Outside the binary: Was bedeutet nicht-binär eigentlich?

JJ Thunderkhat hat nicht-binäre Menschen in Berlin und London getroffen und mit ihnen über genau dieses Thema gesprochen.

von JJ Thunderkhat ; Fotos von JJ Thunderkhat
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11 April 2017, 9:40am

"Das Thema, auf das ich durch mein Fotoprojekt aufmerksam machen wollte, ist die Repräsentation von nicht-binären Personen, wie diese von unserer Gesellschaft wahrgenommen werden und welche Stereotype in den Medien re-produziert werden. Die derzeitige Repräsentation scheint sehr eindimensional und eine intersektionale Perspektive von nicht-binären Personen ist heutzutage kaum gegeben. Mit der Fotoserie Outside The Binary wollte ich zeigen, dass non-binary ein diverses und differenziertes Spektrum ist. Ich habe Menschen abgelichtet, die sich als Transmaskulin oder Transfeminin bezeichnen, die sich als femme identifizieren, dicke_fette Personen, Menschen mit Rassismuserfahrung und disableisierte Personen, die alle eines verbindet: sie identifizieren sich außerhalb eines binären Geschlechtersystems. Bei i-D zeige ich eine Auswahl der entstandenen Fotografien."

Katy

Wie identifizierst bzw. positionierst du dich? Als genderfluid und auf einem Spektrum zwischen femme und masc. Irgendwie beides, aber irgendwie auch nichts davon. Was denkst du über die Repräsentation von nicht-binären Personen? Die Repräsentation ist meistens maskulin zentriert und der typische androgyne Look. Non-binar heißt nicht neutral, sondern was immer du sein möchtest. Es ist mehr deine Einstellung und wie du mit Menschen interagierst als dein Aussehen.


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Was sind deine Erfahrungen als nicht-binäre Person? An manchen Tagen habe ich kein Gender und an anderen identifiziere ich mich als Frau. Es wird für mich immer komplizierter, weil ich als brown person nie in die Stereotype einer Frau gepasst habe. Als ich auf Themen wie nicht-binär oder genderfluid gestoßen bin, habe ich mich sehr frei gefühlt und endlich etwas gefunden, wo ich reinpasse. In diesem Sinne ist meine Identität auch sehr politisch. Meine Familie sagt oft Dinge, wie "das solltest du besser nicht tun, Frauen tun so etwas nicht", dann denke ich ganz oft "Über welche Frau sprecht ihr?", weil diese Erwartungen so weit von meiner Welt entfernt sind. Ich bin im Iran aufgewachsen und mit 13 nach London gezogen. Damals wurden mir viele normative Erwartungen in den Kopf gesetzt wie das Heiraten und Gründen einer Familie. Ich musste dann klarstellen, dass das nicht passieren wird. Welchen Rat würdest du jungen nicht-binären Personen mitgeben? Wenn du dich als femme identifizieren möchtest, sollte es auch erlaubt sein, dich so nennen zu dürfen. Du musst nicht denken, dass du deine Identität verändern musst, nur um in die medialen Stereotype vom Nicht-Binär-Sein zu passen. Femme sein bedeutet für jede*n etwas anderes und das macht es gerade auch aus: Man kreiert seine eigene Definition. Kämpft dagegen an, in die Norm zu passen!

Moritz

Wie identifizierst bzw. positionierst du dich? Als nicht-binär und femme. Auch wenn mir diese Aspekte meiner Identität sehr wichtig sind, versuche ich mir regelmäßig bewusst zu machen, dass ich in meinem Leben sehr viele Privilegien habe: In der Uni werde ich als cis Mann gelesen, was scheiße ist, aber mir auch Legitimation und Autorität verschafft. Allein dass ich in die Uni gehen kann, ist ein großes Privileg. Als weißes, able-bodied und dünnes Kind von Akademiker*innen mit deutscher Staatsbürgerschaft habe ich es in vielen Situationen sehr viel einfacher als andere Menschen. Diese Erkenntnis beeinflusst auch meine politischen Positionen. Was denkst du über die Repräsentation von nicht-binären Personen? Inzwischen gibt es ein paar Menschen im queeren Berlin, die relativ sichtbar sind, aber das auch nur innerhalb der sehr beschränkten queer-feministischen anti-rassistischen Szene. Ich würde mir wünschen, dass mal eine nicht-binäre Person bei RTL moderiert oder der Hauptcharakter in einem Film ist, der in den Mainstreamkinos läuft – um Menschen außerhalb unserer Blase zu erreichen. Was sind deine Erfahrungen als nicht-binäre Person? Sehr geprägt hat mich Alok Vaid-Menon mit ihren Aussage, dass nicht-binäre Personen oft das Gefühl haben, möglichst sichtbar nicht-binär zu sein, damit unsere geschlechtliche Positionierung anerkannt wird. Es stört mich, dass ich oft einfach als (queerer) cis Mann wahrgenommen werde, vor allem, wenn ich ohne Lippenstift aus dem Haus gehe. Manchmal fühle ich mich, als ob ich mir nur was vormache und das alles nur Quatsch ist und frage mich, ob es den ganzen Ärger wert ist. Glücklicherweise bin ich inzwischen an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich mir ziemlich sicher bin, was meine Identität angeht. Welchen Rat würdest du jungen nicht-binären Personen mitgeben? Das Internet hat mir unglaublich viel geholfen. Wenn ihr keine nicht-binäre Personen in eurem Umfeld habt, ist es toll, solche Menschen online zu finden. Ich versuche jetzt, Verantwortung in meiner Community zu übernehmen, dazu gehören auch meine Nachbar*innen und die Menschen, denen ich routinemäßig im Alltag begegne. Mich zu engagieren und aktiv zu versuchen, etwas zu verbessern, macht mich unglaublich stolz und hat meinem Selbstbewusstsein auf jeden Fall gut getan.

