die fragile beziehung zwischen kreativität und psychischer gesundheit

Immer mehr junge Menschen leiden an Depressionen und haben Selbstmordgedanken. Kann Kunst einen Ausweg bieten? Wir haben uns die lange Geschichte von Kreativen und psychischen Erkrankungen näher angeschaut.

von Greg French
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20 April 2016, 12:30pm

Nick Knight, Pale Rose

In den letzten 25 Jahren ist die Rate der jungen Leute, die an Depressionen und Angstzuständen leiden, um ungeheure 70 Prozent gestiegen. Schätzungen gehen davon aus, dass eine in vier Personen zwischen 16 und 25 Jahren Selbstmordgedanken hat. Die Chancen sind also riesig, dass wir auch innerhalb unserer eigenen Freundes- oder Kollegennetzwerke in unserem Leben mindestens eine Person kennenlernen, der es aufgrund von psychischen Erkrankungen nicht gut geht. Laut der Weltgesundheitsorganisation gäbe es global gesehen eine große Ungleichheit in der Verteilung psychischer Gesundheit.


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Das sind alarmierende Zahlen, aber noch alarmierender ist die Annahme, dass diese Zahlen in den nächsten Jahren signifikant steigen werden. Zu den offensichtlichsten Gründen gehören: das Wachstum von Social Media, finanzielle Sorgen und die Dominanz von unerreichbaren Schönheitsidealen in den Medien. Alle sind moderne Trigger. Auch die Geschwindigkeit unseres Alltags erweist sich zu oft als Bürde, ein aktuelles Problem wie sich gerade wieder in der Modebranche mit den Weggängen großer Designer bei führenden Modehäusern gezeigt hat.

Es ist keine Überraschung, dass eine isländische Studie aus dem Jahr 2015 gezeigt hat, dass es einen Zusammenhang zwischen Kreativität und psychischen Erkrankungen gibt. Die Forscher haben herausgefunden, dass Kreative 25 Prozent anfälliger für bipolare Störungen oder Schizophrenie sind. Der Grund davor sind erbliche Faktoren. Das wirft die Frage auf, wie und warum Kreativität und psychische Gesundheit miteinander verbunden sind.

Nick Knight, Lily

Künstler haben sich in ihren Arbeiten schon immer mit ihren psychischen Erkrankungen auseinandergesetzt. Bei Picasso zum Beispiel gibt es einen merklichen Unterschied zwischen der Blauen und Rosa Periode, verursacht vermutlich durch den Tod seines engen Freundes Carlos Casagemas. Vorbei war es mit den charakteristischen farbigen Klecksen und ersetzt hat er sie durch melancholische Blautöne, die durch eine schwere Depression ausgelöst wurden. Diese „Blaue Periode" genannte Phase dauerte vier Jahr und entwickelte sich zur „Rosa Periode", in der die Blautöne durch fröhlichere Orange- und Rottöne ersetzt wurden. Piccasso hat einmal gesagt, „Kunst sei dazu da, den Staub des Alltags von der Seele zu waschen."

Mark Rothko ist ein weiteres Beispiel. Sein manisch-depressiver Charakter lässt sich im Farbwechsel seiner Arbeiten nachweisen. Seine großformatigen Bilder, gemalt in verschiedenen Farbtönen, sind am besten für ihre visuelle Wirkung auf den Betrachter bekannt. Seine Farbauswahl wechselt zu Grautönen, als er mit Aortenaneurysma diagnostiziert wurde. Kurz vor seinem Selbstmord produzierte Rothko eines seiner letzten Gemälde, Untiteld, Black on Grey—eine Auseinandersetzung mit seiner Erkrankung.

Wenn man in den Rothko gewidmeten Raum in der ständigen Ausstellung der Londoner Tate Modern geht, wird der Betrachter sofort mit verschiedenen Gefühlen konfrontiert. Es erinnert uns daran, was für eine Wirkung und Ausstrahlung Kunst auf uns haben kann. Die neue Charity The Hospital Rooms, gegründet von Niamh White und Künstler Tim A. Shaw, hat sich das zu Herzen genommen und beauftragt zeitgenössische Künstler, die mit museumswürdigen Kunstwerken die psychiatrischen Abteilungen in Krankenhäusern verschönern sollen.

