diese fotos zeigen die mode-und technoszene der frühen 90er in new york

Vier Jahre lang hat Fotograf Nick Waplington seine Tage damit verbracht, Christy Turlington und Naomi Campbell tagsüber im Atelier von Isaac Mizrahi beim Fitting zu dokumentieren. Nachts war er mit seiner Kamera in New Yorks Underground-Clubszene...

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März 11 2016, 9:10am

Nick Waplington und Isaac Mizrahi lernten sich durch Richard Avedon kennen. Avedon hatte Arbeiten des damals 22-jährigen Studenten am Londoner Royal College of Art gesehen und wie sich Nick erinnert „entschied Dick, dass Isaac und ich zusammenarbeiten sollten, weil wir, nun ja, beide jung waren". Der Brite sollte später die Vorbereitungen zur Fashion Week im Atelier des damals schwer angesagten New Yorker Designers festhalten.

Jetzt bringt Waplington seine gesammelten Fotos im neuen Bildband The Isaac Mizrahi Pictures: New York City 1989 - 1993, der bei Damiani erscheint, heraus. Das Jüdischen Museum in New York widmet dem amerikanischen Modedesigner eine Retrospektive. Zwar hat sich das Label von Isaac Mizrahi im Laufe der Zeit des Öfteren einem Wandel unterzogen, doch Waplingtons Fotos fangen genau das ein, womit das Label auf der New Yorker Modebühne anfangs alle so fasnzinierte: die Farben, die Unerschrockenheit und die glamouröse Theatralik. Außerdem zeigen die Aufnahmen die Energie und die Intimität in Mizrahis Atelier in einer Zeit, in der Michael Hutchence dort mit Helena Christensen, Spike Lee mit Veronica Webb oder André Leon Talley („Sie haben Doris-Day-Songs zusammen gesungen") mit Sandra Bernhard vorbeischauten.

„Ich war davor noch nie bei einem Fitting", erzählt Fotograf Nick am Telefon. „Als ich mit dem Fotografieren anfing, stand ich für die ersten Tage unter scharfer Beobachtung. Sie haben sich Sorgen gemacht, weil ich als heterosexueller Mann in einem Raum voller nackter Models war. Aber ich habe die Prüfung bestanden. Ich war nicht lüstern, ich war entspannt und jeder war ziemlich entspannt mit mir."

Zwischen Momenten frenetischer Energie—Horden von Models, die über Berge von Seiden steigen und den langen Nächten im Studio vor einer Deadline. „Es lief Musik, es wurde viel gelacht. Und dann gab es Tage, an denen es ernsthafter zuging. Eine Woche vor der Fashion Week, wurden die Tage länger. Das war die interessanteste Zeit: die ganze Spannung, die sich aufgebaut hat, und der Buzz, das hektische Treiben und die langen Wartezeiten. Das war zu einer Zeit, bevor es Smartphones gab. Ich habe gelesen."

Unter die Fotos von pinkfarbenen PVC-Capes und Unmengen Tüll mischen sich Waplingtons Schnappschüsse seiner anderen Leidenschaft: die aufkeimende New Yorker House- und Technoszene. „Das war damals eine interessante Zeit in New York. Es war vor dem großen Reinemachen von Giuliani und bevor Manhattan zur Festung der Reichen wurde", sagt der Fotograf. „Ich wollte ein Buch über die Stadt zu dieser Zeit machen und nicht nur mit Isaac zusammenarbeiten. Die Dynamik, die sich aus diesen beiden Welten ergibt, ist doch wunderbar. Das macht das Buch zu einem echten Zeitdokument einer wirklich tollen Zeit in New York."

Ein typischer Tag von Nick sah so aus: Sein Apartment befand sich auf der Lower Fifth Avenue und durch den Washington Square Park ist er ins Atelier von Isaac in SoHo gelaufen („Der Apple Store war damals noch ein Postamt."). Wenn die Fittings mal wieder länger dauerten, ist der danach noch in die Sound Factory oder zu Save the Robots gegangen. „Das war lustig da, es gab Sägemehl auf dem Boden."

„Die Sound Factory war ein schwuler After-Hours-Club, der erst Sonntagmorgen aufgemacht hat. Ansonsten war das Gebäude verschlossen. Junior Vasquez hat nur dort aufgelegt. Es war verrückt und es war so gut", erklärt Nick weiter. „Damals konntest du auch noch in Gebäuden rauchen. Deshalb gab es in diesen Clubs immer dicke Marihuana-Schwaden." Donnerstagabend fing die Partyreihe „Save The Robots" an und ging so lange, bis eine andere Party in der Nähe vom Port Authority Bus Terminal startete. Dort blieb man dann so lange, bis man in die Boy Bar gehen konnte. „Außerdem bin ich natürlich auch ins Limelight und in den Tunnel gegangen."

Gefährlich hohe Plateauschuhe, Drag Queens in funkelnden Pailletten und Lamé—ein verschwitztes Fest der Ungezwungenheit und einer eingeschworenen Truppe. Die Fotos setzen die Kleidung von Isaac Mizrahi in den Kontext eines New Yorks, das zum Sehnsuchtsort für viele wurde. Zwar war Isaac kein regelmäßiger Gast in der Sound Factory, dafür aber Fotograf Nick Waplington umso mehr. Die Entwürfe des Designers haben damals den Geist und den Spaß am Experimentieren widergespiegelt, eine Nacht im Jackie 60.

Als Chanel 1993 einen Anteil am Label kaufte, hörte Waplington mit seinem Projekt auf. „Ich glaube, sie wollten mehr Glamour", sagt er. Aber der Fotograf verabschiedete sich nicht komplett aus der Modewelt. Danach fotografierte er Lee McQueen und die Bilder wurden mit zu den wichtigsten Dokumenten des Schaffens des Genies.

Modedesigner bei der Arbeit zu fotografieren, ist wie ein Marathonlauf. „Es gibt Momente, an denen du dich beschissen fühlst, aber wenn du die Zeit investierst und die Arbeiten zusammenfügst, ist das Endresultat fantastisch."

The Isaac Mizrahi Pictures: New York City 1989-1993

erscheint am 22. März bei Damiani.

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Credits


Text: Alice Newell-Hanson
Fotos: Nick Waplington, Courtesy of D.A.P.