Amanda Lepore ist eine Legende (und auf Tinder)

Amanda Lepore ist eine Ikone der Mode, der Fotografie, der Nachtklubs und des Glamours. Sie ist die unmöglich perfekte Plastik-Prinzessin und ein Aushängeschild für Transgender.

von Ben Reardon; Fotos von Louie Banks
|
19 Juli 2017, 11:35am

Amanda Lepore ist Musikerin, Schauspielerin und seit vielen Jahren ein Geschöpf des Nachtlebens. Sie hat ihre eigene Kosmetiklinie lanciert, sie hat in den Musikvideos von Elton John und Grace Jones mitgespielt, mit Sex and the City-Stylistin Patricia Field gearbeitet, sie ist mit so ziemlich jedem Promi befreundet (darunter Miley Cyrus, Pamela Anderson und Lady Gaga) und stand, natürlich, Pate für eine Puppe.

Amanda persönlich zu treffen, ist eine emotionale Erfahrung. Sie ist noch makelloser und schöner als in all ihren bekannten Porträts. Sie ist eine exotische Schönheit, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Sie wirkt so magisch und hypnotisch. Sie spricht mit einem charmanten amerikanischen Akzent in verführerisch gedämpfter Tonlage. Sie ist kokett, schüchtern und fesselnd ­— alles gleichzeitig.


Auch auf i-D: Wir haben Drag-Star Violet Chachki getroffen


Lepore ist eine Hybrid-Femme-fatale, die das Freche von Jessica Rabbit, die Sexualität von Jayne Mansfield und die Weiblichkeit von Marilyn Monroe verbindet. Wenn sie sich bewegt, und wenn es nur das Entlangschreiten im Flur ist, dann würde Salome ihre Schleier fallen lassen und Caligula vor Neid kochen. Sie steht auf Pfennigabsätzen in Louboutins und trägt Agent Provocateur, wobei ihre Taille so schmal wie die einer Barbie-Puppe aussieht. Ihre schmalen langen Gliedmaßen werden von Diamanten und Spitze bedeckt und ihre Frisur und ihr Make-up sind pudert, gezupft. Alles sitzt perfekt an Ort und Stelle. Makel sucht man vergebens, genauso wie Haare. Nicht ein winzig kleines Haar, das nicht an Ort und Stelle wäre.

Amanda hat sich in ihrer Jugend geschlechtsangleichenden Prozeduren unterzogen und wurde Ende der 80er als Teil von Michael Aligs New York Club Kids bekannt. Dank Fotografen wie Terry Richardson, Steven Klein und David LaChapelle wurde sie von der Modewelt umgarnt und vergöttert. Die immer noch laufende Kollaboration mit David LaChapelle ist es auch, der sie mit ihrem Plastic-Fantastic-Image zu einer Legende gemacht hat. Ob sie mit perfekt manikürten Nägeln Diamanten schnupft, Courtney Love in einer S&M-Szene spankt, sich ihre Vagina tätowieren lässt, als menschlicher Tisch für Marky Marks Pizzaboy posiert oder Andy Warhols Porträts von Elizabeth Taylor und Marilyn Monroe nachstellt: die Zusammenarbeit ist bahnbrechend. Der Meister kreiert seine besten Arbeiten mit seiner ultimativen Muse.

Für unser Interview in London hat es sich Amanda am Ende des Bettes des Fotografen bequem gemacht, über ihrem Kopf wurden mit Kunstblumen die Buchstaben CUNT nachgebildet. Der Titel ihrer neuen Autobiografie Doll Parts ist ein Tribut an den Song der Band Hole und eine Hommage an die vielen Millionen, die sie für die Schönheitsoperationen ausgegeben hat. Das Buch ist ein Muss für jeden, der sich für Subkulturen interessiert.

Amanda, du siehst fantastisch aus.
Oh, vielen Dank.

Du siehst in Realität noch umwerfender aus als auf Bildern. Wie behältst du deine Figur und deinen Look?
Ich arbeite viel daran. Ich habe Korsett-Training, ich mache Yoga und gehe zum Sport. Das ist harte Arbeit.

Bist du extra für den CSD nach London gekommen?
Wir sind letzte Nacht gelandet, ich bin ziemlich müde, aber das passt schon. Wir sind für die Konzert heute Abend gekommen. Ich habe ein 20-minütiges Set und spiele fünf oder sechs Songs. Ich freue mich darauf!

Hat sich der CSD im Laufe der Zeit verändert?
Er macht mehr Spaß. Früher war er konservativer, heutzutage gehen mehr Menschen hin. Die CSD-Partys sind immer wild, aber die Demonstrationen in den Städten sind immer anders. Die in New York ist riesig, die in L.A. ziemlich kurz, in Australien und Kanada sind sie wieder riesig. Die Party wird heute lange gehen. Ich stehe um 2:30 Uhr auf der Bühne. Ich war noch nie in dem Club, aber ich denke, dass es eine große Party wird.