Yasmin

Wie identifizierst bzw. positionierst du dich? Gender non-conforming, demi-enby, non-binary, das kann Woche für Woche unterschiedlich sein. Manchmal ändert es sich sogar mit den Gesprächen, die ich mit nicht-binären Personen führe. Ich glaube, das liegt daran, dass ich mich noch nicht allzu lange außerhalb des binären Spektrums sehe. Alles was ich weiß ist, dass für mich Gender in der Form von zwei Polen nicht funktioniert und rückblickend auch nie funktioniert hat. Was denkst du über die Repräsentation von nicht-binären Personen? Das Internet ist in meiner Lebensrealität ein sehr wichtiger Träger dafür. So sehr ich es liebe, leichten Zugang dazu zu haben, würde ich mir mehr Repräsentation auf den Straßen wünschen. Nach Repräsentation folgt Aufklärung und aufzuklären gibt es noch viel. Was sind deine Erfahrungen als nicht-binäre Person? Ich werde meistens nicht ernst genommen oder beleidigt. "Warum hast du so große Titten, wenn du kein Mädchen bist?" oder "Schade drum" sind keine seltenen Antworten. Das fällt auch oft auf mein Selbstbewusstsein zurück und lässt mich meine Glaubwürdigkeit hinterfragen. Dann versuche ich mich daran zu erinnern, dass es zu 100% legitim ist, meine Brüste zu mögen und gerne Eyeliner zu tragen und mich trotzdem als nicht-binär zu identifizieren. Welchen Rat würdest du jungen nicht-binären Personen mitgeben? Umgebt euch mit heilsamen Personen! Es darf nicht unterschätzt werden, was die falschen Leute im eigenen Kopf anstellen können und wie sehr die Richtigen helfen.

Peach

Wie identifizierst bzw. positionierst du dich? Als agender. Das bedeutet für mich, dass ich versuche, mich von sozialisierter Geschlechtsperformance zu lösen und zu hinterfragen, was gegenderte Formen von Präsentation und Emotionen bedeuten und an welchen Linien wir eine supportende Community ziehen können. Was denkst du über die Repräsentation von nicht-binären Personen? Non-Binarität wird, wenn überhaupt, meist nur in der Form des eurozentrischen Ideals von androgynen, weißen, dünnen, gut aussehenden Personen gezeigt, Privilegien, die ich auch besitze. Deswegen finde ich es wichtig zu zeigen, dass eine Person diesen Kriterien nicht entsprechen muss, um NB zu sein. Repräsentation muss genauso wie unser Aktivismus intersektioneller werden. Was sind deine Erfahrungen als nicht-binäre Person? Es ist komplizierter, sich als NB zu outen oder mit uninformierten Personen, die mir nahestehen, darüber zu sprechen. Über Sexualität wissen inzwischen die meisten Leute wenigstens so weit Bescheid, dass sie wissen was schwul, lesbisch und bi/pan bedeutet. Doch wenn ich versuche, über Geschlecht zu sprechen, muss ich meist viel weiter ausholen und erst einmal das Konzept vom binären Geschlechtssystem, und wie man sich außerhalb dessen positionieren kann, erklären. Das kann oft anstrengend sein, doch ich habe das Glück, einen queeren Freundeskreis gefunden zu haben, in dem ich mich aufgehoben fühle und Rückhalt bekomme. Welchen Rat würdest du jungen nicht-binären Personen mitgeben? Es ist vollkommen okay, Zweifel an deiner eigenen Geschlechtsidentität zu haben und deine Labels öfter zu ändern, mehrere oder gar keine zu benutzen. Informier dich, lies im Internet oder in Büchern nach. Du musst dich nicht outen, wenn das dein eigenes Wohlbefinden in Gefahr bringt oder du dich noch nicht bereit fühlst. Nimm dir die Zeit, die du brauchst, auch wenn es sich manchmal schwierig und isolierend anfühlen kann, praktiziere self-care und denke daran, dass du nicht alleine bist mit deinen Erfahrungen. Nicht alles am Gender-Nonconforming-Sein ist schwierig und ernst, hab Spaß am Experimentieren und Austauschen, denn wenn wir über den Geschlechter-Tellerrand schauen, ist da eine kreative, bunte, vielfältige Welt, die sich zu entdecken lohnt.

