Was macht einen Mann zu einem Mann? Und eine Frau zu einer Frau?

In seinem Buch "Gender as a Spectrum" hat der junge, in Berlin lebende Fotograf Joseph Wolfgang Ohlert versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Mit intimen Porträts stellt er darin Menschen jeder sexuellen Identität vor.

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Nov. 16 2015, 2:45pm

Joseph Wolfgang Ohlert ist ein in Berlin lebender Fotograf, der für seine Abschlussarbeit im Rahmen des Fotografiestudiums das Leben von Menschen mit den verschiedensten sexuellen Identitäten überall auf der Welt dokumentierte. Anfangs vermittelte ihm die Transfrau Kaey, die selbst tief in der LGBTQIA-Community Berlins verankert ist, die ersten Kontakte. Später suchte er in sozialen Netzwerken nach Menschen, die ihre eigenen, ganz unterschiedlichen Geschichten erzählen wollten. Er fragte sich, ob und wie Geschlechterrollen definiert werden und welche Möglichkeiten es gibt, mit seinem eigenen Körper und Leben umzugehen.


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Daraus entstand das Buch Gender as a Spectrum, das neben den Bildern auch Interviews mit den Fotografierten und Texte von den Fotografierten enthält. Die Porträts sind einfach, meistens im Tageslicht geschossen und haben eine unglaubliche Tiefe. Im Interview hat uns der junge Fotograf erklärt, warum Gender ein Thema für alle ist.

Wie kam es zu dem Namen für dein Projekt Gender is a Spectrum ?
Emma Watson hatte im September 2014 eine Rede im Rahmen einer UN-Veranstaltung in New York gehalten. Es ging um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Sie hat diese Wörter gebraucht und irgendwie haben sie mich nachhaltig beeindruckt. Mit meinem Projekt haben ich deren Bedeutung für mich erweitert.

Warum ist es so wichtig, über Gender zu reden? Warum ist die Diskussion gerade jetzt so laut?
Gender geht jeden Menschen an. Niemand ist zu 100 Prozent Mann oder Frau. Das gibt es nicht. Die Menschen begreifen langsam, dass es nicht nur einige Personen gibt, die sich nicht einfach den Geschlechternormen, die uns gesellschaftlich auferlegt sind, beugen, sondern dass wir alle betroffen sind. Geschlechtliche Identität-Existenz ist nicht immer begreifbar und das muss sie auch nicht. So wie Kay Garnellen, den ich für mein Buch portraitiert habe, auch meinte: "Theoretisch könnte jede Person ein eigenes Geschlecht haben."

Wie beeinflusst Social Media diese Diskussion?
Durch Social Media können auch endlich kleine Stimmen eine große Reichweite bekommen. Wie man sich identifiziert, wie man leben möchte, muss nicht länger ein Geheimnis bleiben und man wird beachtet und geachtet. Menschen trauen sich, ihre Meinung zu äußern und können auf ihre Rechte als Mensch bestehen. Jugendliche, die Trans sind, und sich nicht in ihrer Umgebung, in der sie leben, frei entfalten können, finden durch Social-Media-Plattformen ein Sprachrohr und auch Zuspruch. In gewissem Sinne ist das auch der Grund, warum ich das Buch mache. Ich will die Gesellschaftsnormen auflockern.

Social Media und Mainstream sind eng miteinander verknüpft. Wenn Caitlyn Jenner millionenfach auf allen Kanälen gepostet wird, dann ist das Thema Trans und Gender mit dieser Reichweite im Mainstream angekommen. Konfrontation ist das Wichtigste dabei. Leute, die sich vorher nie darüber Gedanken gemacht haben, fragen nach, interessieren sich. Was geht da eigentlich ab? Wer bin ich? Wie definiere ich mich? Man möchte mitreden können und das zwingt die Menschen, sich mit dem Thema geschlechtliche Identität auseinanderzusetzen und auch irgendwie vielleicht Stellung zu beziehen.

Du schreibst auf deinem Kickstarter, dass du dir verschiedene Fragen gestellt hast, wie Was macht einen Mann zu einem Mann? Und eine Frau zu einer Frau?. Konntest du Antworten finden?
Nein, weil es keine pauschalen Antworten gibt. Ich habe die unterschiedlichsten Menschen getroffen, viele Meinungen und Definitionen gehört, welche mich zu dem Schluss brachten, dass diese Begriffe Mann und Frau und ihre Zuordnungen im weiteren Sinn gar nicht existieren.

