Wilde Szenen aus der Disco-Ära und dem Studio 54

Die ausgelassenen letzten Jahre der Disco-Ära – festgehalten in den Aufnahmen von Fotograf Bill Bernstein.

von Alice Newell-Hanson; Fotos von Bill Bernstein
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22 November 2016, 3:40pm

"Die Musik hat den ganzen Körper zum Beben gebracht", so Bill Bernstein über das Soundsystem im legendären Studio 54. Zum ersten Mal ins Studio 54 kam Bill Bernstein im Dezember 1977 durch eine Auftragsarbeit für The Village Voice, für das er als freiberuflicher Fotojournalist tätig war. Er war Mitte 20 und hatte es bereits wenig erfolgreich vorher versucht, aber konnte den Türsteher nicht überzeugen („Ich war nicht cool genug"). An diesem Abend sollte er ein Galadinner zu Ehren der Mutter von Präsident Carter, Lillian, fotografieren. Für das Dinner wurden auf der Tanzfläche Banketttische aufgestellt, die dann aber noch am selben Abend wieder abgeräumt wurden und die Stammgäste strömten in ihr Studio 54. Bernstein blieb einfach aus Neugier da, „weil ich sonst nie wieder reingekommen wäre."


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"In dieser Nacht bin ich aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen", sagt er. "Die Mischung der Leute war einfach toll. Die Menschen haben nicht in ihren Cliquen rumgehangen, sie standen in jeder Ecke, sie haben sich alle untereinander gemischt, sie haben alle getanzt, sie haben alle zusammen gefeiert."

In den nächsten zwei Jahren hat Bernstein, nach eigener Schätzung, über 26 verschiedene Clubs in New York, Long Island und New Jersey besucht. Er hat das Partyvolk im Le Clique, im Hurrah, und im Xenon in Manhattan sowie im legendären Ice Palace in Fire Island für die Nachwelt dokumentiert: Wie die Akrobaten in Lamé durch den Barnum Club von GG schweben, den legendären DJ Larry Levan in der Paradise Garage und die legendären Ledersofas im Studio 54 und die Feiernden in ihren engen Lederhosen. "Unter dem ganzen Lametta, den Spiegeln, den Discokugeln und ganzen Drum und Dran, und sogar der Musik, war etwas Anderes spürbar", so der Fotograf. "Es war eine Art Siegestanz für die LGBT-Community, für die Frauenbewegung, für Afroamerikaner und Latinos. Es war eine Zeit für Gleichberechtigung. Alle hatten das Gefühl 'Wir haben es geschafft, wir sind hier und wir haben einfach Spaß!'."

Das New Yorker Museum of Sex zelebriert mit seiner neuen Ausstellung Night Fever: New York Disco 1977-1979 die Disco-Ära und den unverkrampften Zugang von Disco zu Sexualität. Gezeigt wird eine Fotoauswahl aus seinem Bildband Disco, der letztes Jahr erschienen ist.

Wie war das Image von Disco 1977, als du angefangen hast, die Szene zu dokumentieren?
Disco wurde als Modeerscheinung gesehen. Dabei war Disco bereits in den ganzen 70ern im Underground zu Hause. Heute ist wichtig, dass wir uns daran erinnern, wie vielfältig und offen die Szene schon damals war. New York ging es wirtschaftlich nicht gut, Homophobie grassierte, Transmänner und -Frauen waren nicht wirklich akzeptiert, sie alle wurden als Ausnahme, als störend empfunden. Einen Ort zu haben, an den jeder, unabhängig von seiner Hautfarbe oder sexueller Orientierung gehen konnte, um einfach feiern und tanzen zu können, war einzigartig. Das war schon eine ganz besondere Zeit.

Im deutschen Rolling Stone habe ich neulich einen Artikel über Disco gelesen. Sie haben den Artikel mit den Fotos aus meinem Buch illustriert. Darin geht es um die Anfänge von Disco während der Nazi-Herrschaft und wie es ein Ort für die Leute war, die die Nazis gehasst haben. Sie konnten alles vergessen und tanzen. Es war ähnlich: ein Ort, um die reale Welt vergessen zu können. Eine offene und demokratische Umgebung zum Feiern.

Mit dem Film Saturday Night Fever im Dezember 1977 wurde aus der Underground-Disco-Szene plötzlich Mainstream. Mit Clubs wie dem The Loft von David Mancuso, der erst letzte Woche gestorben ist, oder Nicky Siano, der später der erste DJ im Studio 54 werden sollte. Studio 54 war der erste und einzige höherwertige Discoclub der Szene. Und natürlich wurde er zu einer Legende, obwohl er nicht der einzige in der Stadt war. Aber es war der erste Club, in den ich gegangen bin. Ich habe alle Clubs dokumentiert, die es damals gab.

