matt lambert erforscht mexico city auf der suche nach moderner liebe

Auf der Suche danach, Sex und Beziehungen im digitalen Zeitalter offen zu porträtieren, reißt Matt Lambert mit seiner Linse Barrieren ein und lädt jeden ein, ihm dabei zu helfen, die Geschichte der Liebe von Heute zu erzählen.

von i-D Staff
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02 Oktober 2015, 8:21am

Image courtesy of the artist

Matt Lamberts Arbeiten werden dafür gefeiert, wie sie Konventionen herausfordern, für seine unbearbeiteten Porträts sexuellen Lebens und dafür, dass sie eine umfassende Suche auf der ganzen Welt in Gang gesetzt haben, um die Intimität, den Sex und die Reinheit moderner Liebe zu dokumentieren. Bislang war er in Berlin (wo er wohnt), in New York City, London und L.A. unterwegs und jetzt erforscht er das Chaos Mexico Citys. i-D hat sich mit dem Filmemacher und Fotografen unterhalten, als er mit seiner Suche begonnen hat.

Kannst du mir ein bisschen über das Fernsehprogramm erzählen, das du machst?
Vor vier Jahren habe ich beschlossen, mich von der Werbung wegzubewegen. Ich habe alles abgeblasen und bin nach Berlin gezogen, um neu anzufangen. Ich habe angefangen, experimentelle Filme zu machen; habe mich darauf konzentriert, meine Jugend, Liebe, Sex und Beziehungen neu zu durchleben. Berlin ist sehr fortschrittlich, wenn es um Sexualität geht und darum, welche Beziehung Leute zu ihrer Identität haben und wie sie sich in Beziehungen verhalten. Das hat mir erlaubt, meine Jugend in einer Art dystopischer Fantasie neu zu durchleben. Vier Jahre später wurde ich von einem großen amerikanischen Fernsehsender angesprochen, um eine Fernsehserie zu entwickeln, die eine natürliche Entwicklung meiner Arbeit in Berlin sein sollte.

Erzähl uns von den Geschichten, die du erzählen willst.
Letztendlich ist es eine Sammlung von ganz unterschiedlichen Liebesgeschichten. Ich kann noch nicht viel über das Format sagen oder wo es gezeigt wird, aber es wird definitiv anders sein als alles, was du bis jetzt im Fernsehen gesehen hast. Wir haben in London angefangen, dann Berlin, New York und sind gerade in L.A. fertig geworden. Jetzt casten wir in Mexico City.

Deine Arbeiten zeigen die Jugend auf recht rohe und ehrliche Weise. Was können Teilnehmer der Serie von deiner Arbeit erwarten?
Ich würde sagen, dass dieses Projekt viel weniger „extrem" und dafür romantischer ist, sanfter und viel zugänglicher als viele meiner früheren Arbeiten. Die zum Beispiel Geschichten von 18-jährigen Prostituierten, Escorts und Camboys beinhalteten. Aber bei diesem Projekt geht es überhaupt nicht um Extreme. Ich hasse es, den Begriff „New Normal" zu verwenden, aber ich schätze, diese Geschichten sind ein bisschen alltäglicher und bieten mehr Identifikationsspotential.

Und trotzdem bleibst du deiner Ästhetik treu …
Das stimmt auf jeden Fall, aber ich würde sagen, dass es eine viel gehobenere visuelle Sprache hat, wenn du es mit meinen vorherigen Arbeiten vergleichst. Ich filme das ganze Projekt mit einem Kameramann aus Berlin, mit dem ich viel arbeite, Cezary Zacharewicz.

Was erwartest du noch von den Leuten, die zum Casting kommen?
Ich bin auf der Suche nach jungen Erwachsenen, die in einer modernen Beziehung leben, offen dafür sind, über ihre Sexualität zu sprechen und sich in ihrer Haut wohlfühlen. Ein sehr primitives Beispiel wäre ein Paar, das sich über Tinder getroffen hat, Leute, die eine Fernbeziehung über Skype aufrechterhalten, oder offene Beziehungen zwischen zwei oder mehr Leuten. Es geht immer um gesunde Beziehungen und definitiv nicht darum, aus einer Tragödie Kapital zu schlagen. Letztendlich bin ich an einer Geschichte interessiert, die obwohl sie sich von dem unterscheidet, was du normalerweise siehst, eine schöne Geschichte über Vertrauen und Ehrlichkeit ist. Es ist eine Feier verschiedener Arten junger Liebe.

