„ich versuche, die welt zu genießen, sie zu essen und sie zu verdauen": olaf breuning über die kunst der kompromisse

Die Arbeiten des Schweizer Künstlers Olaf Breuning werden gerne als „Popkultur in einem Mixer“ bezeichnet. Heute Abend wird seine Retrospektive in Düsseldorf eröffnet. Wir haben ihm vorab ein paar Fragen dazu gestellt.

von Barbara Russ
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10 Juni 2016, 11:25am

B Babic

Olaf Breuning zeigt ab morgen seine erste Retrospektive im NRW-Forum und damit seine bisher größte Ausstellung in Deutschland. Der Schweizer Künstler, der in der Vergangenheit auch durch Kollaborationen mit Modelabels wie Bally oder Bernhard Willhelm, Performances für Cynthia Rowley und Modestrecken für Purple Magazine und 032C in der Modewelt seine Spuren hinterlassen hat, bedient sich in seinem Werk verschiedenster Medien. Dabei zieht er Referenzen der Kunstgeschichte genauso heran wie die kollektive Bildsprache der Populärkultur: Zombies, Emojis, Hintern und Lebensmittelimitate aus Plastik. „Popkultur in einem Mixer" nennt es Alain Bieber, der Künstlerische Direktor des NRW Forums. Bestes Beispiel: Das Herzstück der Ausstellung, eine Sphinx aus Sand, „ein Paul Klee mit Brüsten", wie Breuning selbst sagt, die er zum ersten Mal zur Art Basel Miami aufbauen ließ. Wir haben den Künstler während der Vorbereitungen in Düsseldorf getroffen.

Olaf, gerade wird die Retrospektive zu deinem Werk im NRW Forum aufgebaut. Was passiert hinter verschlossenen Türen?
Sechzehn Tonnen Sand für die Sandskulptur, die wir in Miami bereits einmal gezeigt haben, sind bereits angeliefert und die wird jetzt von Spezialisten mit Hilfe von Wasser und Druck aufgebaut. Ich bin aber als Künstler nicht so ein großer Fan von Aufbauten. Mein Job ist es gerade, hier zu sein und zu überwachen. Das Team aus Düsseldorf ist aber super, ich habe größtes Vertrauen in ihr Können.

Fällt es dir schwer, Kompromisse einzugehen?
Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Kompromissen. Zum Beispiel die Sandskulptur, die stand in Miami draußen und war viermal größer. Klar hätte ich das Werk lieber wieder in der Größe gezeigt, aber das geht hier eben nicht. Wir müssen diese jetzt schon von unten stützen lassen, damit der Boden des Museums nicht einbricht. Ich kann gut mit Kompromissen leben und sie akzeptieren. Viele meiner Künstlerfreunde sind da pingeliger. Solange der Kern der Sache, die Seele des Werks, stimmt, kann ich aber damit gut leben.

Wie fühlt sich das an, eine Retrospektive mit gerade einmal 46 Jahren?
Das ist schon ziemlich cool, sagen zu können „Ich habe eine Retrospektive." Ich sehe das für mich aber eher als eine Mid-Career-Show, die die Arbeiten der letzten zwanzig Jahre zeigt.

Gibt es so etwas wie ein Lieblingswerk der letzten zwanzig Jahre?
Oh nein! Die Werke sind wie meine Kinder, ich liebe sie alle gleich. [Lacht] Es gibt jetzt nichts, wo ich sagen würde: „Das finde ich irgendwie nicht so gut."

Es ist schwierig, dein Werk auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, außer vielleicht, dass du einmal gesagt hast, du setzt dich darin ganz allgemein mit dem Leben auseinander. Was ist der Erkenntnisstand nach 15 Jahren als Künstler?
Dafür brauche ich jetzt erstmal einen Espresso. 
Er bestellt Espresso, wir ziehen nach draußen in die Sonne um.
Wo waren wir?

