wieso 2007 das (bisher) beste jahr war

Brangelina hat so langsam an Fahrt aufgenommen, Kanye West war noch mit Amber Rose zusammen, Rihanna hat „Good Girl Gone Bad“ rausgebracht und als Berliner konnte man noch in die Bar 25 gehen. Nicht ganz zehn Jahre später und es wird klar, dass 200...

von i-D Staff
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25 Februar 2016, 4:10pm

Foto via The Cobra Snake

Was ist das beste Jahr in der Menschheitsgeschichte? Das ist eine bedeutsame und lächerliche Frage zugleich. Vielleicht war es 1969 mit Woodstock und dem Summer of Love. Wenn du Optimismus und Exzess magst, dann lautet die Antwort für dich vielleicht 1922, eine Zeit, die F. Scott Fitzgerald in Die Schönen und Verdammten verewigt hat. Wenn du ganz gemein bist, dann bestehst du darauf, dass jetzt die beste Zeit ist, um zu leben.

Ich möchte deine Nostalgie und deine Tagträume nicht zerstören, aber jede andere Antwort als 2007 ist einfach falsch. Auf den ersten Blick scheint die Wahl nicht besonders logisch zu erscheinen. Objektiv betrachtet war das Jahr 2007 schrecklich. Während der zwölf Monate platzte in den USA die Immobilienblase, die zum Zusammenbruch des Subprime-Hypothekenmarktes in den USA führte und die wiederum zur weltweiten Wirtschaftskrise führte. Das soll die Auswirkungen auf das Leben von Millionen Leute nicht schmälern, die darunter zu leiden hatten, aber wenn du 2007 gerade studiert hast und pleite warst, bot die Krise der Supermacht überraschende Gelegenheiten zum Experimentieren.

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Es hat sich gezeigt, dass die Uni ein guter Ort ist, wenn die Welt der Erwachsenen kollabiert. Nachdem klar war, dass ein sicherer Job nach dem Abschluss nicht sehr wahrscheinlich ist, haben meine meine Dozenten und Karriereberater ihre Ratschläge geändert. Die meisten Studenten der Geisteswissenschaften hatten sich mit der Realität abgefunden, dass sie am besten damit fahren, so lange zu studieren, bis die Leute wieder Geld ausgeben, oder sich mit Teilzeitjobs durchschlagen.

Plötzlich wurden die Pläne für die perfekt geplanten Karrieren auf dem Weg nach Burn-out-Ville hinfällig. Eltern hörten auf, zu fragen, was man nach dem Abschluss machen würde. Keinen interessierte, ob du nun beeindruckende Praktika vorzuweisen hast oder nicht. Einen Job zu finden, mit dem du die Miete bezahlen kannst, erschien auf einmal als Glanzleistung.

Wenn 18- bis 25-Jährige frei von Karriere- und Gelderwägungen sind, dann passiert etwas Besonderes. Wenn sie keinen Druck mehr haben, einen Job finden zu müssen, dann stecken sie diese Energie in andere Sachen. Sie lernen, wie man auflegt, sie gründen ein Musiklabel oder kaufen sich eine billige Gitarre. Kurz gesagt: Die andere Hälfte des Lebens wird zur ständigen Party.

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Die Clubnächte und die Partys in dieser Zeit waren geprägt von einem modischen Nihilismus. Uns wurde gesagt, dass wir keine Zukunft hätten. Unsere Egal-Einstellungen spiegelten sich in der Kleidung, die wir getragen haben, Musik, die wir gehört haben, und mit wem wir abgehangen haben, wider.

Nicht nur der Markt brach 2007 zusammen, sondern auch unsere kulturellen Ikonen. Paris steckte im Gefängnis, Lindsay entdeckte ihre Vorliebe für Gerichtssäle und Britney hat sich an einem parkenden Auto ausgelassen. Es wurde Zeit, sich neue Heldinnen zu suchen.