Wonach hast du entschieden, in welchen Club du an welchem Tag gehst?
Ich bin kaum zu besonderen Mottopartys gegangen. Das waren die Partys, zu denen die Prominenten gekommen sind. Mich haben eher die normalen Feiernden interessiert, die nicht berühmt waren. Sie haben sich für die Partys in andere Persönlichkeiten verwandelt.

Erzähle uns mehr über die Personen, die du dort kennengelernt und fotografiert hast?
Da war zum einen Rollerena, die ständig im Studio 54 und im Xenon war, und eigentlich überall sonst gefeiert hat. Ich habe gehört, dass sie tagsüber als Bankerin an der Wall Street gearbeitet haben soll, und nachts ihre Fantasie als Prinzessin mit einem Zauberstab ausgelebt hat, eben auf Rollerskates. Sie war Teil der ganzen Partyszene und Szene im West Village. Sie ist in ihren Rollerskates die Straße heruntergefahren und hat die Leute mit ihrem Zauberstab gesegnet. Dann gab es Disco Sally, sie war 76 Jahre alt. Ihr Ehemann war gestorben und ihr Herz blutete. Dann ist sie auf eine Discoparty gegangen und wurde Stammgast im Xenon und im Studio 54. Für sie war es eine Art Wiedergeburt, Teil dieser Szene zu sein. Das Paar auf dem Cover von meinem Buch habe ich mehrere Male in den Clubs gesehen. Sie waren beinahe so etwas wie Performance-Künstler. An einem Abend habe sie Safari-Kostüme angezogen und mitten im Studio 54 ein Zelt aufgestellt.

Wusstet ihr 1977 schon, dass Disco ein Verfallsdatum hat?
Ich wusste nicht, was passieren würde. Ich dachte mir nur: 'Wie groß kann das noch werden?'. Über Jahre war Disco das alles Beherrschende. Im Radio lief die ganze Zeit Disco. Gleichzeitig gab es Rock'n'Roll, aber Disco war einfach so groß. Mein Timing war perfekt und purer Zufall: Studio 54 hat 1977 aufgemacht und 1979 wieder geschlossen. In dieser Zeit habe ich fotografiert. Das Studio 54 war beileibe nicht der einzige Discoclub, aber der Ort hatte eine große Energie. Der Wendepunkt für die Disco-Ära war, meiner Meinung nach Aids. Als ich angefangen habe, in den Clubs zu fotografieren, wurde Aids "der Schwulenkrebs" genannt. Die Leute habe über ihre Freunde gesprochen, die an dieser Krankheit gestorben sind. Alle haben gespürt, dass da etwas passiert, aber keiner wusste es genau, und es blieb ein großes Fragezeichen. Dann schließlich, ich glaube es war Anfang 1981, gaben sie bekannt, dass Aids ein Virus ist. Es herrschte so viel Angst und Panik um das ganze Thema. Die Leute dachten, dass sie, wenn sie mit einem Aids-Infizierten reden und der sie zufällig anspuckt, angesteckt werden. Oder wenn man schwitzt und sich dann die Hände gibt. Das hat die Szene komplett verändert. Es gab sie immer noch, aber sie hatte sich verändert.

Was hat die Szene Anfang der 80er noch verändert?
Da war natürlich der bekannte kulturelle Gegenwind für die Musik selbst, am bekanntesten vielleicht die Nacht- und Nebenaktion im Comiskey Park in Chicago, in der die Leute ihre Disco-Platten verbrannt haben. Die Leute hatten genug von der Musik und wollten Rock'n'Roll zurückhaben. Die ganzen Radiosender sind über Nacht von Rock auf Disco gewechselt und das blieb jahrelang so, weil es einfach wirtschaftlich so bedeutend war. Irgendwann hatten die Leute davon eben genug. So wie mit dem Hula-Hoop-Reifen. Nach einer Weile denkt man: 'OK, das habe ich schon mal gemacht'. Aber Disco war natürlich kulturell und sozial bedeutsamer als so ein Reifen.

Wie verhält sich diese Offenheit und Fortschritt der Szene mit dem heutigen politischen Klima?
Als mein Buch 2015 erschienen ist, wurde die Homoehe vom Obersten Gerichtshof legalisiert. Es wurde darüber gesprochen, dass die Flagge der Konföderation in den Südstaaten keine wirklich gute Idee ist; dass Transgender in die Armee dürfen. All die Dinge, die mich in den 70ern gefreut haben, wurden plötzlich Teil unserer Kultur. Jedes Mal, wenn solche Dinge passieren, schlägt das Pendel in die andere Richtung. Und das passiert gerade. Aber ich glaube, dass die Mehrheit offen ist und eine Gesellschaft möchte, in der jede Person akzeptiert wird. Offenheit wird am Ende gewinnen.

"Night Fever: New York Disco 1977-1979, The Bill Bernstein Photographs" kannst du dir noch bis zum 19. Februar 2017 im New Yorker Museum of Sex anschauen.

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