warum es das schönste ist, wenn deine eltern zu deinen freunden werden

Die Zeit der rollenden Augen und pubertären Rebellion ist vergessen. Eltern sind längst nicht mehr das Sinnbild für nervige Regeln - aber eben auch keine Superhelden. Und vielleicht ist das das Beste, was passieren konnte.

von Lisa Leinen
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22 September 2016, 7:55am

Letztes Wochenende stand ich mit meiner Mutter zu meiner Rechten und einem Glas Schaumwein zu meiner Linken auf einer Geburtstagsfeier von einem entfernten Verwandten. Es handelte sich um eine dieser Veranstaltungen, bei denen man einige Tage vorher daran zweifelt, ob man wirklich dort auftauchen sollte—und die von viel anstrengendem Smalltalk geprägt sind. So auch dieses Mal: Meine Mutter war in eine Plauderei verwickelt, die nur sehr schleppend verlief. Als der Gesprächspartner sich endlich Richtung Büffet aufmachte, drehte sich meine Mutter zu mir um, griff nach meinem Arm, blickte mir blinzelnd in die Augen und flüsterte: „Ich war gerade sehr unsicher." 

Erst einige Tage später habe ich realisiert, wie wichtig dieser Satz für uns war. Weil mir plötzlich, durch so einfache wie starke Worte, etwas klar wurde: Eltern sind keine Superhelden—sie sind auch nur Menschen. Natürlich ist das nichts Neues, aber vielleicht braucht es erst das Alter und den eigenen Versuch, erwachsen zu werden, der uns das wirklich bewusst macht. Damit einem klar wird, dass Eltern nicht perfekt und allwissend sind, dass sie nicht immer alles richtig, sondern auch viel falsch machen, dass sie falsche Entscheidungen treffen und dumme Fehler begehen, dass sie nicht immer alles auffangen und abwehren können, sondern auch mal hinfallen und sogar hinfallen müssen. Dass sie vielleicht auch mehr Schwächen als Stärken haben, und dass genau das sie aber so groß für uns macht. 

Je älter wir werden, desto mehr lösen wir uns von unseren Eltern—sei es räumlich, finanziell und vielleicht auch emotional. Wir machen unsere eigenen Erfahrungen, lernen aus unseren eigenen Fehlern und sind reif genug, das alles auch wirklich zu erfassen und zu reflektieren. Wir erzählen ihnen zwar immer noch dies und das aus unserem Leben, was sie hören wollen und sollen, aber wir fragen viel seltener nach einem Rat. Denn schließlich sind wir ja erwachsen, führen unser eigenes Leben, wohnen in der eigenen Wohnung, zahlen die Rechnungen mittlerweile selbst, bewältigen auch ohne elterliche Regeln und Hilfe irgendwie unseren Alltag. 

Und plötzlich redet man beim Abendessen über die gleichen Probleme des Lebens, die Hürden und die zu bewältigenden Aufgaben—die Themen, die uns eben alle etwas angehen. Denn obwohl man auf ewig der oder die Kleine sein wird, sitzt man seinen Eltern doch irgendwann als erwachsene Frau oder erwachsener Mann gegenüber. Und die eigenen Eltern werden im schönsten Fall zu Freunden, die man nicht mehr nach einem Rat fragen muss, aber gerne möchte. Weil man ihnen vertraut, weil sie einen kennen, wie kaum jemand anderer, und weil man schon so viel zusammen durchgemacht hat. Und sie sich vielleicht selbst nun ab und zu nach weisen Worten von der eigenen Tochter oder dem eigenen Sohn sehnen—wenn sie nicht weiter wissen.

Vielleicht stehen wir bald wieder auf einer dieser Familienfeiern zusammen, Mama. Oder wir stehen irgendwann irgendwo anders. Und dann bin ich es, die unsicher ist, und der du die Unsicherheit in den blinzelnden Augen ansiehst. Und dann bin ich es, die nach deinem Arm greift. Und ich weiß, dass du keine Sekunde zögern wirst, mir auch den anderen hinzuhalten. 

Credits


Text: Lisa Leinen
Foto: Justine Reyes via Flickr / CC BY 2.0

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