Film

so hat west-berlins schwulenszene ausgesehen

Jochen Hicks neuer Dokumentarfilm “Mein wunderbares West-Berlin“ gewährt uns einen Einblick in das schwule Leben der geteilten Stadt. Wir haben mit dem Regisseur über den Film, Queer Cinema und LGBT-Rechte in Deutschland gesprochen.

Michael Sader

Michael Sader

Paragraf 175. Über 100 Jahre Jahre verbot er gleichgeschlechtliche Liebe und stellte Homosexualität unter Strafe. Erst 1994 wurde die Kriminalisierung schwuler Männer in Deutschland endgültig abgeschafft. Heutzutage können wir uns es hierzulande kaum vorstellen, dass das offene Zeigen von Liebe zu einer Person, egal welches Geschlecht sie hat, zu Problemen führen kann — auch wenn es weltweit leider ganz anders aussieht. Und obwohl die deutsche Hauptstadt seit jeher als Zufluchtsort für Andersdenkende und Andersliebende gilt, war man auch in Berlin bis in die 1960er und 1970er Jahre hinein, als der Paragraf reformiert wurde, nicht vor Razzien und Strafverfolgung sicher.

Auch auf i-D: David Bowies Berlin

Jochen Hick, der 2003 für seinen Dokumentarfilm Allein unter Heteros mit dem Teddy-Award der Berlinale ausgezeichnet wurde, erzählt in seinem neuesten Werk Mein wunderbares West-Berlin auf sehr ehrliche und ergreifende Weise, wie schwule Männer im West-Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Mauerfall gelebt haben. Mit Filmaufnahmen aus der Zeit und zahlreichen Interviews lässt er die Zuschauer daran teilhaben, wie schwule Männer Zuflucht in der Stadt gefunden haben, wie sie mit dem Paragrafen 175 gelebt haben und wie sie für die Emanzipation homosexueller Menschen gekämpft haben. Dafür hat der 58-jährige Filmemacher nicht nur bekannte Persönlichkeiten wie Romy Haag, Udo Walz oder Westbam interviewt, sondern lässt auch die Schwulenaktivisten zu Wort kommen. Wir haben den Regisseur zum Gespräch getroffen und uns mit ihm über den Film, das queere Kino und den Zustand von LGBT-Rechten in Deutschland im Jahr 2017 unterhalten.

Der Dokumentarfilm Mein wunderbares West-Berlin ist der zweite Teil einer Trilogie über die Schwulen- und Lesbenbewegung in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg. Im ersten Teil ging es um Ost-Berlin, nun um West-Berlin. Warum machst du diese Filme genau jetzt?
Heutzutage ziehen immer noch so viele Schwule, Lesben, Trans-Personen, Bisexuelle und Heteros nach Berlin, die sich immer auf etwas beziehen oder irgendwas in dieser Stadt suchen. Das hat zumindest einen Teil seines Ursprungs in West-Berlin. Im Moment herrscht auch eine gewisse West-Berlin-Nostalgie vor. In den heterosexuellen Zusammenhängen hat es das zum Beispiel schon mit B-Movie gegeben. Außerdem muss man solche Filme machen, so lange es noch Menschen gibt, die die Zeit erlebt haben und davon berichten können.

Warum heißt der Film Mein wunderbares West-Berlin?
Das ist kein Film über die gesamte Schwulenbewegung in Deutschland, Mein wunderbares West-Berlin ist ein Film über das schwule West-Berlin. Er sollte persönlich sein, aber auch ein breites Spektrum an Lebensentwürfen zeigen. Berlin ist für die Schwulen ein Zufluchtsort gewesen und ist es immer noch. In dem Film geht um es die Leute, ihren persönlichen Zugang und wie sie ihre Ankunft in der Stadt empfunden haben. Jede Person offenbart etwas in der Doku, das man so noch gar nicht von ihr kannte. Die Zuschauer kommen ihnen nahe und erfahren etwas Neues.

Würdest du sagen, dass der Film queer ist?
Heutzutage versucht man immer, queere Diversity mitzudenken. Das finde ich gut. Wir haben uns natürlich die Fragen gestellt: Wie stark kommen bei uns im Film, zum Beispiel, Schwarze, Menschen mit Migrationserfahrung, Türken, Lesben oder Trans-Personen vor? Wo waren sie damals und gibt es Bilder dazu? Wir haben uns jedoch aus verschiedenen Gründen auf eine Gruppe, die Schwulen, konzentriert, um in die Tiefe gehen zu können. Nichtsdestotrotz schaut der Film in vielen andere Richtungen, auch zu den Lesben und den Trans-Personen. Ist er queer? Das werden die Zuschauer für sich entscheiden.

