ein neues buch feiert den muskelkult und die schwule emanzipation

Bob Mizer gilt nicht nur als Vorbild für Fotografen wie David Hockney und Robert Mapplethorpe, sondern auch als Held einer ganzen Generation. Jetzt wird sein Werk mit einem Bildband gewürdigt.

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Sep. 16 2016, 1:30pm

Instagram und Tumblr sind heutzutage voll davon: Fotos von Männern mit muskulösen Körpern, die sich mit wenig bis nichts der Welt vor dem Spiegel, im Fitnessstudio, am Strand oder am Pool präsentieren. Dass nackte Männer heute so öffentlich und auf der ganzen Welt konsumiert und geliebt werden, kommt einer Revolution gleich, über die sich viele gar nicht bewusst sind. Nackte Männer für ein männliches Publikum zu fotografieren, wurde über viele Jahrzehnte nur geduldet, wenn die Fotos als Hilfsmittel für Maler getarnt wurden.

Dick DuBois and Hank Prater (1952)

Einer der Pioniere der sogenannten physique photography ist der amerikanische Fotograf Bob Mizer, der junge, muskulöse Männer am Muscle Beach in Venice Beach sowie in seinem Studio in Hollywood ähnlichen Sets fotografiert hat. Um seine Fotos besser an den schwulen Mann zu bringen, hat er 1945 in Los Angeles die Modelagentur Athletic Model Guild (AMG) gegründet und einen regen Versandhandel mit Fotos nackter und halbnackter Männer aufgebaut. Viele der Weltkriegsveteranen sind nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Los Angeles gekommen, um ihren Traum von Schauspielerberuf zu verwirklichen. Viele davon hat der Fotograf mit seiner Kamera abgelichtet und so im Lauf seines Lebens fast über eine Viertelmillion Bilder geschossen. Der besondere Wert der AMG-Fotos liegt darin, dass sie sich erstmals eindeutig an ein schwules Publikum richten. Vorbei war die Zeit falscher Vorwände. Das Einzige, was gezählt hat: die Freude an durchtrainierten Männern. Bob Mizer hat seine Männer immer so nackt gezeigt, wie es die Gesetze der jeweiligen Zeit zugelassen haben. Frauen durften zwar bereits nackt gezeigt werden, nackte Männer allerdings galten damals aber noch als Tabu. Der 1992 verstorbene Fotograf hat Größen wie David Hockney, Gore Vidal und Robert Mapplethorpe mit seinen Fotos und Filmen nachhaltig beeinflusst.

Eddie Taylor and Monkey (1954)

Der Versand der Fotos war so erfolgreich, dass Bob Mizer in den 50ern das erste Schwulenmagazin der USA—das legendäre Physique Pictorial—und den Katalog 1000 Model Directory herausgebracht hat. Rund zehn Jahre später wurde der zweite Band des Katalogs veröffentlicht. Doch die Bilder waren klein, denn immerhin mussten unglaublich viele Fotos auf 98 Seiten untergebracht werden. Trotzdem wurden diese Bände schnell zu beliebten Sammlerstücken.

Joe Leitel, Steve Wengryn, and Don Fuller (1957)

Stan Girgosian (1950)

Nun erscheinen beide Bände bei TASCHEN neu. Nach fast 60 Jahren werden Mizers Arbeiten zum ersten Mal einem breiten Publikum zugänglich gemacht und den Fotos wird mit über 1000 Seiten endlich der visuelle Platz eingeräumt, den sie verdienen. Dafür hat die Herausgeberin Dian Hanson, die auch für die fantastischen Tom-of-Finland-Bände verantwortlich war, die Originalnegative im Format 4 Zoll x 5 Zoll als Vorlage genommen. Zum ersten Mal können so die muskelbepackten Männer nun also in aller Detailschärfe bewundert werden. So wird ein Stück schwuler Fotografiegeschichte aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Und wir finden: eine längst überfällige Wiederentdeckung eines großartigen Fotografen.

Dennis Lavia (1965)

Bob Mizer. AMG: 1000 Model Directory erscheint bei TASCHEN und ist ab Ende kommender Woche hier erhältlich.

taschen.com

Credits


Text: Michael Sader
Fotos: © The Bob Mizer Foundation, Inc.