mark neville porträtiert auf provokante weise das vorstadtleben und kleinstadt-discos

Der für den Pulitzer-Preis nominierte britische Künstler definiert Praxis und Absicht sozialdokumentarischer Fotografie neu.

von Alice Newell-Hanson
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22 Dezember 2016, 10:12am

Sein erstes Fotobuch verteilte Mark Neville an 8.000 Haushalte der schottischen Kleinstadt Port Glasgow, nirgends sonst. Zuvor hatte er ein Jahr in der ehemaligen Schiffsbauerstadt verbracht und das Leben ihrer Einwohner in einer Phase post-industrieller Rezession dokumentiert. Als das Projekt beendet war, engagierte er die Mitglieder des örtlichen Fußballvereins, um von Tür zu Tür zu gehen und das Buch mit den Fotos an die darin abgebildeten Personen zu verteilen. Die Jungs verdienten genug Geld, um Ausrüstung zu kaufen und ihre Auswärtsspiele zu finanzieren. Doch einige Einwohner der Stadt waren weniger zufrieden. Eine Gruppe evangelischer Einwohner organisierte hinter dem örtlichen katholischen Verein eine öffentliche Bücherverbrennung.

Das war im Jahr 2005. Seither hat sich Neville einer Reihe weiterer Projekte gewidmet, die auf ähnliche Weise Kleinstadtgemeinschaften erforschen—und die Ethik sozialdokumentarischer Fotografie. „Diese Fotobücher enden so oft auf den Couchtischen von weißen Leuten aus der Mittelschicht wie mir", so Neville, „und nicht auf den Tischen derer, die darin zu sehen sind. Um diese Hierarchie von Publikum und Subjekt auszugleichen, versucht Neville nicht nur über sondern auch für die Gemeinschaften zu arbeiten, in die er eintaucht (und das oft für Jahre). Das bedeutet, dass die Art, mit der seine Projekte verbreitet werden, beinahe genauso wichtig ist wie die Bilder selbst.

Zwischen 2010 und 2012 fotografierte er die Einwohner von Corby, einer Stadt im Norden Englands, die von Giftmüllverschmutzung aufgrund der Umnutzung örtlicher Stahlbetriebe betroffen ist. Die einzigen Exemplare des daraus entstandenen Buchs mit dem Titel Deeds Not Words schickte er an 433 örtliche Behörden in Großbritannien, um die öffentliche Politik bezüglich Abfallentsorgung zu verändern. 2012 dokumentierte Neville die soziale Spaltung zwischen zwei benachbarten Vorstädten Pittsburghs, um andauernde ökonomische und ethnische Ungleichheiten zu verdeutlichen. Die Bilder wurden für eine Slideshow im nahen Andy Warhol Museum verwendet.

Diese drei Projekte über post-industrielle Gemeinschaften gehören zu den neun Arbeiten, die in Nevilles neuem Buch Fancy Pictures (Steidl) zu sehen sind. Es ist seine erste Monografie, die viele Bilder zeigt, die zuvor nur innerhalb der Gemeinschaften, die sie dokumentieren, zu sehen waren. 

Kannst du mir zunächst von dem Projekt in Pittsburgh erzählen? Warum hast du gerade diese beiden Vorstädte, Sewickley und Braddock, ausgewählt?
Es gab mal sehr viel Geld in Pittsburgh. Drei der fünf reichsten Menschen Amerikas lebten früher in Sewickley nahe Pittsburgh. Es waren die Industriellen vor hundert Jahren—Carnegie und Mellon. Sie hatten diese beeindruckenden Sommerhäuser, mit privaten Zoos und solchen Dingen. Viele von ihnen gehören mittlerweile Dotcom-Millionären und Basketballspielern. Es ist immer noch ein sehr angenehmer Ort. Dann hast du die andere Vorstadt, Braddock, die das Gegenteil ist.

Das Projekt wurde vom Warhol Museum in Pittsburgh in Auftrag gegeben. Eine Woche nachdem ich 2012 mein Projekt für das New York Times Magazine, „Here Is London", fertiggestellt hatte, saß ich im Flugzeug nach Amerika. Ich war für fünf Monate dort. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet, einfach fotografiert, fotografiert, fotografiert. Ich habe mir die Extreme amerikanischen Lebens angesehen und bei den sozialen Ungleichheiten schien es sich irgendwie um Ethnie zu drehen. In der ersten Nach sind wir im Auto herumgefahren und ich sah vier Mal, wie ein Fahrer von der Polizei angehalten wurde. In allen Fällen war es ein weißer Polizist und ein schwarzer Fahrer und du denkst: „Tja, da ist doch schonmal etwas falsch."

