Fotos: Snakepool

7 Dragqueens aus Südkorea erzählen, was Drag für sie bedeutet

"Es geht dabei nicht nur darum, cool auszusehen.Drag hat mein Leben verändert. "

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Aug. 6 2018, 12:00pm

Fotos: Snakepool

In Südkorea – wie in vielen anderen konservativen Ländern auch – findet die queere Community immer wieder Wege und Orte, um zu existieren. Im Stadtteil Itaewon der Hauptstadt Seoul, abseits des Mainstreams, gibt es eine lebendige und kreative Drag-Szene. Kanghyuk Lee, aka Snakepool, war für uns unterwegs und hat sieben der bekanntesten Dragqueens fotografiert, die uns erklärt haben, wie Drag ihr Leben verändert hat.

Youngrong Kim aka Nana

Nana, 32

Was machst du? Unter der Woche habe ich einen normalen Vollzeit-Job und am Wochenende bin ich eine Dragqueen. Warum hast du mit Drag angefangen? Das erste Mal kam ich mit Drag durch den Film Hedwig in Berührung. Danach habe ich in einem kleinen Theater im Viertel Hongdae in Drag performt. Ich habe Theater an einer Schauspielschule studiert und dadurch viel von dieser Szene mitbekommen. Mit Drag kann ich eine andere Seite von mir zeigen, die ich bis dahin versteckt habe.


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Wirst du diskriminiert? Mittlerweile ist die Drag-Kultur in Südkorea gut etabliert und es gibt viele Dragqueens, das war vor elf Jahren noch anders, als ich angefangen habe. Sogar innerhalb der Schwulencommunity waren die Leute damals skeptisch gegenüber Männern, die sich wie Frauen anziehen. Die Einstellungen haben sich aber zum Glück geändert. Hast du eine Botschaft als Dragqueen? Mit Drag kannst du deine Individualität und Persönlichkeit ausleben. Du kannst das sein, was du vor anderen versteckt hast. Es gibt keine Regeln oder Definitionen.

@nana_youngrongkim

Kuciia

Kuciia Diamant, 28

Was machst du? Ich hatte früher zusammen mit einem Freund einen Online-Shop, jetzt arbeite ich aber Vollzeit als Dragqueen. Wo gibt es Safe Spaces für die LGBTQ-Community in Seoul? In Itaewon. Hier hat unsere Kultur ihre Wurzeln und es ist der Ort, an dem ich mich am wohlsten fühle, wenn ich mit anderen Queens um die Häuser ziehe. Hast du eine Botschaft als Dragqueen? Als Kind war ich ein schüchterner Einzelgänger, wurde in der Schule gemobbt und hatte nicht viele Freunde. Durch Drag habe ich viel Selbstvertrauen gewonnen, weil es eine Herausforderung war. Es geht dabei nicht nur darum, cool auszusehen. Drag hat mein Leben verändert. An die Kids, die das lesen: Probiert euch in Drag! Nur ihr selbst könnt eure Träume verwirklichen.

@kuciia

Mojimin aka More

More, 39

Was machst du? Ich bin Tänzerin. Was war für dich die größte Herausforderung auf dem Weg zur Dragqueen? Als ich damit angefangen habe, war alles neu und ungewohnt in Südkorea. Wir wurden lediglich als Männer angesehen, die sich als Frauen verkleiden. Als der Begriff Transgender bekannter wurde, wurden wir als Trans-Frauen in Kleidern angesehen. Jedes Mal, wenn ich auf die Bühne ging, war es eine demütigende Erfahrung, weil ich meine Gefühle hinter ausgefallenen Outfits verbergen und das Publikum unterhalten musste. Heute hilft mir die Schönheit von Drag dabei, mit vielen Dingen fertig zu werden.


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Was war dein größter Triumph als Dragqueen? Dass ich das Amsterdam Rainbow Dress tragen durfte. Das Kleid besteht aus 80 Flaggen von Ländern, in denen Homosexualität immer noch strafbar ist. Wenn eines der Länder Homosexualität entkriminalisiert, wird die Flagge durch die Regenbogenflagge ersetzt. Das Ziel ist, dass eines Tages nur noch eine einzige riesige Regenbogenflagge zu sehen ist. Was wünscht du dir für die queere Community in Seoul? Die Szene in Südkorea ist nur auf das Nachtleben und auf Viertel wie Jongno und Itaewon beschränkt. Die Schwulenszene überschattet die Lesben-, Transgender- und andere Minderheiten-Szenen. Ich möchte queere Menschen auch tagsüber auf der Straße und in der U-Bahn sehen.