Wir haben gerade über das Leben gesprochen.
Ach ja. Ich habe damals, Mitte der 2000er—als Produktion in China ein großes, neues Thema war und alle Angst davor hatten—, ein paar Keramik-Skulpturen gemacht. China Town Sculptures hießen die. Wenn ich die heute betrachte—obwohl es super Skulpturen sind—finde ich, dass diese sehr spezifischen Themen an Brisanz verloren haben. Deshalb versuche ich, mich in der Kunst mit den großen Fragen zu beschäftigen. Warum sind wir hier? Wir müssen alle essen, schlafen, warum ist das so? Mir macht es Spaß, mich damit auseinanderzusetzen. Diese Tragik des Lebens versuche ich, auf eine humorvolle Weise zu begreifen.

Wieso?
Wenn ich das Leben ernst nehmen würde, dann würde ich vielleicht auf das nächste Hochhaus steigen und herunterspringen. Das Leben ist, so schön es ist, schlussendlich eine Tragödie. Als Kinder bekommen wir eh nichts mit. Alles ist schön. Dann wird man Teenager, führt ein eigenständiges Leben, geht voller Energie hinein. Und dann, wenn man voll im Leben steht, realisiert man „Oh my God, ich bin schon in der Mitte, ich hab nur noch die Hälfte vor mir" und von da an geht es, vor allem körperlich, bergab. In den letzten paar Jahren wird dir bewusst, dass du sterben wirst. Für mich ist das ein guter Grund, mir darüber Gedanken zu machen—die Tragik, aber auch die Komik daran, die interessieren mich sehr. Wir kennen es ja nur so. Es könnte ja aber auch anders sein.

Entwirfst Du also Parallelwelten?
Nein. Ich lebe gerne in der Welt, so wie sie ist. Ich versuche, die Welt zu genießen, sie zu essen und sie zu verdauen. Dann kommt sie in meiner Kunst wieder raus. [Lacht] Das ist für mich der Grund, Kunst zu machen. Es hilft mir dabei, diese Welt zu verdauen.

Hat deine Schweizer Herkunft deine Sicht auf die Welt beeinflusst?
Definitiv. Wir Schweizer sind ja sehr privilegiert; wir sind sozusagen der Country Club dieses Planeten. Wir leben in einem sehr schönen, sicheren Haus mit großen Fenstern, von dem aus wir auf die Welt hinausblicken. Man macht sicherlich andere Kunst, wenn man aus Brasilien kommt.

Deine Zeichnungen sind sehr simpel, beinhalten aber oft große Wahrheiten über das Leben. Wie geht der Schaffensprozess vor sich? Sagst du dir: Heute wird gezeichnet oder passiert das nebenbei?
Viele meiner Zeichnungen sind auf der Queen Mary entstanden, auf dem Weg von Amerika nach Europa. In meinem Studio habe ich einen extra Zeichenraum. Die Zeichnungen sind immer der Anfang von allem. Das Schöne an einer Zeichnung ist: Du brauchst nur einen Stift und ein Blatt und kannst ganz einfach deine Überlegungen umsetzen.

Und manchmal bleibt es dann bei der Zeichnung und manchmal wird ein anderes Medium daraus?
Genau.

Hast du ein Lieblingsmedium, mit dem du arbeitest?
Nein. Das Gute daran, dass ich mit so vielen Medien arbeite, ist, dass mir nicht langweilig wird. Wenn eines anfängt, mich zu langweilen, nehme ich ein anderes. Ich weiß aber, welches Medium das Pain-in-the-Ass-Medium ist: Film. Das ist definitiv das Aufwendigste.