Du warst Teil der Club Kids um Michael Alig. Was sind deine Erinnerungen an die Zeit und stehst du noch in Kontakt mit Michael?
Ich habe wirklich gute Erinnerungen an die Zeit. Viele Leute, die ich treffe, erinnern mich daran und sagen, wie toll diese Zeiten war. Ich habe keinen Kontakt mit Michael. Er war auf ein paar meiner Partys, die ich in New York veranstalte, aber wir hängen nicht ab.

Du wirst heute mit Harry Charlesworth und That Girl Sussi geshootet. Wie fühlt es sich an, ein originales Club Kid zu sein und die heutigen Generation zu sehen?
Ich liebe sie! Deshalb tue ich es ja. Ich liebe es, mich schön zu machen, ich liebe es von Menschen umgeben zu sein, denen Individualität und Kreativität wichtig sind. Ich finde das persönlich alles sehr kreativ und spannend. Ich liebe Individualität. Ich reise viel und sehe überall auf der Welt, wie junge Menschen mit ihren Looks experimentieren, nicht nur als Club Kids, sondern auch als Drag Queens. Das liegt bestimmt an RuPaul's Drag Race, nehme ich an.

Hast du ein Einfluss der Sendung irgendwie gespürt?
Drag war Anfang der 90er beliebt, danach hat man nicht viele junge Drag Queens gesehen. Heutzutage sieht man wieder viele junge Menschen, die ihre Persönlichkeit mit Drag ausleben. Als Lady Gaga aufgetaucht ist und immer so toll ausgesehen hat, hat das auch viele Leute inspiriert.

Wie sieht deine Beziehung zu Lady Gaga aus?
Ich habe auf ihrer Record-Release-Party performt, sie ist toll. Ich liebe sie. Sie hat mich ein paar Mal eingeladen. Sie ist so süß und kreativ und ihre Stimme bringt mich immer zum Staunen. Und ich liebe ihre Musik. Sie ist eine tolle Performerin. Ich mag sie wirklich sehr gerne.

Hast du sie in RuPaul's Drag Race gesehen? Sie war fantastisch.
Ja, oder? Man hat gespürt, wie sie die Leute inspiriert, dass sie sie selbst sind. Alle Teilnehmer haben geweint, weil sie die wahrscheinlich auch inspiriert.

Du warst vor Kurzem in I Wish I Were Amanda Lepore mit der Drag Race-Gewinnerin Sharon Needles zu sehen. Wie ist es dazu gekommen?
Sharon Needles ist ein großer Fan von mir. Als sie Drag Race gewonnen hat, hat sie mit einem Teil des Preisgeldes genommen, um ein ganzes Album aufzunehmen. Sie hat den Song "I Wish I Was Amanda Lepore" geschrieben, weil sie so wie ich sein wollte, als ich jünger war. [Lacht]

Wer sind deine Lieblingsteilnehmer aus der aktuellen Staffel von Drag Race?
Ich fand Trinity the Tuck gut, sie hatte diesen Glamour-Look, den ich mag. Aber ich mag auch die Gewinnerin Sasha Velour, weil sie individuell und modischer ist.

Du bist eine fantastische Botschafterin für Trans-Menschen. Hast du das Gefühl, dass du der Debatte vorangebracht hast?
Ich glaube, dass sie viel sichtbarer sind. Ich hoffe, dass das, was ich tue, und Fernsehsendungen wie RuPaul's Drag Race die Leute aufklären. Ich möchte, dass Eltern mehr über ihre Kinder lernen, die das durchmachen. Sie sollen verstehen, dass ihre Kids so sie selbst sein können und das unterstützen. Der Anfang ist schwierig, genau wie der Prozess der Angleichung. Es bricht mir das Herz zu sehen, wenn Leute das alleine durchmachen müssen. Sogar mit Unterstützung ist der Prozess schwierig. Ein Kind zu sein und dann noch anders, ist so hart. Ich hoffe einfach, dass es heutzutage einfacher ist.

Was denkst du über Caitlyn Jenner? Hat ihre Sichtbarkeit zu mehr Akzeptanz von Transgender im Mainstream geführt?
Keine Ahnung. Sie hat das alles zunichtegemacht, weil sie eine Trump-Unterstützerin ist. Der hat das Gesetz von Obama über geschlechtsunspezifische Toiletten zurückgenommen. Sie hat bei nichts wirklich geholfen, meiner Meinung nach. Die Leute hassen Trump. Wir passen selbst auf uns auf und unterstützen uns. Das hat unsere Community stärker gemacht.

Was ist mit Hari Nef?
Sie ist toll, gerade bei Leuten, die sich als Individualisten betrachten und in keine Schublade gesteckt werden wollten. Sie ist anders als die anderen sichtbaren Transsexuellen. Die L'Oreal-Kampagne ist auch gut. Es ist immer positiv, wenn die Leute in den Mainstream-Medien zu sehen sind, weil das die Eltern erreicht und dabei hilft, dass uns die Leute verstehen. Das ist gut für den Dialog.