Anstelle von Hollywoodstars und Nachfahren bekannter Familien traten die neuen Club-Ikonen Leute wie Cory Kennedy oder Uffie. Sie standen für unser Lebensgefühl. Wir haben uns nicht sonderlich dafür interessiert, dass die Welt um uns herum zusammenbrach. Wir haben gefeiert. Die After-Hour-Partys wurden zu unseren neuen Wohnzimmern. Wir haben keine Jobs bekommen, aber wir haben super cool ausgesehen.

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Die Devolution drehte sich aber nicht nur um die Clubs. 2007 war ein guter Musikjahrgang. Arcade Fire brachten Neon Bible raus, Kanye West gab uns Graduation, M.I.A. veröffentlichte Kala und für mich als Baby-Hipster vielleicht am wichtigsten: Justice meldeten sich mit ihrem Debütalbum Crossauf der Musikbühne.

Erwähnenswerte Musik gab es außerdem von Radiohead, Dizzee Rascal, Ghostface Killah, The White Stripes, Of Montreal, Black Lips, Z, Animal Collective und LCD Soundsystems. Klar, jedes Jahr kommen gute Alben raus, aber das Neue war: Man konnte all die Songs an ein und demselben Ort hören. DJs spielten „1,2,3,4", „Pop the Glock" und „Good Life" hintereinander und keiner hat sich gewundert, ob da nicht der DJ versehentlich seinen iPod auf Zufallswiedergabe angeschlossen hat.

Dass preiswerte Independent-Partys exklusive, teure Clubs ersetzten, war nur der Anfang davon, dass auf Partys auf einmal so Musik gespielt wurde, wie wir das auch zu Hause machen. Nicht nur die Songauswahl signalisierte, dass die Partys von Leuten organisiert wurden, die selbst zum Publikum gehörten, sondern es war auch die Durchmischung der Genres. 

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Heutzutage, wo ursprünglich alternative Medien Popstars wie Justin Bieber und Miley Cyrus feiern, erleben wir eine „Verflachung der Kultur"—der Unterschied zwischen Subkultur und Mainstream ist jetzt hauchdünn, wenn es überhaupt noch einen Unterschied gibt. Diese Entwicklung wurde 2007 in Gang gesetzt, als wir die Mauern zwischen Subkulturen eingerissen haben.

2007: Emos, Punks, Fresh Kids und Hipster fanden sich plötzlich auf denselben Partys wieder. Auf Partyfotos des New Yorker Künstlerkollektivs Misshapes—Liebling und Vorbild der weltweiten alternativen Partyszene—ist es nicht ungewöhnlich, Kanye West (damals mit Amber Rose zusammen), Katy Perry oder Madonna zu sehen.

Wenn man daran denkt, dass das iPhone 2007 auf den Markt kam und Kameras in Handys noch die Ausnahme waren—und wenn, dann waren die Fotos unscharf—, dann versteht man, wieso die Großen noch mit Nobodys gefeiert haben und sich keine Gedanken darum machen mussten, dass Bilder davon im Internet auftauchen würden. Die Anwesenheit von Prominenz in einer Community voller Pleitegeier hat allem ein surreales magisches Element verliehen. Vielleicht hat jemand einen Drink über dich verschüttet, aber es bestand die Chance, mit einem Sternchen rumzumachen.

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Seit damals hat sich in den neun Jahren viel verändert, die Welt hat sich weitergedreht. Leute haben richtige Jobs, das Bier wurde teurer und Kanye West veranstaltet mittlerweile seine eigenen Partys. Natürlich sind das verschwommene Erinnerungen an eine Zeit, die durch den Nostalgiefilter geschickt wurde. Aber frage jeden, der jemals eine Kassette als Accessoire im Haar trug, wie sie sich an 2007 erinnern und sie werden strahlen.

Zwar sind diese Partys wieder verschwunden und die Welt tickt heute anders. Diese Partys werden wir nie wiedersehen. Doch das Gute ist: Alles hat 2007 angefangen und Cross ist immer noch ein Hammeralbum.

Credits


Einleitung: i-D Germany
Text: Wendy Syfret

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