Banks trägt eine Bluse von Macgraw. Hose: Panayota Theodore. Handschuhe: Grandma takes a trip. Schuhe: Miu Miu.

musikerin banks über selbsthass und wie man diesen überwindet

Zwei Jahre sind seit ihrem Debütalbum „Goddess“ vergangen, Ende September erscheint nun „The Altar“. Banks ist erwachsener und reifer geworden. Wie sie ihre Depressionen überwunden hat, hat sie uns im Interview erklärt.

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12 September 2016, 9:20am

Banks trägt eine Bluse von Macgraw. Hose: Panayota Theodore. Handschuhe: Grandma takes a trip. Schuhe: Miu Miu.

Who run the world? In unserer neuen Printausgabe The Female Gaze Issue zeigen Frauen, wie sie die Welt sehen. In den kommenden Wochen widmen wir uns in einem Themenschwerpunkt der Frage, was es heutzutage bedeutet, eine Frau zu sein.

Es ist früher Abend in einem Fotostudio in Berlin, als ich Jillian Banks treffe. Hinter ihr liegt ein langer Tag voller Interviews und Fotoshootings. Trotzdem wirkt sie keinesfalls müde oder gar genervt. Ihre Augen funkeln, ihr Blick spricht von Stärke und einer guten Portion Fuck-you-Einstellung, die man auch so gut in ihrer Musik raushört. Banks hat klare Vorstellungen von dem, wer sie ist und wie sie zu diesem Punkt gekommen ist. Sie wirkt reflektiert und redet offen über ihre Angstzustände, Depressionen und dunklen Phasen in ihren Leben—trotzdem immer mit einem Grinser im Gesicht. Sie ist sich ihres Auftretens und ihrer Wirkung ganz genau bewusst und weiß diese auch ganz genau einzusetzen (was nicht immer so war, wie sie später erzählen wird). Zwei Jahr sind seit ihrem Debütalbum Goddess vergangen. Sie ist erwachsener und reifer geworden, was man auch auf The Altar hört, das am 30. September erscheinen wird. 

Du hast auf Instagram die Lyrics des ersten Songs, den du jemals geschrieben hast, gepostet. Diese wird es nun auch auf deinem neuen Album zu hören geben. „Too sensitive to feel normal and I didn't know how to fake it. [...] I can't believe where I am now sometimes", schreibst du dazu. Heute trittst du selbstbewusst auf. Wie bist du zu dem Punkt gekommen, an dem du heute stehst?
Ich war nicht wirklich unsicher, ich habe zu der Zeit viel durchgemacht und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Je älter ich werde, desto mehr lerne ich und desto stärker werde ich. Es ist wie im Song „Fuck with myself"—du lernst, wie du am besten auf dich aufpasst und baust dein eigenes Supportsystem auf.

Die Lyrics sind entstanden, als du 14 Jahre alt warst. Welchen Tipp würdest du deinem 14-jährigen Ich geben?
Das ist schwer zu beantworten. Diese Kraft und Selbstliebe kommt von innen und wächst mit den eigenen Erkenntnissen und Erfahrungen. Es ist sehr wichtig, sich auf Dinge zu konzentrieren, die einen begeistern und glücklich machen, auf die man stolz ist. Als ich die Musik entdeckt habe, habe ich sie gebraucht, um durch den Tag zu kommen. Als ich realisiert habe, was sie mir bedeutet, hat es sich angefühlt, als ob ich die Liebe meines Lebens gefunden hätte. Egal, ob ich singe, schreibe, dichte, zeichne, male oder schauspielere—es hilft mir mit Ängsten, Sorgen und meinen eigenen Schwächen umzugehen. So, als ob man ins Universum hinein schreit, um alles los zu werden. Danach hat man etwas weniger Gewicht auf den Schultern.

Banke trägt eine Pullover von TOME PVC. Ohrringe: Danielle Karlikoff. Hose: Dion Lee. 

