Diese Fotografien dokumentieren eine bewegende, genderfluide Liebesgeschichte

"Beautfiul Boy" hat als Fotoprojekt von Lissa Rivera begonnen. Nachdem BJ ihr gesagt hat, dass er gerne Frauenkleider trägt, haben sie mit dem Fotografieren begonnen und wurden schließlich Liebhaber.

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Juni 9 2017, 2:01pm

Die Beziehung zwischen einem Künstler und seiner Muse ist so alt wie die Kunst selbst: Andy Warhol und Edie Sedgwick, Alexander McQueen und Isabella Blow, Ilona Staller und Jeff Koons. Die Verbindung ist intim, intuitiv und unterliegt oftmals traditionellen Geschlechterrollen. Fotografin Lissa Rivera nährt sich dem Thema weibliche Muse nicht nur in Form ihrer kreativen Präsenz, sondern auch in ihrer Funktion als konstante Mitwirkende. Denn Ihre eigene Muse ist ihr genderqueerer Freund BJ. Zusammen schaffen die beiden mit Kostümen und passenden Sets verschiedene, weibliche Fantasien. Sie zelebrieren zugleich die Muse als traditionelle Figur in der Kunst und verschieben die Geschlechtergrenzen. "Wir sind immun geworden gegen Fotos schöner Frauen. Uns wurde eingeimpft, dass es eitel ist, wenn du künstlerisch verewigt werden willst, und dass es als etwas wenig Erstrebenswertes gilt", sagt Lissa. "Ich möchte die Musen aus der Vergangenheit zeigen, die die Kunst mit ihrer Verletzlichkeit und kreativen Präsenz überhaupt erst so anziehend machen."


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Als die Idee zu Beautiful Boy geboren wurde, war BJ weder Lissas Muse, noch haben sie sich zu diesem Zeitpunkt gedatet. Die Idee zu dem Projekt kam den beiden – wie so viele der besten Ideen – auf einer langen U-Bahn-Fahrt. BJ hat Lissa gesagt, dass er sich manchmal Frauenkleider anzieht, damit aber nach dem Uniabschluss aufgehört hat, als er einen Bürojob bekommen hat. Die Fotos sollten die Verletzlichkeit und das Selbstbewusstsein zeigen. Im Laufe von mehreren Shootings und unzähligen Kostümen wurde BJ zu Lissas Muse und schließlich zu ihrem Liebhaber. Wir haben uns mit den beiden zur Eröffnung ihrer Ausstellung in New York über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterhalten.

Wart ihr nervös, als diese privaten Momente veröffentlicht und ausgestellt werden?
BJ: Ich war anfangs nervös. Es war eine sehr surreale Erfahrung, sich öffentlich so verletzlich zu zeigen. Gleichzeitig ist es aber auch sehr befriedigend. Wir bekommen manchmal von anderen queeren oder nicht-binären Menschen das Kompliment, dass ihnen diese Bilder viel Kraft geben oder dass sie sich mit ihnen identifizieren können. Das ist besonders schön.
Lissa: Es hat schon eine Weile gedauert, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Die größte Überraschung war es, Artikel aus China oder Lateinamerika über uns zu lesen. Es hat uns die Sprache verschlagen, dass unsere Arbeiten die Leben so vieler anderer Menschen beeinflussen. Zwar ist diese Arbeit sehr persönlich, aber ich habe im Laufe der Zeit gelernt, mit der Angst umzugehen, die ich anfangs hatte. Ich hoffe, dass diese Bilder Menschen Freude bereiten. Und wenn nicht, dann sollen sie zumindest ihre Wahrnehmungen in Bezug auf Themen wie Gender oder Fotografie beeinflussen, wenigstens für einen kurzen Moment.

Glaubt ihr, dass ihr auch ohne dieses Projekt zusammengekommen wärt?
BJ: Aus dem heutigen Blickwinkel betrachtet, kann ich mir ehrlich gesagt nur schwer stellen, dass Lissa und ich nach unserem Treffen nicht zusammengekommen wären. Gleichzeitig kann ich mir immer nur schwer vorstellen, anders miteinander Zeit zu verbringen, als fotografiert zu werden. Die beiden Dinge hängen so eng miteinander zusammen. Im Grunde genommen ist es genau die Abwägung zwischen öffentlicher Darstellung und den privaten Momenten unseres Alltags. Natürlich ist unsere Beziehung größer und schöner, als die Fotos vermuten lassen. Alles andere wäre auch komisch. Die Fotografien zeigen nur einige Facetten unserer Beziehung.
Lissa: Bei BJ fühle ich mich immer sicher und völlig akzeptiert. Dass ich mit so viel Liebe und Unterstützung behandelt werde, hat mir dabei geholfen, meine Stimme als Künstlerin zu finden. BJ ist so besonders und ich möchte mit meinen Fotografien seine Schönheit zelebrieren. Ich hoffe, dass ich BJ über eine längere Zeit fotografieren kann, genauso wie es Emmet Gowin, Harry Callahan und Lee Friedländer es mit ihren Partnern und Musen getan haben.

Ihr interpretiert historische Repräsentationen von Weiblichkeit neu. Wie hilft euch das dabei, traditionelle Narrative infrage zu stellen?
BJ: Es ist so toll, dass du in Bilder eintauchen kannst. Das sind komplexe Aufnahmen, die sich aus verschiedenen Einflüssen zusammensetzen, die wir für geeignet halten. Fotografie und Film haben so viel Macht. Wir wollen dieses Phänomen sichtbar machen und den Einfluss von frühen Idolen aus der Mode- und Filmbranche zeigen, die sich so tief in unser kollektives Gedächtnis – in Bezug auf die bildliche Darstellung von Weiblichkeit – eingebrannt haben.
Lissa: Ich möchte die Bedeutung der weiblichen Muse als Mitwirkende am kreativen Prozess zeigen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Frauen nicht an Kunsthochschulen studieren durften oder sogar Zeichenkurse nehmen durften. Die Geschichte von einer jungen Künstlerin, die ein Praktikum bei einem Künstler im Austausch für ihr Musen-Dasein macht, war ziemlich verbreitet. Wie haben diese kreativen und intelligenten Frauen den künstlerischen Output ihrer Meister beeinflusst? Ich werde so oft gefragt, wer BJ ist, was seine Rolle ist und wie sehr er involviert ist.

BJ, welchen Einfluss hatten die traditionell weiblichen Outfits auf die männlichen Alltagsoutfits, die du auf der Arbeit getragen hast?
BJ: Seitdem wir mit dem Projekt angefangen haben, ist meine Garderobe androgyner geworden. Ich mixe Kleider und Blusen mit Skinny Jeans und T-Shirts. Nichts Außergewöhnliches eigentlich. Ich habe erst kürzlich eine Kiste von ungetragenen Männer-Hemden gespendet. Unsere Fotos haben mich selbstbewusster gemacht.

@lissarivera

"Beautiful Boy" kannst du dir noch bis zum 15. Juli in der New Yorker Galerie ClampArt anschauen. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Credits


Fotos: Lissa Rivera