„frauen, die politische romane schreiben, haben einen eher schwierigen ruf.“

Wir haben uns mit der preisgekrönten New Yorker Fotojournalistin über ihr Projekt „Diagram of the Heart“ unterhalten, um etwas mehr über die Situation von Autorinnen im von der islamistischen Terrorvereinigung Boko Haram kontrollierten religiös...

von Alexandra Bondi de Antoni
|
04 Januar 2017, 11:00am

Glenna Gordon ist die international renommierte Dokumentarfotografin und Fotojournalistin, deren Arbeiten vom TIME Magazine „starke Fotografie von Signifikanz, Menschlichkeit und Verlust" genannt wurden. Darüber hinaus wurde ihr im Februar letzten Jahres veröffentlichtes Projekt Diagram of the Heart unter anderem von der New York Times als Fotoband des Jahres ausgezeichnet. In Diagram of the Heart geht es um eine Gruppe Frauen in Nigeria, die Bücher über Liebe und Ehe schreiben. Zum einen geprägt von Unterwürfigkeit gegenüber Männern, zum anderen gekennzeichnet durch kritisches Hinterfragen von Themen wie beispielsweise der Kinderehe. Wir wollen mehr über Gordon selbst, ihre Inspirationen und vor allem über die Situation von Frauen auf ihren Bildern erfahren und haben uns darüber mit ihr unterhalten. 

Wieso fotografierst du diese Frauen? Wie hast du ihr Vertrauen gewonnen? Wo sind die Bilder entstanden?
Ich bin im April 2013 das erste Mal nach Kano gereist, nachdem ich 2012 schon mal für eine andere Sache in Nigeria war. Carmen hat mir einen Tipp gegeben. Sie ist hat das Buch übersetzt und ist Expertin für die sogenannte Hausa-Literatur. Sie hat mir von diesen Frauen erzählt. Danach habe ich die Treffen dieser Autorinnen besucht und habe einzelne Frauen angerufen. Daraus haben sich dann Freundschaften mit einigen der Autorinnen gebildet.

Wie viele Frauen schreiben an diesen Geschichten? Und wie viele werden veröffentlicht?
Von ein paar Dutzend sehr populären Autorinnen und von vielen anderen, nicht so bekannten Frauen. Es gibt eine aktive Facebook-Szene. Viele der Frauen schreiben diese Bücher sehr schnell und bringen oft mehrere im Jahr als Serie heraus.

Wie sieht der Alltag dieser Frauen aus?
Viele der Frauen werden von ihren Familien und Freunden zwar respektiert, aber besonders die Frauen, die politische Romane schreiben, haben einen eher schwierigen Ruf. Das Leben im Norden Nigerias ist stark nach Geschlechtern getrennt und Frauen spielen eine andere Rolle als die Männer.

Die Geschichten werden littattafan soyayya genannt. Wie lieben diese Frauen und welche Unterschiede gibt es zum den Geschichten aus dem Westen?
In den meisten Büchern geht es um die Ehe und die Liebe zwischen Mann und Frau sowie um die Liebe innerhalb einer Familie. Es gibt viele Unterschiede zum Westen. Einer der größten ist wohl, dass die Männer viele Ehefrauen haben. Das Verhältnis zwischen den Mitehefrauen untereinander ist oft schwierig. Das ist ein ständiges Thema in den Romanen.

Wie feministisch sind die Bücher? Praktizieren die Frauen ihren eigenen Feminismus?
In vielen der Bücher geht es um traditionelle Werte, zum Beispiel was eine gute Ehefrau ausmacht, oder es geht um universelle Themen wie Armes-Mädchen-heiratet-reichen-Mann. Einige Frauen sind politisch und sprechen sich gegen Menschenhandel und Kinderehe aus. Alles passiert immer noch nach den Regeln der Hausa-Kultur, die immer noch konservativ ist, aber bestimmte Dinge ändern sich.