@morezmin

Ji Hwan Shin aka Erica Balenciaga

Erica Balenciaga, 22

Was machst du? Ich habe als Englisch-Nachhilfelehrerin angefangen und bin jetzt Hausfrau und Vollzeit-Dragqueen. Warum hast du mit Drag angefangen? Ich komme aus einer Familie, die bei den Zeugen Jehovas ist, und durfte von Anfang an meine Sexualität nicht offen ausleben. Ich wurde ständig dafür belächelt, dass ich weibliche K-Pop-Gruppen und Schwulenikonen wie Madonna, Lady Gaga und Christina Aguilera mochte. Deswegen musste ich lange ein Doppelleben führen. Während des Studiums habe ich mit Drag angefangen und wurde für Auftritte gebucht. Wer hat dir geholfen, die zu werden, die du heute bist? Ich habe in Shanghai studiert und hatte keine Ahnung, dass es in Südkorea überhaupt eine LGBTQ- oder Drag-Szene gibt. Durch die sozialen Netzwerke habe ich die Arbeit anderer Dragqueens verfolgt und mitbekommen, wie schnell die Szene dort wächst. Mir wurde schnell klar, dass ich zurückgehen und selbst Teil der Szene werden musste. Ich konnte es nicht länger ertragen, ein Doppelleben zu führen und habe meinen Eltern gesagt, dass ich eine Dragqueen bin. Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu ihnen.

@ericabalenciaga96

Vita Mikju

Vita Mikju, 24

Was machst du? Ich arbeite als Assistenzlehrer und in der Uni-Verwaltung. Warum hast du mit Drag angefangen? Weil mich Gender-Fragen wie "Was bedeutet Weiblichkeit und Männlichkeit?" interessieren. In Südkorea sind Rollenbilder sehr genau definiert und die Erwartungen daran unglaublich hoch. Von mir wurde lange erwartet, dass ich mich wie ein Mann verhalte. Drag war für mich die perfekte Möglichkeit, aus diesen starren Rollenbildern auszubrechen. Es gibt keine Grenzen, wer du sein kannst. Sei einfach du selbst. Ist Drag eine Form des Protests? Ja. In Südkorea wird die LGBTQ-Community wie Luft behandelt. Die Leute, die uns wahrnehmen, tun so, als seien wir dreckiger Müll. Sie hören uns nie zu. Sie sehen nur, was sie sehen wollen. Dragqueens sind etwas Unbekanntes und Unbequemes. Den Leuten kommt nie in den Sinn, dass der Junge aus der Nachbarschaft schwul sein könnte.

@vitamikju

Ki Seok Kim aka Bori

Bori, 25

Was ist das größte Missverständnis über Dragqueens? Die Leute fragen uns oft: "Seid ihr Transgender?" Wirst du diskriminiert? In Südkorea wissen noch immer sehr viele Leute nichts über Drag und sagen, dass es frauenfeindlich sei. Warum hast du mit Drag angefangen? Ich wurde über Facebook für die erste Geburtstagsparty eines Clubs gecastet. Dort habe ich etwa sechs Monate als Tänzerin gearbeitet und später mit Drag angefangen. Anfangs hatte ich überhaupt keine Ahnung von Make-up, bis ich immer mehr neue Seiten an mir entdeckt habe. Hast du eine Botschaft als Dragqueen? Die Leute sollen Dragqueens ohne Vorurteile begegnen.

@bori930102

Garam Kim aka KYAM

Kyam, 30

Warum hast du mit Drag angefangen? Ich habe Schauspiel studiert und mir eine Auszeit genommen, um mit Trans-Menschen aufzutreten. Wir sind im "Trance" aufgetreten, dem ältesten und bekanntesten Club für Dragqueens in Südkorea, da bin ich zum ersten Mal mit Dragqueens in Berührung gekommen. Ich finde es einfach schön, dass ich Songs interpretieren und eigene Kunstfiguren entwickeln kann. Ist Drag eine Form des Protests? Je nachdem, wie man Drag einsetzt, kann es eine Protestform und ein Akt des Widerstands sein. Ich persönlich bevorzuge eine softere Variante von Drag und behandle mein Publikum freundlich. Ich mag es nicht, andere Menschen in eine unangenehme Lage zu bringen. Hast du eine Botschaft als Dragqueen? Mir geht es in erster Linie darum, dass ich mein Publikum durch meine Performance zum Lachen und Weinen bringe.

@canbeallyouneed

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der mexikanischen Redaktion.