wie punk und reggae in den 70ern gegen rassismus kämpften

Fotograf Syd Shelton dokumentierte die „Rock Against Racism“-Bewegung, die in den 70ern und 80ern in Großbritannien gegen Rassismus kämpfte.

von i-D Staff
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15 September 2015, 3:34pm

RAR Carnival Against the Nazis, Leeds, 1981

Als Syd Shelton 1977 nach fünf Jahren in Australien nach London zurückkehrte, war er fassungslos, wie sehr sich die Dinge in seinem Heimatland verändert hatten. „Der wirtschaftliche Abschwung traf die Leute hart und die Callaghan-Regierung hatte es auf die Lebensstandards der Arbeiter abgesehen - die Situation ähnelt der heutigen sehr", erklärt er uns. „Immer wenn so etwas passiert, dann erleben wir den Aufstieg von Parteien wie der National Front." Syd wollte unbedingt etwas gegen den Hass unternehmen und traf durch einen glücklichen Zufall auf den Mitbegründer der Kampagnengruppe Rock Against Racicm (RAR), Red Saunders. Kurz darauf wurde Syd zum inoffiziellen Fotografen und Grafiker ihrer Zeitung Schrägstrich ihres Zines Temporary Hoarding. Im nächsten Monat eröffnet in London eine Retrospektive. Wir sprachen mit Syd Shelton über die 70er und 80er in Großbritannien und weshalb der Kampf gegen Rassismus nie aufhört.

Was waren die Hauptanliegen von RAR?
Bands von Weißen und Schwarzen zusammen auf einer Bühne auftreten zu lassen, war an sich ein politisches Statement. Wir schrien nicht von der Bühne „Zerschlagt die National Front" oder anderes Plakatives, sondern wir wollten die Diskussion um Themen wie Simbabwe, Südafrika und Apartheid, Nordirland, Sexismus und Homophobie erweitern. Wir wollten zeigen, dass die National Front nicht nur gegen Schwarze ist, sondern gegen uns alle.

Wieso wird in der Ausstellung nur die Zeit zwischen 1977 und 1981 thematisiert?
In gewisser Weise hatten wir unser Ziel erreicht, da in Bands jetzt Leute unterschiedlicher Herkunft zusammenspielten. Außerdem zerfiel die Gruppe so langsam. Wir waren alle erschöpft. Wir hatten fünf Jahre lang gemacht. Natürlich hört der Kampf gegen Rassismus nie auf, wie man gerade wieder an der Anti-Flüchtlings-Bewegung sehen kann. Wir werden nicht als Rassisten geboren - wir erlernen es, auch durch Boulevardmedien. Man muss dagegen argumentieren.

Paul Simonon, The Clash, RAR Carnival 1, Victoria Park London 1978 

Wenn Musiker politisch werden, finden das viele ermüdend. Aber die RAR-Bewegung hat wirklich gezeigt, dass Musiker etwas bewirken können.
Wir hatten Glück, weil die Punk und Reggae zu einander gefunden haben. Es gab dieses Punk-Reggae-DIY-Gefühl, dass unglaublich bestärkend war und wir dachten alle, dass wir die Welt verändern könnten. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob sich die Leute heute noch so stark fühlen.

Erzähle es uns mehr über das Bild mit den beiden Skinheads weiter unten.
Eine Gruppe von antirassistischen Skindheads trug RAR-Buttons, was ziemlich mutig war, weil Hoxton damals ziemlich rechts war. Es gab einen Typen, der den ganzen Block von Sozialwohnungen mit der britischen Flagge bemalte und der jeden Schwarzen anbrüllte. Der Typ war total verrückt. Wir sind immer hin und haben ihn verhöhnt. Junge Leute wie die beiden waren wirklich mutig. Antirassistisch zu sein, war damals schwieriger als heute. Wie man auf den Fotos erkennt, beschützte die Polizei Leute, die den Hitlergruß machten. Der Gedanke daran erscheint heute einfach nur verrückt.