War es hilfreich, dass du Ausländer warst, oder hat es das erschwert?
Es ist tatsächlich recht hilfreich, „der Andere" zu sein. Es sagt irgendwie, dass du nicht Teil von dem bist, was auch immer vor sich geht, was dir eine gewisse implizierte Objektivität verleiht. Ich arbeite hart, um Beziehungen zu den Gemeinschaften aufzubauen, mit denen ich arbeite. Ich neige dazu, dort zu leben, wo ich arbeite. Ich bin mein ganzes Leben umhergezogen. Und ich versuche, so viel Zeit wie möglich zu haben. 

Bei wem hast du in Pittsburgh gewohnt?
In Sewickley habe ich bei einer Familie namens Smith gewohnt, die eine Werbeagentur betreibt. Sie waren sehr großzügig. Es gibt eine Menge Partys in Sewickley. Eine Redensart ist, dass „die Regenrinnen mit Whiskey gefüllt sind" oder so. Sie nennen es „den Sewickley-Wirbel"—mit Dinnerpartys, Cocktailpartys. Sie haben mich zu all ihren Partys eingeladen. In Braddock, dem ärmeren Teil der Stadt, wohnte ich gegenüber einer der letzten verbliebenen Stahlfabriken. Wärest du in den 70ern in Braddock gewesen, hätte es eine Menge Läden und Arbeit gegeben. Mit dem Niedergang der Stahlindustrie verschwand dies. In den 80ern gab es ein Problem mit Crack-Kokain. Die Vorstadt ist also irgendwie am Boden und die Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Afroamerikanern. In Sewickley siehst du hingegen selten dunkelhäutige Gesichter.

Die Fotos der beiden Vorstädte haben sehr auffällige visuelle Parallelen—sie zeigen, wie die beiden Gemeinschaften auf verschiedene Weise arbeiten, sich kleiden und Party machen. Hast du nach diesen visuellen Kontrasten gesucht oder sind sie organisch gekommen?
Die Projekte in Pittsburgh und London sind nacheinander entstanden und waren die beiden einzigen Projekte mit einer Mainstream-Plattform, die ich jemals gemacht habe: Eins wurde durch das New York Times Magazine veröffentlicht, das andere war in einer Slideshow im Andy Warhol Museum zu sehen. Meine Projekte zielen oft auf ein bestimmtes Publikum ab und ich kann kontrollieren, wer die Arbeiten sieht. Doch bei den London- und Braddock-Sewickley-Projekten wusste ich, dass ich nicht auf gleiche Weise kontrollieren werden kann, wer die Arbeiten sieht. Die Bilder mussten also selbst all die Bedeutungen übermitteln, die ich wollte. In gewisser Weise mussten die Bilder viel aggressiver sein. Also habe ich diese Kontraste verwendet—diese Paarungen der Bilder—und habe die Extreme viel mehr betrachtet, als ich es in den anderen Projekten getan habe: Mainstream und Subkultur, schwarz und weiß, reich und arm, jung und alt. All diese sehr offensichtlichen Gegensätze können eine ziemlich kraftvolle Botschaft über Ungleichheit vermitteln, wenn du sie in einem Buch oder in einer Slideshow zusammenfasst.

Was ich auch mit diesen beiden Projekten machen wollte, war, den visuellen Stil von Fotografen in Großbritannien und Amerika widerzuspiegeln, die in den 1980ern die Rezession in diesen Ländern betrachtet haben. Ich habe versucht, diese Bilder so zu belichten, dass sie aussehen, als wären sie Fotografien von Garry Winogrand. Das verleiht ihnen eine Art Zeitlosigkeit, aber es deutet auch an, dass sich soziale Kräfte in den 30 oder 40 Jahren nicht verbessert haben. Die Leute unterliegen immer noch demselben Rassismus, denselben Vermögensungleichheiten. Tatsächlich ist es in manchen Fällen sogar noch schlimmer. Es war also ein visueller Weg, diesen Punkt durch die Bilder zu verdeutlichen.

Wie sehr versuchst du, deine Bilder zu konstruieren oder zu steuern?
Sehr wenig. Für gewöhnlich stehe ich vier Stunden lang in einem Club und warte darauf, dass sich die perfekte Komposition ergibt!

