sind wir die generation witchcraft?

Genau das haben wir eine Hexe gefragt. Ihre Antworten werden dich überraschen...

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Mai 26 2016, 1:35pm

Magie und Hexerei waren schon immer Domänen junger Frauen. Populär gemacht wurde es zwar von Gerald Brosseau Gardner, einem weißen Mittelschichtsengländer, aber die Wertschätzung von Freundschaften zwischen Frauen, der Natur und Göttinnen wie Sophia haben dafür gesorgt, dass der Brauch bereits seit Generationen unter Frauen beliebt ist. Es ist nicht zu leugnen, dass diese Szene seit 2010 im Aufwind ist und immer beliebter wird.

Vor zehn Jahren wurdest du noch als Außenseiterin abgestempelt, wenn du ein Pentagramm um den Hals getragen hast, jetzt werden die sogar bei Urban Outfitters verkauft. Petra Collins ließ sich davon inspirieren, sogenannte Aura-Kameras erleben ein Revival, Tarotkarten legen wurde zur neuen Lieblingsfreizeitbeschäftigung und es hat sich auch eine kleine, aber feine App-Industrie in der Nische gebildet.

Foto via @thehoodwitch

Durch Filme wie Der Hexenclub und das Outing von Willow in Buffy, die Vampirjägerin sind die jungen Hexen von heute wahrscheinlich zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung gekommen. Durch Instagram, Social-Media-affine Coven und American Horror Story hat diese Szene endgültig ihr Nischendasein verlassen und ist zum Mainstream geworden.

Die in L.A. lebende Bri Luna betreibt die populäre Website The Hoodwitch, auf der sie „Alltagsmagie für moderne Mystiker" anbietet. Sie wuchs mit ihrer Großmutter auf, die einzigartigen und spirituellen Bräuchen folgte, aber erst als Teenagerin wurde Bri eine Hexe. Angezogen vom Gemeinschaftsgefühl der Coven und auch durch die Tatsache, dass sie Jungs verwünschen konnte—das seien ihre Beweggründe gewesen, erklärt sie uns. Irgendwann habe sie begriffen, dass diese Übungen „sehr magisch und sehr viel Macht haben". „Ich war schon immer vom Nichtsichtbaren fasziniert. Ich wusste darüber nichts, aber ich habe gefühlt, dass etwas jenseits von unserer Welt existiert."

American Horror Story: Coven ist einer der aktuelleren und erfolgreichen Repräsentationen von Hexerei im Mainstream. Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video „American Horror Story: COVEN" von Eduardo Rodrigues.

Ihre persönliche Geschichte mit der Coven-Kultur spiegelt die Erfahrungen vieler junger Hexen wider, die die Strukturen als hilfreich und befreiend empfinden. Im Gegensatz zu Organisationen wie Schule, Kirche oder Sportvereine, stehen Coven für eine Alternative zu diesen patriarchalischen Strukturen. Sie beruhen—wie die Hexerei—nicht auf Autorität oder bestimmten Personen. Der Fokus liegt viel mehr auf dem Prozess der Teilnehmer selbst, wie sie ihre Kräfte entdecken und selbst lernen, umgeben von Freundinnen und Mentorinnen. In Coven bestimmen Jugendliche über sich selbst, eine Erfahrung, die sie in dem Alter nicht oft machen.
Das sorgt für Gruppenteilnahme, Austausch und auch Experimentierfreude. Bei Hexerei geht es um weibliche Solidarität und Empowerment und steht für ein gesellschaftliches Klima", schreibt Bri. „Frauen erlangen wieder Kontrolle über ihre eigenen Kräfte—und das macht einigen Leuten Angst", so die Hexe weiter. „Diese Kräfte schlummern seit Jahren in uns. Sie wurden durch gesellschaftliche Zwänge unterdrückt. Der Zwang, sich gesellschaftlich akzeptiert zu verhalten und, ja, auch durch religiöse Zwänge."

Der Hexenclub ist für viele junge Frauen einer der ersten Berührungspunkte mit der Wiccan-Kultur. Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video „The Craft - Trailer" von Sony Pictures Home Entertainment.