Wie seid ihr an so viel, auch seltenes, Archivmaterial gekommen?
Wir haben viel Zeit in Archiven verbracht. Es gab so ein paar fotografische Perlen, zum Beispiel aus den 50ern und 60ern, mit denen wir allerdings sehr sparsam umgegangen sind, weil es eine Grenze gibt, wie viel Fotos man verwenden und den Zuschauern zumuten kann. Wir haben viele private Fotografien von den Protagonisten bekommen. Aber es gab Männer, die auch nach über 50 Jahren — ihre Fotos sind 1965 zur Zeit des Paragrafen 175 entstanden —, immer noch davor Angst haben, erkannt zu werden oder andere preiszugeben. Diese Bilder konnten wir nicht zeigen. Überhaupt sind Fotos aus Lokalen vor 1969 und auch danach fast nicht existent. Jenseits von Filmmaterial aus den Sechzigern sind natürlich die Filmaufnahmen der HAW-Aktionen Anfang der Siebziger ein Glücksfall für den Film.

Warum gibt es deiner Meinung nach im queeren Kino so viele Dokumentarfilme?
Weil sie etwas Identitätsbildendes haben. Dokumentarfilme im LGBTQi-Kontext beschreiben meistens Szenen und Minoritätenpositionen, zu denen es keine oder wenige Bilder gibt. Deswegen hat zum Beispiel der überwiegende Teil der Filme über Trans-Personen im Moment auch eher begleitenden biografischen Charakter, weil es erst mal wichtig ist zu sehen, womit sich eine Trans-Person überhaupt auseinandersetzen muss und womit sie konfrontiert wird. In meinen Filmen möchte ich darüber hinausgehen und den Subtext, die Dynamiken in der queeren Community zeigen, also wie sehen die social workings, die Hackordnungen aus? Und so auch eine kritischere Betrachtung ermöglichen. Ganz nebenbei sind Dokumentarfilme auch preiswerter in der Herstellung.

In den USA können gleichgeschlechtliche Paare längst heiraten, in Deutschland nicht. Hier wird immer noch die Ehe für alle diskutiert. Diese Männer im Film haben ohne Zweifel für die schwule Emanzipation gekämpft. Gleichzeitig muss man aber auch festhalten, dass Deutschland im Jahr 2017, was LGBT-Rechte angeht, immer noch Entwicklungsland ist. Ist die Bewegung nicht gescheitert?
Die schwule Emanzipation der Männer in Mein wunderbares West-Berlin wurde nur dadurch möglich, dass die Menschen in den 50ern und 60ern dafür gekämpft haben, dass im Jahr 1969 der Paragraf 175 reformiert wurde, der erst 1994 in der Bundesrepublik abgeschafft wurde. Deutschland ist nach wie vor ein konservatives Land, in dem es auch schnell kippen kann. Die Diskrepanz zwischen der sexuellen Freizügigkeit in den Großstädten und der politischen Rückständigkeit ist groß, das sich auch daran zeigt, wie didaktisch diese Themen noch in den Medien behandelt werden. Nur was in den Medien ist, ist auch in der Welt. Es ist leider so.

In welcher Komplexität in den USA queere Themen auf hohem Niveau behandelt werden — auch mit hohen Produktionsbudgets — ist meilenweit vor dem, was in Deutschland passiert. Im deutschen Film und Fernsehen ist die queere Person nach wie vor der Sonderfall. Sie ist das Außergewöhnliche, bei der immer noch etwas erklärt werden muss. Ich denke, dass die Zuschauer weiter sind, als es ihnen zugetraut wird.

Liegt es vielleicht daran, dass die Protagonisten dieses bürgerliche Leben selbst nicht wollten und dass es deswegen kein prominentes Thema in der deutschen Schwulenbewegung war?
Die Szene war damals relativ gespalten. Die HAW war kleiner Zirkel innerhalb der großen Schwulencommunity. Die waren zwar alle links, aber ich würde sagen, dass die meisten nicht ans Heiraten gedacht haben, weil man an so etwas damals einfach noch nicht denken konnte. Es gab andere Ziele. Zudem ist die LGBTQi-Community keine homogene politische Einheit. Nur weil ich einer sexuellen Minderheit angehöre, bedeutet das nicht, dass man gleicher politischer Meinung ist. Deswegen bin ich immer wieder überrascht, wenn sich Leute über eine Lesbe in der AfD wundern. Als wären Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung per se davor gefeit, konservative oder rechtskonservative Positionen einzunehmen.

Mein wunderbares West-Berlin läuft ab dem 29. Juni in den deutschen Kinos.

Credits


Text: Michael Sader
Fotos: Salzgeber & Co. Medien GmbH