Von damals bis jetzt: wie Luxusmarken Clubwear auf den Laufsteg bringen

Von Trash-Mentalität, aufkeimenden Technologien und eklektischer Selbstdarstellung – die Rave-Referenzen der Luxusmode damals und heute.

von Lisa Riehl
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24 September 2015, 8:00am

Show von Walter van Beirendonck in den Neunzigern

„i-D goes techno": Wir werfen einen genauen Blick auf die Szene, die die Jugendkultur Deutschlands musikalisch, modisch und kulturell wie kaum eine andere geprägt hat: Die deutsche Techno-Szene.

In den Neunzigerjahren begab sich die Designermode auf die Suche nach sich selbst. Nachdem die vergangenen Dekaden sich modisch meist klar definiert hatten, zuletzt durch das Machtgehabe der breitgeschulterten Achtzigerjahre-Silhouetten, bot das neue Jahrzehnt ungewohnte Freiheit. Eine weltweit ravende Jugend fand seine Identität in Stilexperimenten und Verkleidungen mit Kunstfasern und schrillen Farben. Ein Trend, der nicht etwa von den Laufstegen in Paris auf sie hinuntergetröpfelt war, sondern - umgekehrt - von diesen zum Ende des Jahrzehnts in hochwertiger Form adaptiert wurde.

Show von Walter van Beirendonck in den Neunzigern

Walter van Beirendonck inszenierte schon Mitte der Neunzigerjahre die Präsentationen seiner Herrenmode als riesiges Techno-Spektakel mit Models, die irgendwo zwischen Computer-animierten Fantasiefiguren und geschlechtslosen Paradiesvögeln anmuteten - eine Stilistik, die die feiernde Jugend dankbar annahm. Jean Paul Gaultier praktizierte zeitgleich einen ethnischen Eklektizismus. Und das nicht ohne Provokation in Gaultier-Manier, die sich der Uniform der Rave-Kids bedient. Etwa durch ein Model mit rasiertem und tätowiertem Schädel im geschlitzten, transparenten Kleid.

Eigentlich kam die Mode da gerade aus einer Zeit, in der japanische wie belgische Avantgardisten den Körper bis zur bewussten Formlosigkeit verhüllt hatten. Andere Designer orientierten sich an der Tristesse der Grunge-Bewegung. Die Belgierin Véronique Leroy dagegen entschied sich für eine luxurierte Form der Clubwear. Die Leroy-Frau zeigte Mitte der Neunzigerjahre Dekolletee - vorne und hinten -, trug Neonminikleider aus Mohair und Plastikgliederketten die auf die dazu passenden Fake Fur-Boots abgestimmt waren. Kurzum: Véronique Leroy liebte den Trash ebenso wie den Glamour und schaffte es, in ihren Kollektionen beides miteinander zu verbinden. Eine Vorliebe für Polyester, Vinyl und anderer Kunstkram zu Schnitten von höchster Perfektion - das machte den Erfolg aus.

Versace Werbung aus den Neunzigern

In Paris schickten Designer ebenfalls Kollektionen inspiriert von der Trash-Materialität der Clubwear über den Laufsteg und das gerne an Models, die nach durchgefeierter Jugend aussahen - ein Kontrast zu den ihnen vorausgegangenen perfekten Überfrauen. Rei Kawakubo kokettierte für Comme des Garcons im Sommer 1997 mit rauschartige Farben und Mustern; Versace setzte zur gleichen Saison mit Transparenz und viel nackter Haut nochmal einen drauf, blieb aber gleichzeitig im Schnitt betont elegant. Alexander McQueen wiederum zeigte mit seinen Looks Hybride aus Spacewear und Neunzigerjahre-Minimalismus mit futuristischem Techno-Charakter. Eine unerwartete Kollektion mit Rave-Anmutung schuf Ann Demeulemeester im Frühjahr/Sommer 1998, die von reichlich Transparenz, Nylon und ironische Slogans wie „right arm" (auf dem rechten Arm) zeugte. Und sogar eine italienische Luxusmarke wie Prada ergänzt 1996 seine hochwertigen Prestigeprodukte aus Leder um einen Rucksack aus Nylon, der zum It-Piece für die breite Masse werden sollte.

Devon Halfnight LeFlufy S/S 16

Bis heute tauchen die Reminiszenzen an den Rave immer wieder in der Mode auf. Im letzten Jahr etwa mit kunterbuntem Krawall auf dem Laufsteg von Jeremy Scott, für dessen Kollektion die Rave-Reinkarnation unter den zeitgenössischen Pop-Stars, Miley Cyrus, den Schmuck entworfen hatte. Andere Designer zeigen sich da in ihren Kollektionen nostalgischer. Die Londoner Menswear-Designerin Martine Rose zum Beispiel, die ihre jugendlichen Party-Erfahrungen der Neunziger aufgegriffen hat, in dem sie ihre persönliche Flyer-Sammlung digitalisierte und als Patches auf extraweite Hoodies und Jeans nähte. Devon Halfnight LeFufy wiederum erinnert sich in seiner aktuellen Kollektion Frühjahr/Sommer 2016 an die frühe Rave-Kultur seiner Wahlheimat Antwerpen. Fake-Leder und Viskosemischungen treffen da auf rebellische Rave-Symbolik. Studiert hat der Nachwuchsdesigner übrigens an der Königlichen Akademie der Schönen Künste, ausgebildet von Walter van Beirendonck, als dessen Erbe er hier und da bereits gehandelt wird. Und damit wieder alles auf Anfang.

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Credits


Text: Lisa Riehl
Laufsteg-Bilder via Vogue.com
Led via Walter van Beirendonck
Versace via Tumblr
In Kooperation mit Converse.

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