Warum Mexico City?
Ich war nie in Mexico City, obwohl ich in Los Angeles aufgewachsen bin und von mexikanischer Kultur umgeben war und mich ihr immer sehr verbunden gefühlt habe. Ich habe mit vielen Freunden gesprochen und Mexico City wurde oft als ein Ort genannt, den ich mir ansehen sollte.

Ich denke, du wirst Mexico City mögen.
Das denke ich auch. Viele Leute haben gesagt: „Wenn du Berlin magst, sieh dir Mexico City an, denn es hat Elemente von Berlin, ist aber ungefähr zwanzig mal größer." Für mich war es immer einer der Orte, den ich besuchen wollte und dieses Projekt scheint der beste Grund zu sein, dies zu tun. Ich habe auch eine ziemlich coole kleine Social-Media-Gefolgschaft aus jungen Leuten aus Mexico City, die darauf bestanden haben, das ich komme und dort drehe.

Glaubst du, dass junge Liebende ehrlicher sind als Erwachsene?
Das ist schwer zu sagen… in Berlin sind die jungen Leute nicht so fokussiert auf Labels, wenn es um Sexualität oder ihre Geschlechtsidentität geht, sie sind einfach offener für Experimente. Dank der digitalen Kultur haben die Jugendlichen verschiedene Vorstellungen von Liebe und Sexualität, da Online-Communitys ihnen erlauben, anders über Beziehungen zu sprechen. Ich kann mir vorstellen, dass es vor 20 Jahren in den USA eine abschreckende Erfahrung war, wenn du 21 warst und das erste Mal in die örtliche Schwulenbar gegangen bist… jetzt kannst du als Teenager mit Leuten in sozialen Netzwerken reden, um zu erforschen und zu verstehen, wer du bist. Es gibt immer noch viel zu tun, aber soziale Netzwerke sind ein nützliches Hilfsmittel, um die Unterhaltung darüber zu öffnen, was es bedeutet Transgender zu sein oder was es bedeutet, außerhalb der binären Norm zu existieren. Viele Trans-Freunde von mir haben gesagt, dass Tumblr, Instagram und Facebook zu einem Ort geworden sind, der ihnen geholfen hat, zu verstehen, was sie durchmachen und eine Community aufzubauen, um sich gegenseitig zu helfen, indem sie sich über ihre Erfahrungen austauschen und untereinander Solidarität gegen Diskriminierung und Hass finden.

Wie lange bleibst du in Mexico City?
Wir werden einen Monat für Casting, Schreiben und Drehen da sein. Hoffentlich sind wir in der Lage, eine Geschichte zu erzählen, die bei der mexikanischen Jugend Anklang findet und auch den Amerikanern etwas mehr darüber zeigt, wie es ist, im Süden aufzuwachsen und sich zu verlieben.

Was ist das Aufregendste 2015?
Für mich? Die Feier der Liebe, weil es gerade um uns herum so viel verdammte Dunkelheit gibt. Jedes Mal, wenn eine Minderheiten-Gruppe sich vorwärts bewegt, gibt es einen Sturm des Hasses, der uns zwingt, zwei Schritte zurück zu machen. Ich bin in der Punkszene in L.A. aufgewachsen. Meine Arbeiten waren früher sehr brutal. In der Vergangenheit sind wir Ignoranz oft sehr aggressiv begegnet, aber jetzt will ich Hass bekämpfen, indem ich Liebe propagiere. Ich strebe danach, ehrliche Geschichten von schönen Seelen voller Liebe zu präsentieren und hoffe, dass es die Art, wie die Welt sie wahrnimmt, ändern wird. Wenn du ein Künstler, Musiker, Fotograf oder jemand anders mit irgendeiner öffentlichen Stimme bist, dann kann deine Arbeit Leuten helfen. Es sind kleine Kämpfe, aber die wichtige Sache ist, Akzeptanz durch Liebe zu predigen.

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Credits


Text: Cheryl Santos
Fotos: Matt Lambert