Die bizarre Welt der japanischen Liebeshotels

Man fährt mit dem Auto vor, das Nummernschild wird verdeckt, sucht sich am Computer ein Zimmer für eine Stunde aus und erhält den Schlüssel. Und das alles anonym, ohne jemals mit einem Mitarbeiter zu tun haben zu müssen.

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Dez. 13 2016, 10:20am

Eines ist der belgischen Fotografin Zaza Bertrand wichtig: Sie fotografiert keinen Sex. Stattdessen verbringt sie unzählige Stunden damit, etwas viel Erotischeres darzustellen, nämlich die Intimität und sexuelle Spannung zwischen zwei Menschen. Das kann sich in einem Zucken der Augenbraue widerspiegeln, dem besonderen, orangefarbenen Licht in einem weißen Hotelzimmer oder einem Bein, das sich um das Bein einer anderen Person schmiegt.


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Die Motive in ihrer neuesten Fotoserie Japanese Whispers sind Fremde, die sich auf eine Onlineanzeige gemeldet haben und bereit waren, sich in einem Liebeshotel zu treffen und dort fotografieren zu lassen. Zu sehen ist nicht die versaute, cartoonhafte Welt des schrägen Japans, sondern eine bizarre Landschaft, die natürlich und künstlich zugleich ist. Die Fotos von Zaza Bertrand verraten mehr über Sex und Intimität als die blanken Erotikaufnahmen, für die Japan weltweit bekannt ist. Wir zeigen euch eine Auswahl der besten Bilder und haben ihr ein paar Fragen zu dieser bizarren Hotelwelt gestellt.

Wie funktionieren die japanischen Liebeshotels? Und wie hast du es geschafft, dass du dort fotografieren darfst?
Man fährt da meistens mit dem Auto hin und das Kennzeichen wird durch kleine Vorhänge versteckt. Im Hotel selbst hat man mit niemanden direkten Kontakt. Man benutzt einen Automaten und sucht sich das Zimmer aus, das man haben möchte. Jeder Raum hat unterschiedliche Features und Farben. Ich habe die Zimmer immer mit den Models ausgesucht, weil ich ein Zimmer wollte, das deren Persönlichkeit widerspiegelt. Nachdem man das Zimmer ausgewählt hat, kriegt man den Schlüssel und geht rauf. Man hat eine Stunde oder mehr (man kann auch übernachten, dafür habe ich aber nie bezahlt). Das längste waren mal drei Stunden dort.

In welchen Räumen wart ihr?
Ich wollte keine kitschigen, überdekorierten Räume à la Disneyland. Wenn man das Wort Liebeshotels hört, dann hat man meistens diese Fotos im Kopf. Ich wollte einfach nur die Menschen, die diese Orte benutzen, zeigen und deutlich machen, wie bizarr diese Hotels sind. Auch junge Leute, die nicht so viel Geld haben und sich sonst nirgends treffen können, gehen dahin. Die nehmen sich halt irgendein Zimmer. Ein Pärchen wollte ein Shooting im Zimmer mit Whirlpool haben. Ich war anfangs nicht so begeistert von der Idee, aber die Kulisse war filmreif. Das fand ich sehr interessant. Das hat auch ihre Erwartungen, ihr Verlangen und ihre Fantasien gezeigt. Aber das wollte ich ursprünglich gar nicht.

Wonach suchst du deine Motive aus?
Ich war auf der Suche nach Leuten, die fotografiert werden wollten. Ich habe anfangs Leute angesprochen, die in das Hotel gegangen sind, aber das war echt schwer. Das ist definitiv kein guter Moment, um die Leute anzusprechen. Also habe ich Onlineanzeigen geschaltet, dabei hat mir ein japanischer Freund geholfen. Im Internet waren die Leute dann viel offener. Natürlich haben viele wieder abgesagt. Aber einige waren sehr neugierig auf das Projekt. Ich habe für das Hotelzimmer und die Bilder bezahlt. Für sie war es also auch ein Deal.

Du hast für die Zimmer gezahlt?
Ja, viele waren auch einfach neugierig. Das erste Mal habe ich in Fukuoka fotografiert, das liegt im Süden von Japan. Dann bin ich wieder zurück nach Tokio, da gibt es einfach mehr Optionen, weil die Stadt größer ist.