Was bedeutet das Projekt für dich persönlich? Was hast du gelernt? Erkannt?
Dass ich auch nach zwei Jahren, in denen ich an diesem Projekt gearbeitet habe, immer noch nicht alles über dieses Thema weiß – wer bin ich, wer sind die anderen –, aber dass das auch OK ist. Heutzutage soll alles durchschaubar und durchstrukturiert sein. Transparent. Ich finde es schön, dass der Mensch sich dieses Mysterium behalten darf – eine eigene, geschlechtliche Identität.

Kannst du mir die Geschichte zu der Person auf dem Cover erzählen.
Mariska Stardust ist auf dem Cover zu sehen. Sie habe ich in Paris fotografiert. Mariska war zu dem Zeitpunkt noch nicht sehr lange Dragqueen, aber sie hatte um die 20 verschiedene Perücken, die ich natürlich alle an ihr sehen und ausprobieren wollte. Am Ende lagen all die verschiedenen Haare um sie herum auf dem Bett und sie selbst hatte keine auf. Das Foto, das ich dann machte, kam auch ins Buch. Das zweite Bild von ihr, welches dann das Cover wurde, ist von David Bowie inspiriert, der in seinem Video "Boys keep swinging" selbst in Drag performt und am Ende auf der Bühne sich die Perücke herunterreißt und den Lippenstift wegwischt.

Wer war die inspirierendste Person, die du durch dein Projekt kennengelernt hast?
Das kann ich so nicht sagen, weil alle das gewisse Etwas haben, aber an dieser Stelle möchte ich Kaey erwähnen, welche mit mir das ganze Projekt auf die Beine gestellt hat. Sie ist die Schirmherrin von "GENDER AS A SPECTRUM" und ohne sie wäre das Projekt nie so groß geworden. Kaey ist selber Transfrau und seit vielen Jahren in der Berliner Szene verankert. Sie setzt sich stark für die LGBTQIA-Community ein und hat mir viele Menschen, die essentiell für mein Buch geworden sind, vorgestellt und vermittelt. Die meisten Interviews wurden auch von ihr geführt. Sie hat schon sehr früh an meine fotografische Arbeit geglaubt. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Wann hast du dir zum ersten Mal über deine Sexualität Gedanken gemacht?
Man muss aufpassen, dass man geschlechtliche Identität nicht mit Sexualität verwechselt. Ich definiere mich mehr als homosexueller Cis-Mann und wusste das schon relativ früh. Ich hatte Glück, dass meine Eltern und meine Familie sehr offen mit diesem Thema umgegangen sind und ich mich frei entscheiden konnte, wie ich mich ausdrücken möchte. Im Kindergartenalter wollte ich eigentlich gerne ein Mädchen sein. Ich hab Ohrringe getragen und mich gerne als kleine Prinzessin gefühlt. Das hat sich dann im Schulalter geändert. Aber die kleine Prinzessin kommt jetzt immer öfter wieder – und wir verstehen uns wahnsinnig gut.

Was ist der größte Gender-Stereotyp, den unsere Gesellschaft überwinden muss?
Dass Kinderspielzeuge in männlich und weiblich eingeteilt werden. Ach, und #masculinityissofragile. Einfach albern so was.

Worin besteht heutzutage die größte Schwierigkeit, jung und schwul zu sein?
Der Zusammenhalt innerhalb der Community. Der schwule Mann ist so einigermaßen in der Gesellschaft integriert und viele kümmern sich nicht mehr darum, dass eigentlich noch viel mehr gemacht werden muss, wenn es um Gleichberechtigung geht. Es herrscht eine interne Intoleranz, die wirklich paradox ist – masc4masc ist ein aktuelles Beispiel. Das heißt, schwule Männer wollen nur mit anderen Männern verkehren, die im Aussehen und Verhalten dem hetero-normativen Bild, also quasi dem Mainstream anerkannten Männerbild, entsprechen. Feminin wirkende Homosexuelle werden immer öfter diskriminiert, weil sie als schwach gesehen werden. Wo wir auch wieder bei der Mann-Frau-Gleichberechtigung wären. Es ist OK so zu sein, wie du bist! Das ist ein sich immer wiederholendes Mantra, aber man kann es nicht oft genug sagen!

Was willst du deinem Projekt erreichen?
Ich will Menschen helfen, besser verstehen zu können, dass nicht das Geschlecht uns ausmacht, sondern die Persönlichkeit. Daher war es mir auch wichtig, dass jeder die Möglichkeit hatte, sich selbst zu erklären und sich vorzustellen. Als Mensch und nicht als Repräsentant einer Geschlechterkategorie. "Gender as a Spectrum" soll nicht unbedingt nur ein Buch für die, die sich mit meinem Buch direkt angesprochen fühlen, sondern für jeden sein.

josephwolfgang.ohlert.de