Photography Vivian Fu

in dieser queeren skateboardcrew ist jeder willkommen

Mit Brian Anderson hat sich vor sechs Monaten einer der Großen der Skateboardwelt als schwul geoutet. Trotzdem kämpft auch diese Szene immer noch mit Homophobie, Sexismus und Rassismus. Das möchte der Künstler und Zine-Macher Jeffrey Cheung aus San...

von Emily Manning
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13 Februar 2017, 1:15pm

Photography Vivian Fu

In den 70ern hat eine Gruppe von begeisterten Surfern die bis dahin geltenden Regeln der Skateboardwelt radikal verändert: statt technisch präziser Ausführung bei Wettbewerben ging es ihnen um Anarchie und Spaß beim Runtergrinden in leeren Swimmingpools. Diese Z-Boys genannten Pioniere (Tony Alva, Stacey Peralta und Jay Adams) haben die Grundlagen für die Mentalität heutiger Skateboarder gelegt: ein Sinn für Individualität und Community, eine Ablehnung von Autoritäten, Widerstand gegen den Konformitätsdruck und Stolz auf die eigene Identität. Trotz der Kreativität und des angeblich so rebellischen Anarchogeistes hatte die Skateboard-Community lange ein Problem mit der Marginalisierung von Minderheiten. Beispiele dafür sind die kaum diskutierten Einzelheiten über die Ansichten des Skateboard-Profis Jay Adam und der Fakt, dass es bis vor sechs Monaten keinen offen schwul lebenden Skateboard-Profi gab.

Brian Anderson, der vom Thrasher Magazine zum Skater of the Year gewählt wurde, hat sich im September in einem Video von unseren Kollegen von VICE Sports öffentlich geoutet. Falls du es dir noch nicht angeschaut hast, solltest du es nachholen. In dem 26-minütigen Video wird offen und mit sehr viel Feingefühl über die Homophobie in der Skateboardszene gesprochen. Zwar war Andersons Homosexualität viele Jahre ein offenes Geheimnis, er hatte sich schon Jahre davor vor engen Freunden und Skateboardkollegen geoutet, doch die Veröffentlichung des Videos hat für eine Welle öffentlicher Unterstützung und hoffentlich für echte Veränderungen innerhalb der Szene gesorgt. Die lange Geschichte der schwullesbischen Emanzipationsbewegung hat gezeigt, wie wichtig der Widerstand gegen Autoritäten und der Kampf für die eigenen Rechte ist, genauso hat sie aber auch gezeigt, wie wichtig Pride und das Zelebrieren der eigenen Identität ist. Und genau deshalb ist Unity Skateboards, ein neues Unternehmen aus Kalifornien, so wichtig.

Jeffrey Cheung kommt aus der Gegend um San Francisco und skateboardet bereits sein ganzes Leben. „Gegen Ende der High-School-Zeit habe ich abends mit Freunden Zeichenkurse besucht und war begeistert. Ich fand es toll, Menschen, Porträts und den menschlichen Körper zu malen", erklärt er. Das habe ihn künstlerisch enorm geprägt. Cheung hat den Körper in allen Formen und Hautfarben nicht nur einfach gezeichnet, sondern diese Unterschiedlichkeit auch zelebriert. Seine Illustrationen sind auf Leinwänden, in selbst verlegten Zines und jetzt auf Skateboard-Decks zu sehen.

Die Idee zu seinem eigenen Skateboard-Unternehmen kam Cheung zwar erst vor einem Monat, doch in der kurzen Zeit hat sich unter dem Unity-Dach bereits eine vielfältige und stolze queere Skateboard-Crew versammelt. Zu Unity gehören Chelsey Del Castillo und Jess Wu, die beide wunderbare Zines produzieren. Bei Mixed Rice geht es um die Überschneidungen zwischen Queersein und einer multiethnischen asiatischen Identität, Not Shit ist, wie der Titel schon vermuten lässt, kein Scheiß. Louise Alban überzeugt auf dem Deck genauso wie als Fotografin, die in der kalifornischen Wüste ihre psychedelischen Aufnahmen schießt. Brontez Purnell bringt diesen Sommer seinen Debütroman raus. Stevie Shakes steht einen Badass-Kickflip. Und Turbo Granny zieht in der Halfpipe alle ab. Alle grinden auf Boards mit den Motiven von Cheung, die er per Hand mit Ärschen, Brüsten, Umarmungen und Botschaften wie „Unity: Together as One" bemalt.