War es immer eine Überraschung, wer da kommt?
Ich habe nie gewusst, wer da genau kommt. Ich hatte keine Alters- oder Geschlechtergrenzen. Einmal kam ein Mann mit seiner Geliebten. Ein anderes Mal hatte ich ein Callgirl dabei. Sie war süchtig nach den sogenannten Host Boys, das ist ein ziemlich weit verbreitetes Phänomen in Japan. Das ist die moderne Variante der Geishas, aber heutzutage gibt es eben Männer und Frauen zur Auswahl. Sie führen dich auf ein Date aus, sitzen den ganzen Abend brav neben dir und hören dir zu. Es kostet allerdings viel Geld—deshalb ist sie ein Callgirl geworden.

Gab es Momente, in denen du Angst hattest oder du dich unwohl gefühlt hast?
Oh ja. Aber was ich im Laufe des Projekts begriffen habe, ist, dass das Aussehen oft nichts darüber aussagt, wie Leute tatsächlich sind. Ich hatte einen Typen, bei dem ich mich überhaupt nicht wohl gefühlt habe, also habe ich meinen Übersetzer gefragt, ob er mitkommt. Das würde ich normalerweise nicht tun, weil ich gerne alleine mit meinen Models bin. Aber ich habe ihn bei diesem Mann darum gebeten, im Flur zu warten, um sicher zu gehen. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass er sehr süß ist.

Wenn die Hotels eigentlich für Pärchen gedacht sind, warum hast du dann manchmal Singles fotografiert?
Ein paar der Leute sind einfach alleine gekommen. Ein Typ wollte unbedingt alleine fotografiert werden. Anfangs wollte ich keine Singles fotografieren, ich dachte mir dann aber: 'Mal schauen, was passiert.' Er wurde gerade 60 und wollte sein Porträt als Erinnerung behalten. Er hat, laut eigenen Aussagen, selbst Frauen in Hotels fotografiert und wollte die Erfahrung selbst mal erleben. Er ist der Mann auf dem Bett. Ich gebe den Shootings manchmal eine Richtung, aber oft überlasse ich sie auch dem Zufall.

Wenn du Leute in intimen Situationen fotografierst: Ist das gestellt oder spontan?
Es ist eine Mischung aus beidem. Bei anderen Projekten habe ich manchmal den ganzen Tag gewartet, bis die Beteiligten ganz vergessen haben, dass ich mit meiner Kamera anwesend bin. Aber mittlerweile gebe ich meinen Models beim Shooting Anweisungen, weil wir eben meistens nur eine Stunde haben. Ich lenke die Intimität in Bahnen. Aber natürlich haben die Leute auch eine gewisse Erwartungshaltung.

Die Leute wollten also eigentlich beim Sex fotografiert werden und du musstest ihnen sagen: 'Nein, das ist nicht das, was wir hier machen'.
Das ist ein paar Mal passiert. Das erste Pärchen – mein allererstes Shoot – hatte Sex. Ich bin dann irgendwann gegangen, weil es mir zu viel wurde. Und das ist nicht das, was ich fotografiere. Ich finde es manchmal interessanter, bestimmte Dinge nicht zu zeigen, damit sich eine Spannung aufbauen kann.

Wonach suchst du dir deine Locations aus? Du hast in deiner letzten Fotoserie Gates Communitys in Ägypten fotografiert.
Ich bin auf beide Orte beim Reisen gestoßen. Ich war wegen einer anderen Sache in Kairo und habe vor Ort diese andere Seite der ägyptischen Gesellschaft kennengelernt, die sehr interessant war. In Japan war es genauso. Ich habe dort für ein anderes Projekt fotografiert und dann dieses Hotels gefunden. Mich interessiert eben Intimität und Beziehungen. Deshalb faszinieren mich dieses Liebeshotels. Das Thema Emotionen und Beziehungen ist in Japan sehr komplex.

Wirst du auch andere Gegenden der Welt besuchen und dort fotografieren?
Ich werde mit Sicherheit andere Orte besuchen, aber Europa ist klein. Ich würde gerne ein Projekt in Frankreich umsetzen. Es ist schwierig, sich von Orten inspiriert zu fühlen, in denen man wohnt. Es ist immer leichter und spannender, irgendwo anders zu arbeiten.

@Zaza Betrand

Japanese Whispers kannst du dir in der Riot Gallery in Gent und in der Ibasho Gallery in Antwerpen anschauen. Das Buch Japanese Whispers kannst du hier kaufen.