Und auch das Anstrengendste zu betrachten. Mit der Serie Home zum Beispiel rufst du wirklich starke Emotionen hervor.
Hat der Protagonist von Home dich etwa genervt? [Lacht]. Ich habe den Charakter eigentlich so angelegt, dass er zwischen naiv und charmant, aber immer wieder an die Grenze gehend, changiert. Die meisten Menschen finden ihn irgendwie hypnotisierend. Als ich 2003 den ersten Home-Film gedreht habe, war das eine neue Idee, so einen Volldeppen in die Welt hinauszuschicken. Mit einer westlich-naiven Sichtweise auf andere Kulturen zu treffen, im Maya-Kostüm auf den Machu Picchu und so. In der Zwischenzeit wurde das viel gemacht. Damals fand ich es wahnsinnig spannend, dieses Aufeinandertreffen der Kulturen filmisch zu zeigen: Können wir überhaupt die dritte Welt mit unserer Sichtweise verstehen? Die Kulturen kommen dank dem Internet immer näher zusammen, aber trotzdem sind wir so weit entfernt voneinander. Mit Home hatte ich aber kurze Zeit das Gefühl, etwas gemacht zu haben, was neu war, was es vorher noch nicht gab.

Du integrierst auch Mode in deine Kunst. Siehst du da Parallelen zur Kunst?
Ganz klar, ja. Wie in der Kunst ist auch in der Mode alles so kurzlebig geworden. Vieles, was essentiell ist, ist bereits gemacht worden und mit den sozialen Medien und der Schnelligkeit der Branche haben die Designer einen sehr harten Job im Moment. Da findet ein Umbruch statt, weil die Strukturen der Vergangenheit nicht mehr die der Zukunft sein können.

Wird es schwieriger, mit Kunst noch zu schocken? Manchmal bist du mir deinen Werken auch gezielt politisch unkorrekt.
Weil sonst alles schon gesagt ist. Ich bin politisch unkorrekt mit vielen Dingen. Mit Kultur, mit Gender-Klischees. Ich habe einen Film gemacht, in dem ein junger Amish von einer Gruppe mit Baseballschlägern gejagt wird und dann wird ihm eine E.T.-Maske über den Kopf gezogen. Es geht auch um politische Fragen und, wenn wir bei dem Beispiel Amish bleiben, inwiefern man sich der westlichen Kultur entziehen kann.

Ist es denn noch möglich, als Künstler oder Modedesigner eine eigene Sprache zu finden?
Ja, natürlich gibt es auch heute noch Designer, die eine einzigartige Aussage haben. Zum Beispiel Bernhard Willhelm—das ist unglaublich, was der produziert hat. Ich habe allergrößten Respekt vor seinem Werk. Früher Dior oder Alexander McQueen. Die haben alle eine eigene Sprache entwickelt. Aber auch ich als Künstler weiß nicht, ob ich meine Sprache noch zwanzig, dreißig Jahre weitersprechen kann, wie ich es gerne würde. In der Kunst wie in der Mode wirst du heute gehypt und morgen vergessen. Es ist eine schwierige Zeit, weil alles schon irgendwie gemacht worden ist. Es gehr nur noch um das Neu-Zusammenstellen von Dingen, die schon da sind. Es geht nicht mehr um die Kreation.

Welchen Grund siehst du dafür?
Das ist ganz klar, das Internet bietet einfach so viel Input. Alles ist auf einmal zugänglich. Früher konnte man als Künstler noch ein bisschen naiv sein. Das letzte Jahrhundert war—ich werde fast nostalgisch—eine so kreative Zeit. Alles wurde Anfang des Jahrhunderts über den Haufen geworfen und danach alles neu entwickelt. In der Mode, der Musik, der Kunst. Jetzt, seit dem Internetzeitalter, ist alles total unübersichtlich und gleichzeitig alles archiviert. Alles ist zur gleichen Zeit so fucking irrelevant und gleichzeitig so relevant. Deshalb brauchen wir wieder mehr Leute, die eine eigene Sprache entwerfen, in der Kunst wie in der Mode. 

Olaf Breuning - Retrospektive ist vom 11. Juni bis zum 21. August im NRW Forum in Düsseldorf zu sehen. Heute Abend findet die Eröffnung statt. Mehr Infos dazu findest du hier.

Credits


Text: Barbara Russ
Fotos: B Babic & Courtesy of All Art Collection & Courtesy Olaf Breuning (via NRW Forum)

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