Wir haben uns mit Jeff Cheung über seine Crew, Kreativität und über die Bedeutung von Brian Andersons Coming-out für die Skateboardszene unterhalten.

Wann hast du mit dem Zeichnen angefangen. Warum machst du das?
Meine Oma war eine dieser traditionellen chinesischen Zeichnerinnen, die mit Wasserfarben gearbeitet hat. Als Kind hatte ich aber nie das Gefühl, dass wir uns nahestehen, trotzdem hat mir das Zeichnen immer Spaß gemacht. Zu meinen Lieblingsmotiven als Kind gehörten Bäume und Pokémon. Irgendwann interessiert sich wohl jedes Kind dafür und einige behalten sich diese Freude auch bei, wenn sie älter werden. Ich habe zwar auf dem College Kunst studiert, doch erst als ich wieder nach Hause gezogen bin und den Queer Printmaking Workshop von Katie Gilmartin in San Francisco besucht habe, habe ich mit dem angefangen, was ich heute mache. Mir hat das Spaß gemacht und ich habe in meinem eigenen Tempo gearbeitet.

Welche Ideen oder Themen inspirieren dich?
Ich glaube, das hat alles mit der Auseinandersetzung mit meiner Sexualität zu tun. Ich habe in letzter Zeit ein besseres Verständnis dafür entwickelt. Früher habe ich mich geschämt, dieses verinnerlichte Gefühl der Scham in einer heteronormativen Welt. Die Körper und Situationen auf diese Art und Weise darzustellen, war für mich eine weitere Möglichkeit, mit meiner Sexualität klarzukommen. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass es darum geht, Liebe und Sexualität zu feiern und dass man sich nicht dafür schämen muss, wer man ist und was für einen Körper man hat.

Du steckst hinter Zines wie Unity Press. Was gefällt dir an dem Medium besser als an anderen Medien?
Ich habe vor vier Jahren mit Zines angefangen. Mein Lebenspartner Gabriel und ich haben Unity Press gegründet, damit wir unsere eigenen Zines verlegen können. Das hat dann dazu geführt, dass wir auch die Zines von anderen herausgebracht haben. Das Tolle an Zines ist, dass sie leicht zugänglich sind, man totale Freiheit über den Content hat und die Seiten damit befüllen kann, worauf man Lust hat — ohne Einschränkungen. Das ähnelt dem Skateboarding: Individualität und unabhängige Gedanken können hier ihren Ausdruck finden. Zines sind heutzutage noch wertvoller und wichtiger geworden, gerade weil es das Internet gibt und wir auf unseren iPhones und Laptops mit Informationen überflutet werden. Jeder sollte sein eigenes Zine machen. Das Format eignet sich hervorragend dafür, seine eigenen Ideen einem weltweiten Publikum zugänglich zu machen. 

Warum hast du deine eigene Skateboardfirma gegründet?
Der erste Gedanke dazu kam mir vor ungefähr einem Monat, als ich mit Stevie und Trevor skateboarden war. Ich hatte im echten Leben vorher noch nie andere queere Skateboarder getroffen. Ich dachte mir einfach nur, dass es Spaß machen würde, eine queere Skateboardcrew zu haben. Wie sich dann schnell herausgestellt hat, kannten wir andere queere Leute, die skateboarden, und ich habe dann einfach die Decks bemalt. Natürlich hat auch die Geschichte des Coming-outs des Skateboard-Profis Brian Anderson eine Rolle gespielt. Lacey Baker und die anderen Skateboarderinnen und von Frauen geführten Unternehmen waren auch große Inspirationen. Ich musste an mich als Teenager denken. Es hätte einen großen Unterschied für mich damals gemacht, wenn es schwule Skateboarder und ein queeres Skateboardunternehmen gegeben hätte. Die hätten mich in einer sehr verwirrenden und herausfordernden Zeit darin bestätigt, wer ich bin. Ich habe das Gefühl, dass es anderen jungen Leuten auch so geht. Ich hoffe, dass Unity Skateboards für queere Jugendliche — oder überhaupt queere Menschen — das sein kann und wird. Etwas, das sie ermutigt und positiv wirkt. Und bei allem, was gerade in den USA und auf der Welt passiert, ist es mir wichtig, dass ich der Community etwas Positives zurückgebe.

