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wie vermeintlicher trash dabei hilft, gen z zu verstehen

Nach dem Erfolg von „Flaneur“ hat Ricarda Messner ein neues Magazin namens „SOFA“ auf den Markt gebracht. In der ersten Ausgabe geht es um Gen Z und was wir alles von den Anführern der Zukunft lernen können. Wir haben die Berlinerin zusammen mit ihrer...

von Alexandra Bondi de Antoni
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02 August 2016, 11:20am

Cover der ersten Ausgabe von „SOFA"

Hast du dich schon einmal gefragt, ob du deine Großeltern mögen würdest, wären sie genau jetzt so alt wie du? Oder hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, als Teenager queer zu sein und es deinen Eltern zu erzählen? Andy Coronado, die 16-jährige Schülerin aus New Jersey, eindeutig schon. Sie ist ihres Zeichens Guest Editor der ersten Ausgabe von SOFA, dem neuen Magazin von Flaneur-Herausgeberin Ricarda Messner, in der es um Gen Z geht—was sie bewegt und vor allem, warum es sie bewegt.

„Wir wollen herausfinden, wer Gen Z ist. Wir hatten keine Idee, was die Kids wollen und was sie tun. Wir sind wie Beobachter hineingegangen und wollten alles herausfinden. Sie haben uns gezeigt, was sie interessiert und wir sind dem dann einfach gefolgt. Deshalb war uns die Rolle des Guest Editors so wichtig", erklärt Caia Hagel, die zusammen mit Ricarda an diesem Projekt arbeitet. SOFA will nicht über ein Thema reden, sondern die Betroffenen selbst zu Wort kommen lassen. Und welcher Weg wäre passender, als sich eine junge Schülerin ins Boot zu holen, als Repräsentantin dieser neuen Generation, die uns Erwachsenen erklärt, was sie so denkt und wie sie die Zukunft sieht. Gefunden haben die beiden Andy—wie sollte es anders sein—durch stundenlanges Instagram-Scrollen. Die Kommunikation fand dann auch über Instagram und Skype statt.

Die erste Kontaktaufnahme über Instagram.

SOFA ist bunt, fast schon schrill, das Auge weiß gar nicht, wo es zuerst hinschauen soll. Wenn man durch das Magazin blättert, fühlt es sich fast so an, als würde man durch eine Webseite scrollen oder eine alte Ausgabe der Bravo in der Hand halten. Man findet eine Kolumne, die Instagram-Accounts nach ihrem Influencer-Grad bewertet, und die hinterfragt, ob viele Follower gleich viel Einfluss bedeuten, neben einem rührenden, sehr persönlichen Brief von Andy an Petra Collins, und einer Kunstkritik eines Schülers aus New York, den die beiden im Whitney Museum gefunden haben, neben einer Kritik eines renommierten Kunstkritikers. Immer wieder werden die Meinungen von vermeintlichen Laien denen von Experten gegenübergestellt, einfach nur um zu zeigen, dass beide die gleiche Wertigkeit haben, dass die vermeintliche, versnobte Hochkultur gut neben dem Mainstream, dem Trash, leben kann und die Grenzen zwischen den beiden vielleicht gar nicht so klar sind, wie wir es uns oftmals einbilden. „Wir sagen nicht, das ist Trash und das nicht. Uns geht es mehr darum zu zeigen, dass das, was als Trash gesehen wird, vielleicht doch noch etwas Wertvolles in sich birgt und das, was als wertvoll gesehen wir, gleichzeitig auch trashy ist. Wir wollen, dass unsere Leser genauer hinschauen. Nur weil etwas glossy und bunt ist, heißt es nicht, dass es Müll ist", erklären sie einstimmig.

Eine große Aufgabe, die sich die beiden auf die Schultern gepackt haben, weiß man heute doch manchmal wirklich nicht mehr, womit man es zu tun hat. Ist das nun Kunst oder doch nur Alltagsmüll und wo liegt überhaupt noch der Unterschied? Porno, Reality-TV, Videospiele, die Kardashians, Instagramstars ohne Substanz und ohne Message, die nur schön ausschauen und alles, was tabu ist oder überkonsumiert wird. Etwas, worüber man nicht wirklich nachdenken muss—das sind alles Dinge, die von der elitären Hochkultur als Müll angesehen werden. „Wir wollen den sogenannten Trash kritisieren und gleichzeitig feiern, weil es so uns alle in unserem Alltag beeinflusst, ohne dass wir es bewusst merken. Warum betrachten wir diese Bereiche nicht auch als Kunstwerke? Sie beeinflussen schließlich maßgeblich alle unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Typen haben Angst vor Schamhaaren, Frauen lassen sich ihre Vaginen operativ verschönern. Was können wir in dieser verrückten, immer weiter aus den Fugen geratenen Welt verändern, wie können wir uns auf diese Welt einlassen, anders als einen Kommentar abzugeben und Leute zu ermutigen, hinzuschauen und verschiedene Facetten wahrzunehmen. Wir wollen einen neuen kulturellen Dialog eröffnen, in dem Tabus gefeiert werden und sie dadurch gar nicht mehr so tabu werden und es OKer wird, über sie zu reden", erklärt Caia.

SOFA will uns einen Diskussionsraum lassen, eine Couch, auf der wir Platz nehmen können um zuzuhören, ohne zu verurteilen oder verurteilt zu werden. Es will sich alles offenlassen, uns zum Nachdenken anregen und auf spielerische Art und Weise Themen erkunden, die der jungen Generation wichtig sind und die bewegen.

Eine Frage, die jedoch immer wieder aufkommt, ist, warum die beiden sich dazu entschieden haben, ein Printmagazin zu launchen und ihre Inhalte nicht einfach online präsentieren. Versucht man kritisch zu hinterfragen, kontern sie und erklären, dass sie sowieso an so vielen Projekten arbeiten und SOFA auch online stattfinden wird, dass jedoch ein weiteres Magazin ein einfacherer Weg war, nachdem Ricarda mit Flaneur in den letzten Jahren so viele Erfolge feiern konnte. Über Flaneur haben sich Ricarda und Caia auch kennengelernt, als das Magazin nach Montreal zog, um über die Stadt zu berichten. Seitdem verbindet sie eine enge Freundschaft. „Caia ist meine letzte und engste Cyberlove", scherzt Ricarda. Und wenn man die beiden so sieht, merkt man, dass das erst der Anfang von SOFA ist. Die nächste Ausgabe, in der es um die eben genannte Cyberlove gehen wird, soll Ende des Jahres erscheinen. Zusätzlich basteln sie an einer App und werden im November bei einer Residency in New York bei ART x GIRLGAMES On the SOFA Red Bull Studios New York jungen Mädchen das Codieren beibringen und mit ihnen an neuen Computerspielen arbeiten. Zu dem Event wird dann auch Andy eingeladen werden, was somit auch die erste IRL-Begegnung der drei sein wird. „Wir sind richtig aufgeregt. Das wird großartig werden", schwärmt Caia. „Online ist schon gut, aber IRL dann doch noch einmal was ganz anderes." Wo sie recht hat, hat sie recht. 

sofa-universe.com

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos: via SOFA