Was nimmst du aus der Zeit dort mit?
Mir wir bei diesem Projekt am wichtigsten, dass ich an Orten, die auf den ersten Blick nichts Schönes haben, etwas Schönes und Bedeutungsvolles finde.

Vor ein paar Jahren wurden die Bücher öffentlich verbrannt. Wie haben die Frauen darauf reagiert und was hat sich seitdem verändert? Hat der Krieg die Art und Weise verändert, wie die Frauen schreiben und publizieren?
Viele der Frauen schreiben jetzt weniger anzügliche Geschichten und es gibt viel Selbstzensur. Es gibt aber auch eine direkte Form der Zensur: die Autorinnen ändern bestimmte Textpassagen, um der Zensurbehörde zu gefallen.

Wie sehen Männer die Geschichten und werden sie von Männern gelesen? Glaubst du, dass die Bücher zu einer gerechteren Gesellschaft führen?
Ein paar Männer lesen sie, aber zum überwiegenden Teil werden sie von Frauen gelesen. Es gibt Literatur, die nur an Männer vermarktet wird, und es gibt Literatur, die sowohl an Männer als auch an Frauen vermarket wird. Weil es erfolgreiche Frauen gibt, die Bücher schreiben, haben junge Mädchen Vorbilder. Das ist für die Zukunft eine unglaubliche Chance.

Warum schreiben diese Frauen diese Geschichten überhaupt? Ist es eine Flucht vor der Realität? 
Einige Frauen schreiben über hochpolitische Themen und nutzen die Form des Romans als Mittel, um sich gegen Kinderehe, Menschenhandel etc. auszusprechen. Andere Romane verstärken die existierenden Gesellschaftsnormen. Viele sind auch einfach nur Fantasien, in denen ein armes Mädchen einen reichen Mann heiratet. Manchmal passiert das auch wirklich, aber oft bleibt es auch nur eine Fantasie.

Warum lautet der Titel Diagram of the Heart?
Zu meinen Lieblingsfotos gehört das Bild mit dem Herzen vor der Schule. Ein Freund hat mir gesagt, dass viele der Informationen nicht korrekt sind, aber ich liebe das Foto trotzdem, einfach wegen der Poetik der Sprache. Als Carmen mehrere Bücher aus Nigeria für die Ausstellung in der Open Society mitgebracht hatte, katalogisierte sie die und ihr fiel dabei auf, dass viele die Wörter heart oder love im Titel haben. So hat eins zum anderen geführt.

Was willst du mit den Bildern erreichen? Wie reagieren die Frauen auf deine Bilder? Was denken sie darüber?
Ich hoffe einfach, dass die Leser einen größeren Einblick in das Leben im Norden Nigerias bekommen. Im Westen beziehen wir den Großteil der Informationen über diese Region aus Berichten über Boko Haram. Dabei ist der Alltag so viel reicher und komplizierter, als es die Schlagzeilen suggerieren. Was die Bilder angeht: Ich erinnere mich noch gut daran, als ich einen Dummy vom Buch dem kleinen Mädchen im ersten Bild, Firdausy, gezeigt habe. Sie hat enttäuscht reagiert, weil ihr Gesicht dunkel war und ich einen Blitz nehmen sollte. Das macht ästhetisch natürlich einen Unterschied. Sie und ihre Familie waren immer unglaublich herzlich, als ich sie immer wieder besucht habe. Ich habe gerade erst 100 Bücher nach Nigeria geschickt. Ich freue mich auf die Reaktionen.

Auf den Fotos lachen die Frauen kaum. War dir das bewusst oder fällt mir das nur ins Auge?
Ich glaube nicht, dass es ein Fotoband ohne Lachen ist, aber es geht natürlich um ein ernstes Thema. Bei dem Projekt ging es mir dabei aber mehr darum, mit einer spezifischen und vorher definierten Ästhetik zu arbeiten.

@glennagordon

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos: Glenna Gordon