Glaubst du, dass damals das Verhältnis zur Polizei schwieriger war?
Ich behaupte nicht, dass es heute nicht mehr so ist, aber damals waren die Polizisten unglaublich rassistisch. Kannst du dir wirklich vorstellen, dass jemand Sieg Heil ruft und die Polizei beschützt ihn? Die Polizisten haben mich ausgelacht und ich war wütend und habe geschrien ‚Du Fascho-Schwein' und die Polizisten grinsten und lachten einfach nur.

Tulse Hill Comprehensive School, Brixton, London, 1976

Erzähle uns mehr über die größte Demonstration.
Die größte Demonstration, die wir organisierten, war im Victoria Park in London. Wir wollten nicht einfach nur ein Konzert organisieren, sondern eine Massendemonstration. Man brauchte schließlich sechs Stunden vom Trafalgar Square zum Victoria Park und es nahmen 100.000 Leute an dieser Demonstration teil. Bereits um vier Uhr morgens kommen Leute und sangen Songs von The Clash. Ich war um sieben Uhr morgens da - die Demo sollte nicht vor 11:30 Uhr losgehen - und es waren bereits 10.000 Leute dort. Leute aus dem ganzen Land kamen in Zügen und Bussen nach London. Mit dabei war auch eine ältere Dame, bei der ich immer Zigaretten kaufte - Mrs Greener, eine ältere jüdische Dame. Als sie jung war, hat sie in den 1930ern gegen Mosley und seine sogenannten Blackshirts gekämpft. Sie stand vor ihrem Laden und hat sechs Stunden lang geklatscht. Sie sagte mir später: „Woher kommen all diese fantastischen jungen Leute mit ihren tollen Frisuren und Mode?".

Was für eine Geschichte steckt hinter dem Bild vom Konzert im Victoria Park?
Das ist mein erfolgreichstes Bild überhaupt. Es hat so eine tolle Energie. Es gibt von The Clash den Film Rude Boy, in dem Aufnahmen davon zu sehen, „White Riot" läuft und 100.000 Leute tanzen Pogo. Das hatte eine unglaubliche Energie. Und das nachdem die Leute über elf Kilometer marschiert sind und die ganze Zeit getanzt haben.

Wie haben die Leute zwischen rassistischen und antirassistischen Skins unterschieden?
Die Antirassisten trugen eher RAR-Buttons. „Skins Against The Nazis"-Buttons waren auch verbreitet. Es gibt ein Bild mit einer Frau namens Sharon Spike, die Rassistin war, dann zu einem RAR-Konzert ging und ihre Meinung änderte und zu einer echten RAR-Aktivistin wurde. Sie sah, wie positiv es war, wenn weiße und schwarze Band zusammen spielen und dann dachte sie sich ‚Scheiße, ist das gut'.

Antirassistische Skinheads, Hoxton, London 1978

Wieso hast du dich dafür entschieden, Fotos von rassistischen Skins zu zeigen?
Weil das nun mal zu der damaligen Zeit so war und ich wollte nicht, dass es eine Heldengalerie wird. Außerdem wollte ich auch den Feind zeigen. Ich mag das Foto [unten] von mir, weil ich zitterte, als ich es machte. Der Typ war wirklich heftig und ich habe mit ihnen gesprochen und aus ihm kam nur Dreck. Ich sagte dann zu ihm ‚Du bestehst nur aus Scheiße'. Ich habe gesehen, wie er seine Hand zu einer Faust ballte. Er stand kurz davor, mir eine runterzuhauen. Ich bedankte mich nur und habe mich schnell aus dem Staub gemacht. 

Das Begleitbuch zur Ausstellung Syd Shelton: Rock Against Racism kannst du hier erwerben und erscheint am 1. Oktober. Die Ausstellung eröffnet am 2. Oktober.

rivingtonplace.org

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Credits


Text: Stuart Brumfitt
Alle Fotos: © Syd Shelton

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