Du hast vorher schon „Fuck with myself", die erste Single deines neuen Albums, erwähnt. Im Video sieht man dich ganz nackt und du wirkst, als wäre es das Normalste für dich.
Wirklich? Ich habe nach dem Nacktdreh geweint, der Dreh war so emotional. Eine nachgebaute Version von mir zu haben und auf sie einzuhauen, und dann vor dem Spiegel zu stehen, ganz nackt, mit all diesen Menschen um dich herum, das war nicht leicht. Ich habe dann zu mir selbst gesagt: „Ich akzeptiere dich ganz und gar." In diesem Moment konnte ich mich nicht verstecken. Ich musste mich wirklich dazu zwingen, das durchzuziehen. In „Fuck with yourself" geht es darum, dass du in den Spiegel schauen kannst und sagst: „Ich liebe dich."

Das zu sagen ist alles andere als leicht …
Weil ich so große Angst hatte, musste ich es verdammt nochmal machen. Ich hatte in der Szene eigentlich ein Kleid an, die Regisseurin sagte irgendwann: „Weißt du was, ich glaube, du solltest das nackt machen." Das war gar nicht so geplant. Sie schrie irgendwann: „Zieh dich aus" und ich habe mich ausgezogen.

Erinnerst du dich an die ersten Gedanken, die dir durch den Kopf geschossen sind, als du dich nackt im Spiegel gesehen hast?
Ich habe mich extrem zur Schau gestellt gefühlt! Ich konnte mich vor nichts und niemandem verstecken. Nachdem wir die Szenen abgedreht hatten, habe ich angefangen zu weinen, nicht weil ich traurig war, sondern einfach weil es so eine große Überwindung für mich war, die ich gemeistert habe. Beim ersten Album habe ich mich noch versteckt. Ich habe lange gebraucht, um mich an Kameras zu gewöhnen. In dem Video wollte ich unbedingt mein Gesicht zeigen. „Fuck with myself" ist ein neues Kapitel, in dem ich keine Angst mehr habe, mich zu zeigen. Ich hatte früher eine schlechte Angewohnheit: Ich habe mich immer in eine extrem negative Stimmung versetzt. Um mir Energie zu geben, habe ich mich schlecht gemacht und klein geredet. Das hilft, ist aber extrem ungesund—so als ob du ganz tief sinken musst, nur um ein Hochgefühl zu erleben. Irgendwann musste ich damit aufhören, weil es zu belastend für mich und meinen Körper war. Ich habe verstanden, dass ich keine Kontrolle darüber habe, wie andere über meine Musik oder generell über mich denken.

Banks trägt eine Jacke von Discount Universe. Top: Dion Lee über My Chameleon. Hose: Levis. Schuhe: Miu Miu.

Gibt es Stellen, die du an deinem Körper magst oder nicht magst?
Ich mag es nicht, meinen Körper in Teile zu zerlegen. Mein Körper hilft mir durchs Leben zu gehen. Er hilft mir zu essen und Sex zu haben. Er ist eine Einheit. Die Gesellschaft tendiert dazu, Frauen in verschiedene Teile zu zerlegen: Das sind die Brüste, der Arsch—aber wir sind vollkommene, magische Wesen.

Glaubst du, dass der Erfolg deines ersten Albums dir diese Sicherheit gegeben hat?
Ich habe mit dem ersten Album gelernt, wie man Respekt bekommt. Als Frau ist es nicht einfach in diesem Business. Das ist meine Musik, ich schreibe sie, das ist mein Gesicht, das bin ich! Aber dann gehst du in einen Raum und die Leute glauben, sie können dir sagen, was du tun musst. Ich musste zuerst einmal lernen, nein zu sagen. Ich musste lernen, zu sagen, was ich will. Das kann sehr emotional sein, aber ich habe gelernt, Dinge auf eine nicht emotionale Weise rüberzubringen. Ich glaube, alle Menschen, aber speziell Frauen, haben dieses Gefühl, dass sie immer auf andere aufpassen müssen. Das habe ich abgelegt. Ich fühle mich stärker als jemals zuvor.

Hast du Vorbilder?
Ja, meine kleinen Mütter. Ich finde es wichtig, kleine Energiequellen in Form von starken Frauen um sich zu haben, die dir verschiedene Dinge geben, die dir die perfekte Mutter geben würde. Meine Pilates-Lehrerin ist eine dieser Mütter. Sie ist diese unglaublich schöne, starke Frau, die ihre ganze Familie unterstützt. Dann gibt es eine Frau namens Sharon, die ich vor etwa 1 1/2 Jahren getroffen habe. Sie ist Schriftstellerin und Feministin. Sie hat mir Women who run with the Wolves empfohlen. Dieses Buch sollte jede Frau gelesen haben! Du musst es lesen! Versprich mir, dass du es lesen wirst!