Eric

Wie identifizierst bzw. positionierst du dich? Als non-binary und gender queer, das ist für mich dasselbe. Als ich noch jünger war, habe ich mich als gender-fluid identifiziert, mittlerweile passt der Begriff non-binary aber besser. Was denkst du über die Repräsentation von nicht-binären Personen? Es wird besser, aber die Repräsentation ist immer noch sehr schwach. Im Fernsehen gibt es fast keine nicht-binären Personen und ich kenne vielleicht höchstens eine_n nicht-binären Musiker_in, obwohl ich glaube, dass es viel mehr nicht-binäre Menschen da draußen gibt, aber wahrscheinlich besteht immer die Angst in Bezug auf das Outing. Die Angst, nicht ernst genommen zu werden. Was sind deine Erfahrungen als nicht-binäre Person? Ich bekomme viele Witze zu hören. Wann immer ich mich als nicht-binär oute, machen die Menschen abwertende Kommentare darüber wie "Denkst du, du bist ein Hubschrauber?" Das ist einfach nur albern, ich will doch eigentlich nichts, außer einfach nur existieren. Aber ich habe nichts bei diesen Äußerungen gefühlt, weil es einfach nur ist, wer ich bin. Welchen Rat würdest du jungen nicht-binären Personen mitgeben? Ich würde euch gerne wissen lassen, dass es okay ist, keine Konstante in Bezug aufs Geschlecht zu haben. Es ist okay das zu ändern und sich selbst Zeit dafür zu nehmen. Man muss sich nicht unmittelbar einer Identität zuschreiben und es ist auch okay, vorerst nicht zu wissen, wie ihr euch identifizieren wollt.

Sve

Wie identifizierst bzw. positionierst du dich? Es gibt diverse Zuschreibungen, die ausdrücken, was ich in mir fühle. Nicht-binär, trans-feminin und gender-queer oder einfach nur Transgender sind einige davon. Privilegiert bin ich durch meine gesellschaftliche weiß-deutsche Position. Ich bin mehrheitlich und dennoch nicht vollständig – sofern es das überhaupt gibt – ableisiert. Positionierung ist immer auch ein Outing, das ich nicht vollständig leisten kann und will. Was denkst du über die Repräsentation von nicht-binären Personen? Auf der einen Seite nimmt die Verwendung von * und Unterstrich_ in diversen Medien und Publikationen zu, wodurch der Eindruck entstehen könnte, dass ein großer Teil der Menschen im deutschsprachigen Raum von der Existenz dieses Anliegens wissen würde. Abgesehen davon, dass ich mich von einem Sternchen oder Unterstrich nur schlecht repräsentiert fühle, habe ich aber eher das Gefühl, dass die meisten denken, binäre transidente Menschen möchten derartig dargestellt werden. Da Transfrauen und Transmänner ganz einfach nur Männer und Frauen sind, ist das völliger Quatsch. Die Situation von binären Transpersonen wird gerade erst verstärkt thematisiert und das auch nur sehr zäh und immer noch oft verletzend. Über Nonbinary wissen die meisten Leute einfach gar nichts. Das trifft natürlich auch auf andere Genderspektren wie Genderfluide zu. Was sind deine Erfahrungen als nicht-binäre Person? Unverständnis, Ablehnung und die Verkleinerung meines Freund_innen-Kreises. Ich habe einfach keinen Bock mehr auf irgendwelche cis Menschen, die mich vollheulen, wie sehr sie sich durch meinen Wunsch so angesprochen zu werden, in ihrem Sprachfluss gestört fühlen. Wenigstens merkst du schneller, wer deine wirklichen Freund_innen sind.

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