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obey-gründer shepard fairey erklärt, warum du alles im leben hinterfragen solltest

Der amerikanische Street-Art-Künstler hat vor Kurzem ein neues Kunstwerk auf den Straßen Berlins enthüllt. Aus diesem Anlass haben wir mit dem Urgestein der internationalen Street-Art-Szene über den gegenseitigen Einfluss von Politik und Kunst...

von Juule Kay
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13 Juni 2017, 12:40pm

Shepard Fairey ist neben Banksy wohl einer der bekanntesten Street-Art-Künstler der Welt. Spätestens bei dem Namen Obey sollte es jetzt bei dir klingeln, auch bekannt unter dem Namen Obey Giant ist Shepard nämlich der beste Beweis dafür, dass Kunst nicht nur schön auf den Straßen anzusehen ist, sondern gleichzeitig eine wichtige Botschaft vermitteln kann. Neben seinem ikonischen "Hope"-Poster, das den damaligen US-Präsidenten Barack Obama zeigt, zählt seine "We Are The People"-Serie als Reaktion auf Trumps Wahlsieg wohl zu einer seiner bekanntesten Arbeiten. Die Ursprünge des Obey-Gründers liegen dagegen — wie zu erwarten — in der frühen Skateboarding-Szene, als diese noch Teil einer Underground-Bewegung war und Hand in Hand mit dem Punkrock ging. Anlässlich seines neuesten Kunstwerks in Berlin haben wir den sympathischen Amerikaner zum Interview getroffen und erfahren, was gute Street Art wirklich ausmacht.

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Wie hat sich Street Art über die letzten zehn Jahre verändert. Glaubst du, dass sie politischer geworden ist?
Graffiti und Street Art hatten schon immer eine politische Komponente, weil es etwas ist, das du ohne Erlaubnis tust. Ich mag, dass Street Art den Raum verändert, ihm einen Ausdruck verleiht, und trotzdem keine Werbung ist. Größtenteils sind Street Art und Graffiti aber immer noch mehr dekorativ als politisch. Ich würde gerne mehr politische Street Art sehen, aber ich will anderen Leuten auch nicht sagen, wie sie zu leben haben.

Dein Barack Obama "Hope"-Poster hat großes, mediales Aufsehen erlangt. Wie sehr kann Kunst Politik beeinflussen?
Ich hätte wirklich nie geahnt, dass mein "Hope"-Poster viral gehen würde, aber natürlich versuche ich, die kulturelle Konversation mit jedem meiner Stücke zu beeinflussen. Ich denke schon, dass es Einfluss auf die Wahl hatte, und nehme immer Bezug darauf, wenn Leute sagen "Warum sollte mich das kümmern? Die Reichen haben so oder so die Kontrolle." Ich habe mit 700 Postern begonnen. Am Ende der Kampagne hatte ich 300.000 Poster, eine halbe Millionen Sticker und mehrere Millionen kostenlose, digitale Downloads. Kunst hat sehr wohl viel Macht und Potential, du musst es nur einfach machen!

Was würdest du zu den Leuten sagen, die das Gefühl haben, sie könnten nur zusehen und nichts verändern?
Viele Menschen fühlen sich wie Beobachter im Leben, deren Taten keinen Unterschied machen, selbst wenn sie in einer Demokratie leben. Sie haben nicht das Gefühl, dass ihre Stimme viel zählt. Die Leute, die Macht und Einfluss haben, können uns nur manipulieren, weil Selbstgefälligkeit so weit verbreitet ist. Jedes Mal, wenn du nicht auf ein Thema reagierst, das dir wichtig ist, gibst du diesen Leuten nur eine weitere Möglichkeit, sich durchzusetzen und dein Leben damit schlimmer zu machen.

Du hast einmal gesagt, dass "alles zu hinterfragen" die wahre Botschaft hinter den meisten deiner Werke sei.
Ich denke, dass viele Probleme dadurch entstanden sind, dass Menschen, die Macht ausüben wollen, verstanden haben, dass ein Großteil der Welt Dinge einfach nicht hinterfragt. Diese Lebensweise macht einen sehr anfällig für Manipulation. Viele meiner Arbeiten beschäftigen sich damit, Menschen mit den Gedanken von Unterordnung und Hörigkeit zu konfrontieren — und sie dazu zu kriegen, sich mit der Funktionsweise von Propaganda zu beschäftigen. Ich finde es toll, wenn meine Arbeit eine Diskussion auslöst. Vielleicht ziehen die Leute dann etwas in Betracht, das sie sonst nicht bedacht hätten.

Wie würdest du deine visuelle Sprache beschreiben?
Mein Stil ist eine Verschmelzung vieler verschiedener Einflüsse. Einer der wahrscheinlich offenkundigsten ist der russische Konstruktivismus, bei dem man sehr sparsam mit Farbe umgegangen ist und Bildsprache, Typographie und dramatische Designelemente wie Sterne und Ausrufezeichen auf sehr effektive Weise miteinander verbunden hat. Ich benutze gerne eine kleine Anzahl an Elementen, diese aber dafür sehr plakativ. 

Trifft das auch auf dein "No Future"-Wandgemälde zu, das du gerade in Berlin angefertigt hast?
Es hat auch diesen dramatischen Blickwinkel, vermischt aber auch Underground-Comic-Ästhetik und Punk Rock. "No Future" ist eine Sex-Pistols-Referenz aus ihrem Song "God Save the Queen". Im Moment macht viel Nihilismus und Zynismus die Runde, deswegen spielt diese Idee von "keiner Zukunft" eine wichtige Rolle. Ich habe es aber in "No Future für Apathie! Ignoranz! Sexismus! Fremdenfeindlichkeit! Rassismus!" umgewandelt und damit auf Trumps Wahl Bezug genommen, der eine Kultur der Ignoranz, geringen Informationen und des absichtlichen Leugnens von Fakten manifestiert. Natürlich ist diese Bewegung nach rechts und mehr in Richtung Angst und Feindlichkeit nicht nur ein Problem der USA. Es passiert überall. Deswegen habe ich dieses Bild auch für Deutschland als relevant empfunden. Ich will, dass die Leute, selbst wenn sie nur durch Oberflächlichkeiten angelockt werden, genauer hinsehen.

Wie würdest du die Street Art in Berlin mit der amerikanischen vergleichen?
Sie ist besser hier, lebendiger irgendwie. Als ich vor 14 Jahren das erste Mal in Kreuzberg war, war das wohl der Ort mit dem meisten Graffitis, an dem ich jemals gewesen bin. Nicht alles war gut, vieles war schlecht, aber selbst damit habe ich mich verbunden gefühlt. Manche Leute sagen, dass Graffiti Vandalismus sei und den Wert eines Gebäudes mindere, ich denke aber, dass es weitaus schlimmere Dinge gibt, die Menschen tun, wenn sie sich machtlos und wütend fühlen. Es ist ein gesundes Ventil.

Du hast grade von schlechten Graffitis geredet. Was macht ein gutes Graffiti aus?
Das ist eine sehr subjektive Sache. Wenn die Bildsprache innovativ und gut platziert ist, ist das natürlich der Jackpot. Davon gibt es zwar nicht viele, aber genug Interessantes da draußen findet man trotzdem. 

@obeygiant

Credits


Text: Juule Kay
Foto: Melanie Sapina