Ja, tu ich gerne! Worum geht es?
Es erklärt, dass dein wildestes, freistes Selbst dein wahres Ich ist. Es bringt dich dazu, dich so zu akzeptieren, wie du bist. Es ist ein wirklich schönes, aufschlussreiches Buch. Also ja, Sharon. Sie ist eine meiner kleinen Mütter und dann auch noch Christina, meine Assistentin. Natürlich auch meine echte Mutter. Sie ist meine beste Freundin. Sie ist so stark und hat so viel durchmacht.

Erinnerst du dich an einen Rat, den sie dir gegeben hat, der dir geholfen hat, zu der Frau zu werden, die du jetzt bist?
Ja, sehr viele sogar. An einen musste ich erst gestern denken: Als ich sechs Jahre alt war, bin ich von der Schule nach Hause gekommen und war richtig wütend, weil jemand etwas behauptet hatte, was einfach falsch war. Dieses Mädchen hat sich nicht umstimmen lassen und ich habe mir weiter und weiter den Kopf zerbrochen. Meine Mutter hat mir dann gesagt: „Es ist egal, was die Leute sagen, weil tief in deinem Herzen weißt du, was richtig ist." Das habe ich mir von da an immer gesagt. Wenn du etwas weißt und dich nicht darum kümmerst, was andere von dir denken, wirst du unbesiegbar. Wenn ich mich einmal nicht so fühle, schreibe ich. Es ist so wichtig, dass man alles rauslässt, wenn man sich schwach fühlt.

Was sagst du zu der Aussage, dass Feminismus heutzutage nur ein cooles Statement ist, das man sich aufs T-Shirt druckt?
Ich finde, je mehr Frauen sich als Feministinnen identifizieren, desto besser. In der Vergangenheit hatten die Leute Angst vor Feminismus. Was Feminismus eigentlich bedeutet, ist, dass wir glauben, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben sollten. Ich finde es nicht richtig, die Vorstellung von Feminismus einer Person besser zu heißen, als die einer anderen. Je mehr darüber gesprochen wird, desto besser. Falls es ein Trend ist, ist es bei weitem nicht der schlimmste Trend der Welt.

Was, glaubst du, ist die Macht von Weiblichkeit?
Das ist eine große Frage. Lass mich kurz überlegen ... Ich glaube, ihre Macht ist unendlich. Wir können alles tun. Weiblichkeit ist göttlich, sie ist magisch. Wir gebären, füttern und ziehen Babys groß.

Einer der stärksten Songs auf dem Album ist, wie ich finde, „Mother Earth". Kannst du sagen, was du von Mutter Erde bekommst?
Sie gibt mir Stärke! Der Song war so wichtig für mich. Er hat mich aus einer Depression herausgeholt und verkörpert all das, worüber wir uns gerade unterhalten haben. Einfach alles rauslassen und sagen, dass man Dinge scheiße findet: all diese Dinge, die die Gesellschaft einem aufdrücken will, die versucht, Frauen klein zu machen und sie runterzudrücken, sie in eine Box quetschen will und ihnen das Gefühl geben will, dass sie nicht gut genug sind. Dieses Gewicht muss jede Frau auf ihren Schultern tragen. Meine Schwester hat vor anderthalb Jahren eine kleine Tochter bekommen—und sie ist so verdammt süß! Ich hatte Angst um sie, dass wenn sie älter wird, irgendwann in den Spiegel schaut und sich nicht liebt. Für sie sind die Zeilen in „Mother Earth" entstanden, in denen ich sage, dass ich für sie stark sein muss. Ich werde für sie stark und groß für sie sein und einen sicheren Platz für sie schaffen und wenn sie irgendwann fällt, kann sie mir folgen.

Banks trägt eine Banks-Beret von Club Paradise. Bluse: AJE 

Hier findest du alles aus unserer The Female Gaze Issue.

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos: Hannah Scott-Stevenson
Styling: Britt McCamey
Haare: Lauren McCowan verwendet EVO
Make-up: Cat Smith