Wir werfen hier einen Blick in die weibliche Skateboardszene Berlins.

Warum legst du so viel Wert darauf, dass Unity keinen ausschließt, gerade im Kontext von queeren Skateboardern?
Angefangen hat alles mit der Idee, in der Skateboard-Community für das Queersein einzutreten. Ich finde es wichtig, den queeren Aspekt zu betonen und queeren Skateboardern eine Bühne zu geben. Queer zu sein ist eine Einstellung, nicht notwendigerweise eine Sexualität. Wir können als Projekt, das keinen ausschließen will, größer denken können als eine rein schwule Skateboardfirma. Gemeinsam können wir Mauern einreißen.

Erzähle uns mehr über die Skateboarder, die im Unity Team sind. Wie habt ihr euch kennengelernt?
Ich kannte ein paar bereits davor: durch die Kunst, durch die Zines, durch die Musik, aber selten aus einem Skateboard-Kontext. Andere waren Freunde von Freunden oder Bekannte. Eine Person hat sich sogar direkt an uns gewandt. Das Projekt hat sich durch Mundpropaganda weiterverbreitet und jeder fand die Idee gut. Einige von uns skateboarden schon länger zusammen und einige sind erst Anfänger. Wir teilen aber alle die gleiche Begeisterung dafür. Ein Ziel für mich ist es, dass ich queere Skateboarder außerhalb meines unmittelbaren Umfelds erreichen kann. Ich wünsche mir natürlich, dass es so viele Menschen wie möglich erreicht. Ich bin jedem, der bisher mitgemacht hat, sehr dankbar. Ohne sie wäre die Idee nur eine Idee geblieben, aber jetzt ist es real. 

Brian Anderson hat sich vor ein paar Monaten geoutet. Hat sich seitdem irgendwas in der Skateboardszene und den Einstellungen bezüglich Homosexualität geändert?
Ich habe seit einer Weile nichts mehr direkt mit der Skateboardszene zu tun, aber was ich so mitbekomme habe, ist, dass sich viel gebessert hat. Ich hatte das Glück, dass die Freunde, mit denen ich aufgewachsen bin und mit denen ich skateboarde, auch die ersten Menschen waren, denen ich erzählt habe, dass ich schwul bin. Sie haben mich so akzeptiert, wie ich bin. Ich bin mir bewusst, dass es nicht bei jedem so abläuft. Deshalb bin ich sehr glücklich darüber, dass Brian Anderson nach seinem Coming-out so eine große Welle der Unterstützung erhalten hat. Ich finde, sein Coming-out hat für einen großen Unterschied in der Skateboardszene gesorgt, gerade bei den jungen Leute, die sich heutzutage outen. Es ist doch erstaunlich, dass Skateboarding — eigentlich etwas, das sich per Definition gegen den Mainstream gestellt hat — so sehr Teil der gleichen heteronormativen Kultur ist. Leider gibt es auch bei uns in der Skateboardszene genug ignorante und engstirnige Geister. Aber ich hoffe, dass diese Entwicklung nicht mehr rückgängig zu machen ist. Ich weiß auch, dass ich nicht der Einzige sein kann, deswegen muss es jetzt noch viel mehr queere Skateboardprojekte geben. Ich wünsche mir, dass Skateboarding in der Zukunft ein besserer Ort für Frauen und queere People of Color wird.

Was planst du als Nächstes?
Unity Skateboards ist noch sehr klein und wir verfügen nur über begrenzte Ressourcen. Ich bemale noch jedes Board per Hand, Unterstützung ist jederzeit immer gerne gesehen. Ich möchte noch mehr queere Leute erreichen, die skateboarden oder die es gerne mal ausprobieren möchten. Queere Jugendliche sollen wissen, dass Skateboarden erstens Spaß macht und zweitens, dass sie nicht alleine sind. Wir sind viele und wir haben Macht. Gemeinsam können wir Homophobie, Sexismus, Rassismus und das Patriarchat besiegen! Wir sind queere Skateboarder, ob das anderen passt oder nicht.

Mehr Informationen zu Unity Skateboarding findest du hier.

Credits


Text: Emily Manning
Fotos: Vivian Fu

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