Der Empowerment-Aspekt hat auch die Künstlerin Courtney Brooke Hall aus New England zu dieser Szene geführt. Sie beschreibt ihren Pagan-Glauben als „frauenorientiert und geerdeten Lebensstil". An der Hexerei schätzt sie vor allem, welche Kraft sie Frauen gibt. Im Gespräch macht sie zudem die Flexibilität des Glaubenssystems für die wachsende Beliebtheit verantwortlich:

„Wiccans haben die Freiheit, verschiedene Aspekte anderer Glaubensrichtungen in ihren eigenen Glauben einzubinden. Und dadurch, dass sie ihren Glauben alleine ausüben können, können sie überall und jederzeit ihren Glauben leben." Statt rigider Dogmen bietet Hexerei eine Sprache der Offenheit und des Experimentierens, ohne dass Leute sich einer Doktrin verschreiben oder andere Denkweisen ablehnen müssen. Es ist kein exklusiver Club, sondern es ist eine Art kosmische, offene Beziehung. Im Zeitalter von Tinder ein sehr angenehmes Angebot. 

Foto via @nonalimmen

Viele der Themen, die in der Hexerei eine Rolle spielen, sind heute Anliegen, die vielen jungen Menschen wichtig sind. „In einer Zeit von ökologischer Zögerlichkeit, verspricht der Pagan-Glauben mit seiner Naturverbundenheit ein Leben in Harmonie mit der Natur und keins, bei dem die Natur unsere Bedürfnisse erfüllen muss."

Video: Unsere Kollegen von Broadly haben die Hexen von Bushwick besucht. Das Frauenkollektiv verbindet Kunst, Mode und Hexerei.

Dieser Gedanke mag für einige weit hergeholt sein, aber Hexerei ist eine überraschend logische Konsequenz auf die Umweltzerstörungen und die Gender-Revolution. Nur wenige Szenen bedienen diese Themen so konsequent und schenken ihnen so viel Beachtung. Bri erklärt uns, wie sehr der Respekt vor der Natur und der Erde ein integraler Bestandteil des Brauchs ist: „Wir ehren die Elemente, die Jahreswechsel, die Mondphasen und die Planetenzyklen. Das sind alles wichtige Zeichen, weil alles mit allem verbunden ist."

Foto via @thehoodwitch

Der explosionsartige Anstieg der Beliebtheit des Brauchs ist durch das Internet entstanden und das Ergebnis seiner gemeinsinnstiftenden Identität. Die Zeit war reif für eine frauen- und naturorientierte Bewegung, die zwar schon alt ist, aber erstaunlich gut ins heutige Internetzeitalter passt: „Durch die Technologie werden Informationen zu Esoterik und Okkulten einfacher zugänglich. Die Leute haben ihre Zauberbücher gegen Google eingetauscht!", sagt Bri lachend.

Eine Hexe zu sein, bedeutete früher zu entfernt gelegenen Buchläden und speziellen Geschäften zu fahren. Jetzt gibt es dank neuer Technologien eine Plattform für Novizinnen, um ihr Wissen zu teilen, zu recherchieren und sich zu treffen. Websiten wie thewoodwitch.com gewinnen jeden Monat mehrere Hunderte neue Mitglieder. Der Fokus dieser Websiten liegt auf geteilten Informationen und Erfahrungen und ist der Online-Kultur sehr ähnlich.

Auf Instagram gibt es viele bekannte Online-Hexen, die für viele junge Leute einen ersten Berührungspunkt mit dem Brauch darstellen. Zu den beliebten Accounts gehören @bloodmilk, @nonalimmen und @_spirits, die zehntausende Follower haben. 

Foto via @thehoodwitch

Die Message von Hexerei kombiniert mit einer visuellen Kultur ist wie gemacht für Social Media. Auch wenn du kein Interesse daran hast, dich mit der Natur oder deiner inneren Göttin verbunden zu fühlen, spricht doch nichts dagegen, ein paar Schnappschüsse von einem Kristall zu posten, oder? 

Letztlich ist es genau dieser Gegensatz aus Ideologie und Ikonografie, der für das plötzlich gestiegene Interesse an Hexerei und Zauberei verantwortlich ist. Nur wenige Jugendkulturen haben dieselbe Fähigkeit, so nahtlos die Themen Gender, Kreativität und Digitalkultur miteinander zu verbinden.

Bei der Generation Witch geht es um Selbstentdeckung mit einer guten Ästhetik. Was könnte sich dein jugendliches Ich mehr als wünschen?

Credits


Text: Wendy Syfret
Foto: via instagram