zombies marschieren als protest gegen G20 durch hamburg

Als Protest-Aktion schleppten sich vor dem heute beginnenden G20-Gipfels hunderte Beton-Zombies durch Hamburg. Einer der Organisatoren erzählt, warum sie das gemacht haben und was Kunst alles bewegen kann.

von Joely Ketterer
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07 Juli 2017, 10:30am

Andrea Ruester

Hunderte Lehmgestalten kommen aus allen Richtungen — schleppend, trist, wie in Trance und ohne ein Wort zu sagen. Am Hamburger Burchardplatz sammeln sich die Statuen ähnlichen Menschen, die auf dem Weg zum Treffpunkt schon viele Blicke auf sich gelenkt haben. Etwa eine Stunde später fängt der Erste an, sich seines schweren Jacketts zu entledigen und das Publikum, das die Performance mittlerweile gewonnen hat, beginnt zu jubeln und zu pfeifen. Der Rest der Zombie-Prozession folgt und befreit sich ebenfalls von den Beton-Verkleidungen. Sie reißen die Hände hoch, lachen, feiern ihre neue Freiheit in jetzt farbenfroher Kleidung und umarmen sich gegenseitig.

Ein halbes Jahr lang hat das Kollektiv 1000 Gestalten an den Vorbereitungen gearbeitet. Hunderte Freiwillige meldeten sich, um Teil der Aktion am 05. Juli zu werden, zwei Tage vor dem G20-Gipfels in der Hansestadt, der heute beginnt. Ihre Botschaft ist klar: Unsere Gesellschaft kann nicht von einer Elite gestaltet werden, den Stellvertretern der 20 "wichtigsten Industrie- und Schwellenländern", die sich treffen, um über Globalisierung und Klimapolitik zu konferieren. Veränderung muss durch unser aller Engagement und Eigenverantwortung entstehen.

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Als Medium wählte die Aktivisten-Gruppe die (Performance-)Kunst, um Leute für ihre Ideen zu begeistern, die sich normalerweise nicht mit dem G20-Gipfel beschäftigen würden. Dem Team zufolge war das an den Reaktionen auf die Choreographie in Hamburg zu sehen, aber auch schon im Vorfeld an den Teilnehmern.

Gegenüber i-D sagt Sven Kämmerer von 1000 Gestalten: "Kunst ist eine universelle Sprache. Bilder, wie wir sie (...) geschaffen haben, können überall verstanden werden und andere Menschen inspirieren sich zu fragen: 'Was hat das mit mir zu tun?'. Kunst macht es möglich, Aufmerksamkeit auf Themen zu lenken, wie es in anderer Form nicht möglich ist — über eine Interpretations- und Reibungsfläche."

Laut Sven war die Motivation der Gruppe, über künstlerischen Protest starke Bilder, die durch "normale Bürger" entstanden sind, in die Welt zu senden. Sie sollten den klassischen G20-Motiven wie das Händeschütteln von Politikern, die zahlreichen Pressekonferenzen und die abgeschottete Stadt etwas entgegensetzen. "Veränderungen fangen bei dir und mir an und nicht 'da oben'", sagt der Organisator. "Kunst kann genau das sein: Der Anstoß für Veränderungen, die von jedem Einzelnen ausgehen."

Der Wunsch des Kollektivs nach mehr "identitätsstiftendem Mitgefühl" und "Gemeinsinn für die Gesellschaft" fand in der Choreographie schon einmal anfängliche Erfüllung: An der Aktion nahmen — auf den Straßen Hamburgs und hinter den Kulissen — über 1000 Freiwillige aus mehr als 85 Städten ganz Europas Teil.

Credits


Text: Joely Ketterer
Foto: Christian Angl