sich entdeckt hat.

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Feb. 24 2017, 9:55am

Peter Lindbergh ist einer dieser Menschen, bei denen man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, so viel kann man über das Leben und das Schaffen des über 70-jährigen Fotografen berichten. Da wäre sein großer Anteil an der Supermodel-Ära, seine revolutionäre Interpretation von Schönheit und dem Frauenbild oder seine ganz eigene Art und Weise, schwarz-weiß zu fotografieren. Da wäre auch die Tatsache, dass er schon seit über vier Jahrzehnten an der Spitze der Modebranche steht, die unzähligen Models, die ihm ihre Karrieren verdanken, oder seine mittlerweile berühmten Bilder der Stars und Sternchen der Film- und Musikwelt. Man könnte auch von den aktuellen Ereignissen in seinem Leben sprechen, wie die Anfang Februar eröffnete Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf, seine viel diskutierten Fotos für den letzten Pirelli-Kalender 2016 oder Peter Lindbergh: A Different Vision on Fashion Photography, das von Taschen verlegte Buch, das mit 400 Bildern das Schaffen von Peter, dem Großen huldigt. 

Es gibt fast nichts, was Lindbergh in seiner langen Karriere nicht gemacht hätte. Die wahnsinnige Größe und Dichte seines Œuvres würde viele wahrscheinlich dazu verleiten, sich zurückzulehnen und das Alter zu genießen. „Viele fragen mich manchmal, warum ich denn immer noch so vieles in Angriff nehme. Ich müsste das doch gar nicht, ich hätte das doch nicht nötig. Aber ich frage mich immer, wieso denken die das? Warum soll ich denn keine Lust mehr auf etwas haben? Mir ist nicht danach, mich zurückzulehnen", erklärt der Fotograf, als wir ihn zum Gespräch im Zuge seiner Signierstunde in Berlin treffen und zählt in Folge die Projekte auf, an denen er gerade gleichzeitig arbeitet. Wie es sich anfühlt, zu wissen, dass man die Karrieren von so vielen Kreativen beeinflusst hat, und ob es irgendwas im Leben von Peter Lindbergh gibt, was ihn noch staunen lässt, hat er im Anschluss darauf auch noch verraten. 

Cindy Crawford, Tatjana Patitz, Helena Christensen, Linda Evangelista, Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Karen Mulder & Stephanie Seymour, Brooklyn, 1991Vogue US © Peter Lindbergh (Courtesy of Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery) 

Weil wir in Berlin sind, würde mich zuerst einmal interessieren, welche persönliche Beziehung Sie zu Berlin haben?
In Berlin hat für mich, den Jungen aus Duisburg, alles angefangen. Ich habe damals im Karstadt am Hermannplatz als Produktfotograf gearbeitet und gleichzeitig Abendkurse belegt. Ich wollte unbedingt abstrakt malen und schnell wurde mir klar, dass ich dafür aber für mindestens zwei Semester mein Studium der klassischen Malerei durchziehen müsste. Van Gogh hat mich immer inspiriert — da wo er herkam, da wollte ich hin. Das habe ich dann auch gemacht. So bin ich also nach Arles getrampt, von dort dann weiter durch Spanien und Marokko. Nach insgesamt zwei Jahren kam ich wieder nach Deutschland. Meine Zeit in Berlin ist also insofern eine Art Schlüsselmoment — weil Ausgangspunkt — für mich gewesen.

Gibt es irgendetwas, das Sie immer tun, wenn Sie wieder hier sind?
Was ich heute in Berlin mache, ist primär das, was ich mir damals nicht leisten konnte [Lacht]. Meistens steht auch ein Besuch in der Paris Bar auf dem Programm. 

Sie haben viele Bewunderer. Wie fühlt es sich an, wenn Menschen einen offen bewundern?
Bis vor einem Jahr habe ich mich geweigert, Termine wie Signierstunden wahrzunehmen. Ich hatte absolut kein Interesse daran, das hat sich aber in der Zwischenzeit geändert. Es ist tatsächlich eine unheimlich schöne, emotionale Begebenheit. Klar, das eine oder andere Mal kam dann auch mal irgendein Idiot daher, aber im Allgemeinen finde ich es toll. Ich bin auch immer etwas verlegen, um ehrlich zu sein. Wenn, zum Beispiel, jemand wegen mir anfängt zu weinen, dann weiß ich gar nicht, was ich sagen oder machen soll [Lacht]. Richtige Groupies habe ich aber natürlich nicht.

Gibt es irgendeine Sache, die Sie immer gefragt werden?
Ja, immer kommt so was wie „Warum sind Sie eigentlich Fotograf geworden?".

Wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken, dass Sie mit Ihrer Arbeit so viele Menschen und deren Karriere beeinflusst haben?
Es ist natürlich ein gutes Gefühl, keine Frage. Man muss die Leute nicht unbedingt sehen oder überhaupt kennen, aber man weiß, dass es sie gibt, und das ist etwas sehr Schönes. Es trägt einen durch den Schlamm, wissen Sie?

Würden Sie sagen, dass Sie Stolz empfinden, wenn Sie auf Ihre Arbeit zurücksehen?
Das Wort Stolz würde ich nicht verwenden. Sagen wir lieber, es ist ein Gefühl von Freiheit — man fühlt sich freier. 