Assemble, Granby Workshop

„Kunst und psychische Erkrankungen haben eine lange Geschichte und viele der bekanntesten Kunstwerke setzen sich mit internen Traumata auseinander", erklärt Niamh. „Diese Bilder haben mit dazu beigetragen, dass das Stigma rund um psychische Erkrankungen abgebaut wurde und haben sie als Teil der menschlichen Existenz etabliert."

Vielleicht liegt es daran, dass sich einige der tragischsten Schicksale Kreativer in ihren eigenen Arbeiten widerspiegeln. Alexander McQueen hat sich oft mit den dunkelsten Aspekten der menschlichen Psyche auseinandergesetzt und sie in Kleidungsstücke und fantastische Catwalk-Produktionen übersetzt. Es ist kein Geheimnis, dass der Designer selbst unter psychischen Erkrankungen litt. Wie der Maler Francis Bacon einmal sagte, dass die Gefühle der Verzweiflung und des Unglücks für einen Künstler nützlicher seien als das Gefühl von Zufriedenheit, „weil Verzweiflung und Unglück sich über die gesamte Gefühlswelt ausbreiten."

Zu den Unterstützern der Initiative The Hospital Rooms gehören bekannte Künstler wie Gavin Turk, Acconci Studio, Michael O'Reilly, Aimee Parrott, Joh Bates und das gerade mit dem Turner Prize ausgezeichnete Kollektiv Assemble. Modefotograf und Gründer von SHOWstudio Nick Knight hat der Organisation zwei Prints zur Verfügung gestellt. Die Arbeiten waren vorher noch nie gemeinsam in einer Ausstellung zu sehen und besitzen eine unglaubliche Energie. In einem Statement über sein Mitwirken an der Initiative hat der langjährige i-D Contributor gesagt: „Einige der kreativsten Personen, die ich kenne, haben irgendwann unter einer psychischen Erkrankung gelitten. Die Umgebung für diese Patienten angenehm und stimulierend zu gestalten, ist für mich eine sehr wichtige Aufgabe. So kann ihre Genesung und Erholung unterstützt werden."

Assemble, Granby Workshop

Die Charity veranstaltet auch monatliche Workshops für Patienten, die von den genannten Künstlern selbst durchgeführt werden. So sollen die Patienten lernen können, ihre Gedanken und Gefühle mithilfe eines kreativen Mediums Ausdruck zu verleihen. Zwar sieht die isländische Studie einen klaren Zusammenhang zwischen Kreativität und psychischen Erkrankungen, doch muss uns auch bewusst sein, dass sie jeden betreffen können, unabhängig von der Branche oder dem Bildungsstand.

Young Minds ist eine Hilfsorganisation, die sich um das psychische Wohlergeben von jungen Leuten kümmert, begrüßt die Initiative: „Kreativität ist für viele junge Leute, die emotional leiden, eine wichtige Therapieform. So können sie ihre Gefühle und Erfahrungen kanalisieren. Viele Therapeuten setzen Kunst und Musik erfolgreich bei der Behandlung von jungen Patienten ein", erklärt uns Lucie Russell von Young Minds. Und weiter: „Es ist ein Mythos, dass junge Menschen aus dem kreativ-künstlerischen Bereich anfälliger für psychische Erkrankungen sind. Jeder kann daran leiden. Kreativität in Schulen und in Universitäten zu fördern, ist ein wichtiger Schritt, damit junge Menschen eine Sprache für ihre Gefühle lernen und sich selbst ausdrücken können."

Tim A Shaw, Gaze

Für die Künstler, die ihre Arbeiten so untrennbar mit ihrer Gefühlswelt verbunden haben, stellten genau jene Arbeit einen Fluchtpunkt dar. Designer Alexander McQueen sagte einmal: „Mode sollte eine Form von Eskapismus sein und kein Gefängnis." Dafür leisten die Künste einen wesentlichen Beitrag. Sie bieten Auswege für viele unlösbare Probleme und lösen die Stigmata von vorher Unsagbarem. Wie Francis Bacon einmal sagte: „Wenn man darüber sprechen kann, wieso sollte man es dann malen?"

Wenn du selbst in einer seelischen Krisensituation stecken solltest, es gibt kostenlose Hilfsangebote wie die örtlichen Kinder- und Jugendnotdienste oder die Nummer gegen Kummer.

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Text: Greg French

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