kann man glück messen?

In der neuen Ausstellung „The Happy Show“ untersucht Stefan Sagmeister eines der universellsten Gefühle. Nach Philadelphia und Wien macht sie nun im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt zum ersten Mal in Deutschland Station. Wir haben vorab mit dem...

|
21 April 2016, 11:05am

John Madere

Ob als kurzlebigen Moment der Ekstase oder den allumfassenden Sinn unseres einzelnen, bescheidenen Lebens. Ob als Neugeborenes, das seine Gefühle noch gar nicht bewusst zuordnen kann, oder mit einem Jahrhundert Lebenserfahrung: Wir alle suchen das Glück. (Eigentlich tun wir überhaupt nur wenig anderes.) Dabei schwankt und verändert sich die konkrete Definition dieses Wortes von Mensch zu Mensch. Von Leben zu Leben. 

Endlich hat sich nun einer dazu aufgerafft, sich mit diesem allgegenwärtigen Begriff, der in den Medien wie auch im tagtäglichen Leben exorbitant oft und willkürlich verwendet wird, auf einer neuen Ebene auseinanderzusetzen.

Stefan Sagmeister ist allem voran als Großmeister des Grafikdesigns bekannt. Und dafür, die Grenzen von Kunst und Design stets zu überschreiten. In den vergangenen zehn Jahren hat er nebenbei das Glück studiert—im biologischen, psychologischen und historischen Kontext—und seine Erkenntnisse in einer Wanderausstellung in die Dreidimensionalität übertragen. Am Freitag eröffnet The Happy Show im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt, somit erstmals in Deutschland. Zeit, ihm ein paar Fragen zu stellen.

Foto: John Madere

Sie haben sich verschiedener Methoden zur Erforschung des Glücklichseins unterzogen. Welche unterschiedlichen Ebenen an Glück haben Sie dabei an sich selbst entdeckt? Gibt es da verschiedene Klassifizierungen?
Mein Lieblingsversuch zu einer Definition teilt das Glück nach Zeitdauer ein: Da gibt es das ganz kurze wie den sekundenlangen Glücksmoment, ein mittellanges Glück wie die Zufriedenheit, die jedoch stundenlang anhalten kann, und das ganz lange Glück. Die Antwort auf die Frage zu finden, was man mit seinem Leben machen will. Der Lebenszweck.

Für das Thema haben sie eine Dekade lang geforscht. Wie würden hat sich der Begriff und das Verständnis von Glück in den letzten zehn Jahren entwickelt? Ändert sich unser Glücksempfinden mit gesellschaftspolitischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen um uns herum?
Glück hat sich radikal geändert. Martin Seligman hat vor zwei Jahrzehnten die positive Psychologie ins Leben gerufen. Das heißt, dass sich Psychologen nicht nur mit den Gründen der Krankheit auseinandersetzten, sondern auch untersuchen, was uns gesund macht. In der Zwischenzeit gibt es eine große Gruppe positiver Psychologie-Stars, die auf das Konzept „Glück" Einfluss ausüben.

Ich selbst habe gelernt, dass sich das Glück nur schwer direkt verfolgen lässt. Es muss sich von alleine einstellen. Allerdings können Situationen und Lebensbedingungen gestaltet werden, in denen die Chancen, dass es sich von alleine einstellt, erhöht werden: Ich kann versuchen, ein gutes Verhältnis zu meinen Mitmenschen herzustellen, und versuchen, ein gutes Verhältnis zu meiner Arbeit zu erreichen. Und wenn ich dann noch etwas Teil meines Lebens mache, das größer ist als ich selbst, dann geht es mir wahrscheinlich gut.

The Happy Show, Ausstellungsansicht 2015 © MAK Wien

Kann man Glück wie seinen Blutdruck messen?
Ja, eigenartiger Weise schon. Dies wird meist durch Befragung durchgeführt. Mir erschien diese Methode ursprünglich etwas primitiv, aber Harvard-Professor Daniel Gilbert führte zur Überprüfung parallel MRI-Scans durch und kam auf dieselben Ergebnisse.

Ist Glücklichsein überlebenswichtig?
Es gibt einen feinen Satz vom französischen Mathematiker Blaise Pascal, der schon im 17. Jahrhundert—also noch vor der Flut der psychologischen Zeitschriften und der daraus folgenden Suche nach dem Glück—gesagt hat: Alles, was wir machen, absolut alles, machen wir, um glücklicher zu werden. Selbst derjenige, der sich umbringt, macht das deshalb, weil er glaubt, im Tod glücklicher zu sein.

Warum war es Ihnen wichtig, dieses Thema innerhalb einer kompletten Ausstellung aufzuarbeiten?
Das war nicht durchgeplant. Wir hatten ursprünglich mit der Arbeit am Happy Film begonnen—einem Film deshalb, weil wir noch nie einen gedreht hatten und dies nach einer richtigen Herausforderung klang. Das Institut für zeitgenössische Kunst in Philadelphia hat uns dann zu einer Ausstellung eingeladen und wir wollten keine Ausstellung über unsere existierende Arbeit machen. Darum: The Happy Show.

Filmstill aus „Now is better" in „The Happy Show", Museum Angewandte Kunst 2016 © Sagmeister & Walsh

Wie sind Sie beim Aufbau der Ausstellung vorgegangen?
Ursprünglich sollte es eine Show über das Glück im Allgemeinen werden, das hat sich dann aber schnell als zu großes Thema herausgestellt: Das wäre wie eine Ausstellung über das Leben. Darum haben wir die Ausstellung auf mein eigenes Glück beschränkt, da bin ich nun auch wirklich ein Experte.

Der glücklichste Moment Ihres Lebens?
In Bali verliebt zu sein. Unschlagbar.

Ist Glücklichsein angeboren?
Ja. Viele prominente Psychologen glauben, dass das Glück bis zu 50 Prozent genetisch veranlagt ist, also teilweise angeboren.

Sind Sie mit The Happy Show glücklich?
Am meisten gefreut hat mich die E-Mail eines 15-Jährigen, der nach der Besichtigung der Ausstellung endlich den Mut gefasst hat, ein Mädchen, in das er schon lange verliebt war, zu küssen.

Wird es bei so einem universellem Thema eine Fortsetzung geben?
Ja, und zwar in einem weiteren Medium. Der Happy Film ist endlich fertig und wurde letzte Woche beim Tribeca Film Festival in New York vorgestellt. Wir beschäftigen uns jetzt mit dem Vertrieb.

museumfuerangewandtekunst.de
@stefansagmeister

The Happy Show, Ausstellungsansicht 2016, Frankfurt, Foto: Axel Schneider © Museum Angewandte Kunst

Filmstill aus „Having Guts" in „The Happy Show", Museum Angewandte Kunst 2016 © Sagmeister & Walsh

Diesen Freitag eröffnet The Happy Show im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt. Hier geht's zu weiteren Informationen zur Ausstellungseröffnung

Das könnte dich auch interessieren:

Stimmt hier für uns bei den Webby Awards in den Kategorien Best Fashion Website und Best Online Fashion Film ab.

Credits


Text: Zsuzsanna Toth