Wie bist du zu der Künstlerresidenz in Port Glasgow gekommen?
Ich hatte einen MA am Goldsmiths gemacht, einen MA an der Rijksacademie in Amsterdam, einen BA an der Reading University. Ich hatte alles abgehakt, was von dir erwartet wird, wenn du ein erfolgreicher junger Kerl sein willst, weißt du? Aber ich kam trotzdem nicht weiter. Also zogen meine Partnerin und ich nach Glasgow und ich reichte einen Vorschlag bei einem öffentlichen Kunstwettbewerb ein. An diesem Zeitpunkt hatte ich es satt, zu versuchen, ein Kunstpublikum zu befriedigen und dachte: „Wäre es nicht toll, Arbeiten für ein anderes Publikum zu machen?" So viel öffentliche Kunst wird Leuten aufgezwungen. Ich dachte, wenn ich jedem ein Exemplar des Buchs gebe, dann hätten sie zumindest ein wenig Kontrolle darüber. Ich dachte auch, dass es eine Art Kritik wäre. Ich war schon immer fasziniert von dieser Art unangenehmen Voyeurismus', den ich spürte, wenn ich mir ein Buch von jemandem wie Martin Parr ansah. Es gibt beinahe eine Art Ausbeutung der Subjekte—weil sie diese Bücher nicht sehen oder davon profitieren. Ich wollte, dass alle dort alle als Teil des Buches fühlen. Aber ich bekam trotzdem sehr gemischte Reaktionen. Einige Leute haben es gehasst.

Wie hat sich das angefühlt, nachdem du ein Jahr lang versucht hast, alle glücklich zu machen?
Oh Gott, ich war so aufgebracht. Aber die Tatsache, dass ich diese Vielfalt an Reaktionen bekam, war wunderbar. Anders als in der Kunstwelt weißt du in der Öffentlichkeit und bei einer Gemeinschaft aus der Arbeiterklasse in einer Stadt wie Port Glasgow nicht, was du bekommst. Das macht es sehr menschlich und sehr real.

Was sich durch all deine Projekte zieht, sind Fotos von Clubs und vom Tanzen. Was zieht dich an diesen Umgebungen an?
Es ist eine Vielzahl an Dingen. Ich will technisch hochwertige Bilder machen und ich will Drama und Gefühle und das sind Dinge, die du in einem Club bekommst. Das Bild auf dem Cover des Buchs über Port Glasgow, „Betty Dancing", ist zum Beispiel nicht nur selbst ein starkes Bild, es fängt auch irgendwie die Gefühle ein, die mit dem Projekt verbunden sind—über Gemeinschaft, Feiern, darüber, dass das Buch ein symbolisches Geschenk ist. Viele der Städte, in denen ich arbeite—deindustrialisierte Städte—haben so viel durchgemacht. Freitag hast du vielleicht noch einen Job, ob das am Montag auch noch so sein wird, weißt du aber nicht. Man lebt als für den Moment. Es ist egal, wie viel Geld du auf dem Konto hast, du gehst aus und lässt dich total volllaufen. Es sind, allgemein gesprochen, recht trinkfreudige Gemeinschaften, in denen ich gearbeitet habe. Wie Leute feiern und Dampf ablassen, ist irgendwie integral dafür, wie diese Gemeinschaften sind. Tanzen und Clubs sind auch einfach so faszinierend. Es dreht sich alles um Gemeinschaft.

Warum hast du dich gerade jetzt dazu entschlossen, all deine Projekte in einem Buch zu sammeln? Und die richtige Zeit, ein Buch zu machen, das es zu kaufen gibt?
Diese Monografie ist kein Kunstwerk. Für gewöhnlich sind meine Bücher Teil von Kunstprojekten. Dies ist eine Studie. Ich bin zuallererst Künstler. Ich bin an den Debatten um Darstellung, Moral und Publikum interessiert. Es ist also wirklich wichtig für mich, dass diese Ideen diskutiert werden können. Und weil meine Arbeit sich überwiegend nicht an die Kunstwelt richtet, ist es schwer, dass das passiert, weil sie niemand gesehen hat! Also dachte ich, dass ich nach zehn Jahren ununterbrochener Arbeit will, dass diese Ideen diskutiert werden. Direkt nach dem Port-Glasgow-Projekt ein öffentlich verfügbares Buch zu machen, hätte die ganze Absicht des Projekts zerstört. Aber jetzt, so viele Jahre nach der Fertigstellung des Projekts, ist es, denke ich, eine angemessene Zeit. All die Projekte haben eine Art Endpunkt erreicht, an dem es nur hilfreich sein wird, dass darüber diskutiert wird.

„Fancy Pictures" ist bei Steidl erhältlich.

Credits


Text: Alice Newell-Hanson
Fotos: Mark Neville, aus dem Buch Fancy Pictures, erschienen bei Steidl

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