In den letzten Jahren sind Begriffe wie Genderfluidität und Nicht-binär in den Sprachgebrauch gekommen, wiederum Prominente wie Miley Cyrus haben sie einem Mainstream-Publikum nähergebracht. Was denkst du über diese Begriffe?
Ich bin in den 90ern mit so vielen genderfluiden Menschen aufgewachsen. Damals gab es dafür aber noch keinen Begriff oder Schublade. Sie haben sich nicht als genderfluid identifiziert, aber sie gab es schon immer. Ich finde es gut, wenn Leute Vorbilder haben und wenn es dafür auch einen Begriff gibt. Ich habe vor anderthalb Jahren eine Vorlesung an einer Uni gegeben und dabei so viel gelernt. Zum Beispiel dass sie nicht als Mann oder Frau gekennzeichnet werden wollen, sondern sich als geschlechtlos identifizieren. Solche Menschen kenne ich schon ewig, aber erst seit Kurzem habe ich dafür auch die richtige Terminologie. Miley ist toll.

Nähst du dir immer noch deine eigene Kleidung und wie lange brauchst du für einen Look?
Ich bin schneller geworden, aber es braucht immer noch sehr lange. Ich mag das aber, es entspannt mich. Ich liebe es, glamouröse Sachen zu tragen. Das ist von Agent Provocateur. Ich lasse mir auch Teile anfertigen und anpassen. Ich habe diese Handschuhe produzieren lassen und dann Spitze gefunden und sie dran nähen lassen. Ich arbeite in New York mit zwei Designern zusammen, die für mich Kleidung entwerfen.

Wie viele Kostüme besitzt du?
Tonnen! Ich lebe in einem Hotelzimmer. Die Decken sind hoch, die Sachen stapeln sich in kleinen Boxen bis unter die Decke.

Trägst du ein Teil zwei Mal?
Ja, ich behalte alles, was mir gut steht.

Was ist dein Lieblings-Look?
Ich habe mehrere. Ich fühle mich schön in Teilen, die Nude sind. Ich trage ein wunderschönes nudefarbenes Outfit für diesen Shoot. Ich mag es, wenn etwas nude ist und funkelt. Wahrscheinlich liegt es an Marilyn Monroes Kleid, das sie getragen hat, als sie für den Präsidenten gesungen hat. Dieser Look hat auf mich großen Einfluss ausgeübt. Für mich sah Marilyn Monroe immer am schönsten aus.

Wer sind deine Helden?
Marilyn mit Abstand, besonders an diesem Abend, als sie auch den Pelz anhatte. Aber ich mag viele der blonden Sexbomben aus den 50ern: Jayne Mansfield, Diana Dors. Ich liebe Dita von Teese, das ist mal jemand, der nicht tot ist. [Lacht]

Du hast im Laufe der Zeit mit so vielen fantastischen Fotografen zusammengearbeitet und wirklich markante Bilderwelten geschaffen, besonders mit David LaChapelle. Wie läuft der Arbeitsprozess ab?
Das macht wirklich Spaß. Er hat eine Vision, die er sehr strikt folgt, das ist schon sehr intensiv. Er hat einen Setdesigner und alles muss perfekt sein, genau so, wie er sich das vorstellt. Die Shootings sind echt hart. Er will, dass ich leide und ich mich unwohl fühle, dann fotografiert er. Das ist immer sehr schwierig. Die Leute denken, dass seien Sets mit Photoshop bearbeitet wurden, aber alles ist handgemacht und gibt es wirklich.

Wann habt ihr das letzte Mal zusammengearbeitet?
Das ist noch gar nicht so lange her, da haben wir die Marilyn- und Elizabeth-Fotos nachgestellt. Wir haben unzählige davon gemacht, weil Andy Warhol angeblich so viele Abzüge hatte. David wollte all diese Fotos machen, bis ich komplett mit Schwarz bedeckt war. Im letzten Projekt habe ich ein Showgirl im Himmel gespielt, das soll Ende des Jahres herauskommen.

Und zum Schluss: Mir wurde gesagt, dass du auf Tinder bist. Wie läuft's?
Es läuft sehr gut. Ich arbeite immer in Schwulenclubs, ich lerne anders gar keine Männer kennen. Ich habe vor Kurzem einen Typen in Rom kennengelernt. Er besucht mich bald in New York. Ich liebe Tinder — es ist toll. [Lacht].

Amanda, ABSOLUTE, Cain Jennings, Wax Wings, That Girl Sussi und Harry Charlesworth. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Tagged:
LGBT+
DRAG
pride
LGBTQ
Semana do Orgulho 2018
Amanda Lepore
VZ90