Sie sind über 70 Jahre alt. Ein Alter, in dem sich viele gemütlich zurücklehnen, jedoch wirken Sie nicht wie jemand, der still sitzen kann, sondern immer weitermacht.
Mein Drang, immer aktiv zu sein, wird nie weichen. Viele fragen mich, warum ich denn immer noch so vieles in Angriff nehme. Ich müsste das doch gar nicht, ich hätte das doch nicht nötig. Aber ich frage mich immer, wieso sie das denken? Warum soll ich denn keine Lust mehr auf etwas haben? Mir ist nicht danach, mich zurückzulehnen. Mein Kopf wird einfach nicht frei. Ich weiß, was ich machen will und was nicht — und das ist gut so. Man darf nicht zulassen, dass andere über das, was man machen will, Einfluss oder sogar Kontrolle nehmen.

Kommt es vor, dass Leute auf Sie zukommen und eine sehr festgefahrene Auffassung davon haben, wer Peter Lindbergh ist und was er tut?
Ja, das kommt vor. Aber man muss sich dann so ein bisschen davon wegbewegen, drumherum schlingeln. Man darf einfach nicht zulassen, dass andere einem selbst irgendwie suggerieren, was man zu tun, zu lassen oder wie man zu sein hat.

Gibt es ein konkretes Bild, das Sie geschossen haben, bei welchem Ihnen klar wurde, dass Sie Talent haben, ohne eine externe Meinung einzubeziehen?
Lassen Sie mich überlegen ... Wenn ich heute auf meine Arbeiten zurückblicke, sind da schon ein paar Brocken dabei. Aber wenn man in dem Moment ist, in dem so etwas passiert, ist es manchmal unheimlich schwierig, das direkt wahrzunehmen oder zu erkennen. Ich war immer besinnt, mich komplett auf meinen Standpunkt zu fixieren und mich nicht von anderen beeinflussen zu lassen.

Was unglaublich schwierig ist ...
Man muss sein Talent erkennen, pflegen und durchsetzen. Und alles andere, wie das vorher erwähnte Gefühl von Stolz oder ähnliches, fällt dann wie von alleine weg. Ich bemerke das vor allem bei Leuten, die von sich behaupten, sie seien intelligent. Sie haben ein bestimmtes Talent, haben aber nicht diesen freien Zugang zu ihrer Kreativität. Sie lassen sich so stark von den Stimmen um sie herum beeinflussen, so dass sie nie an den Punkt kommen, dieses potenzielle Talent festzunageln und etwas daraus zu machen. Stattdessen machen sie dann das, was ihr Umfeld von ihnen erwartet oder verlangt.

Tina Turner, Paris, 1989 Stern © Peter Lindbergh (Courtesy of Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery) 

Das, was Schönheit definiert, verändert sich über den Lauf der Zeit und wird sich immer weiter verändern — Mich würde interessieren, ob durch diese Veränderung sich auch Ihre Arbeit und Ihre Sicht auf Schönheit verändert hat?
Ich habe kürzlich am Pirelli-Kalender gearbeitet. Ich habe mich gefragt, was die Leute zukünftig denken würden, wenn sie in einigen Jahren auf das Frauenbild von damals schauen. Was wollen wir für einen Eindruck hinterlassen? Was heute schön ist, wird durch kommerzielles Interesse betrieben, was ich furchtbar finde. Als ich gefragt wurde, ob ich den Pirelli-Kalender machen will — ein Format mit solch riesiger Präsenz und Einfluss — habe ich nur unter der Bedingung zugesagt, dass ich es anders machen kann, als es all die Jahre zuvor gemacht wurde. Also die Frauen ungeschminkt zu zeigen.

Gibt es irgendetwas, das sie heutzutage noch erstaunt oder erschreckt?
Erschreckt eigentlich nicht, außer vielleicht ein paar politische Sachen. Erstaunen tut mich noch eine ganze Menge und das ist auch wichtig und gut so.

Was war denn das Letzte, das sie erstaunt hat?
Das Letzte, das mich erstaunt hat, war, als ich durch eine Art Selbstbeobachtung festgestellt habe, wie viele neue Blickwinkel man kennenlernen kann, wenn man sich irgendwie aus sich herausdenkt und wie man plötzlich andere Zusammenhänge erkennt, wenn man sich anders an etwas herantraut.

Heutzutage wird diese Selbstbeobachtung immer schwieriger, weil wir uns alle immer mehr ein Bild von uns online kreieren, das mit der echten Person oft wenig zu tun hat. Was denken Sie darüber?
Diese ganze Instagram-Follower-Geschichte ist mir total suspekt. Trotzdem ist es unfassbar faszinierend, welche Menge an Leuten und vor allem welche Ecken der Welt man erreichen kann. Wir haben damit tatsächlich erst vor einem Jahr angefangen, um ein bisschen mitzumachen, hatten aber nie das Ziel vor Augen, es so groß werden zu lassen. Es ist wirklich unbeschreiblich. 

@TheRealPeterLindbergh

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Titelfoto: Peter Lindbergh bei seinem Buchsigning letzten Dezember in Berlin. 
Fotos: Mit der Genehmigung von Taschen