VITIUM ist eine hommage an die queercore-szene der 80er

Das neue Fanzine des in Berlin lebenden Fotografen Matt Lambert „VITIUM“ feiert schwule Intimität und Sexualität jenseits aller Marketingklischees.

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30 März 2016, 1:50pm

Mitte der 70er Jahren ist Punk als soziale und politische Bewegung der Unterdrückten und von der Gesellschaft Ausgestoßenen entstanden, es war und ist eine umfassende kulturelle Neuerungsbewegung. Jedes Element der Gesellschaft wurde in Frage gestellt und kein Stein wurde auf dem anderen gelassen: von Kunst bis Mode, Punk hat alles verändert, auch die schwule Kultur. Mit Queercore bildete sich innerhalb der Punkszene eine selbstbewusste LGBT-Szene, die sich die Underground-Einstellung des Punks zu eigen gemacht hat. Schwule Punks haben auf die Probleme aufmerksam gemacht, die für sie relevant waren. Queercore richtete sich neben den heterosexuellen Machos unter den Punk-Pionieren auch gegen die generelle gesellschaftliche Verachtung der LGBT-Community.

Matt Lambert und Jannis Birsner haben diese Zeit in ihrem neuen Fanzine VITIUM festgehalten. Darin sind Schnappschüsse von Jungs zu sehen, wie sie voller Lust und liebevoll miteinander spielen und umgehen. Sie zeigen intime Momente zwischen zwei Männern auf eine ehrliche Art und Weise ohne die heteronormative Brille. So wird einem Hochglanz-tauglichen Bild von Homosexualität etwas Reales gegenübergestellt. Ebenso richten sich die Macher mit dem Fanzine gegen die vorherrschende Heile Welt in den sozialen Medien und verdeutlichen, wie sehr die Wirklichkeit auf Facebook, Instagram & Co durch Zensur, Kontrolle und Manipulation für bessere Marktfähigkeit konstruiert wird, und alles andere als authentisch und echt ist.

Wir haben mit beiden über Queercore, Zensur in sozialen Netzwerken, Ausverkauf von Fotografen und Homophobie in der Modewelt gesprochen.

Was interessiert euch an der Queercore-Szene?
Matt Lambert: Es geht mehr um die Ästhetik und die pure Energie der Bilder, die damit zusammenhängen. Ich bin im L.A. der 80er und 90er aufgewachsen und als Kind habe ich mich durch mit der Punkszene durch die direkte und emotionale Bildsprache am intensivsten verbunden gefühlt. Dennoch hatte die Szene immer noch etwas Exklusives. Auf dem College habe ich dann Queercore und Leute wie Bruce LaBruce, Vaginal Davis und Bands wie Pansy Division für mich entdeckt. Ein paar Jahre später bin ich dann auf die Gruppe Bare Bones aus London gestoßen. Wir haben zusammen an einer Punk-Zeitung gearbeitet und haben große, multidisziplinäre Ausstellungen auf die Beine gestellt. Mit VITIUM wollten wir so wenig mit der Modewelt zu tun haben, wie wir nur konnten. Herausgekommen ist eine Kreuzung aus einem sogenannten Indie Smut Magazin und einem selbstproduzierten Fanzine. Wir wollten, dass es bei VITIUM mehr um die Welt und die Jungs, die in dieser Welt leben, geht als um Fotografie. Das Zine soll sich authentisch, intim und ein bisschen verboten anfühlen.
Jannis Birsner: Außerdem wollten wir Fanzines wie Bound and Gagged oder S.T.H zitieren. Ich mag die Vorstellung, dass wir so eine Prä-Internet-Plattform für eine Gruppe von Leuten erschaffen, die Sünde verbindet, jedenfalls nach den Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft.

Das Format Fanzine ist in dreifacher Hinsicht ein Zeichen: erstens ein Zeichen gegen die Hegemonie der Heteros, zweitens ein Zeichen gegen Social Media und drittens ein Zeichen gegen Zensur.
ML: Heutzutage unterliegen viele Plattformen wie Facebook oder Instagram Zensur-Richtlinien. Aus Tumblr wurde eine Porno-Seite und ein inhaltsloses Fashion-Moodboard.

Social Media hat es zugelassen, dass Zensur völlig ungestraft angewendet werden kann. VITIUM ist dagegen ein kompromissloses, sexuell aufgeladenes Hardcore-Fanzine, das dem Kommunikations-Mainstream den Mittelfinger entgegenstreckt.
ML: Die Leute teilen heutzutage nur zu gerne. Dabei teilen sie aber keine ehrlichen Momente oder zeigen wahre Intimität oder Sexualität. Es gibt natürlich ein paar tolle Ausnahmen auf Instagram—Leute, die Grenzen überschreiten. Es gibt aber so viel inhaltsleeren und nichtssagenden Content. Bruce LaBruce oder die nächste Generation wie Slava Mogutin, Gio Black Peter, Brian Kenny waren und sind autobiografisch bis an oder über die Schmerzgrenze gegangen. Ihre Fetische sind Teil ihres künstlerischen Prozesses und oft werden sie selbst Teil ihrer Arbeiten.

Und du glaubst, dass diese Auflehnung und das damit verbundene Verhalten und der Inhalt aus den 80er Jahren kommt? Wir feiern doch unaufhörlich die Durchbrüche, die in diesem Jahrzehnt stattgefunden haben.
ML: Seit Kurzem arbeite ich auch in der Modebranche. Das macht für mich einfach kommerziell am meisten Sinn. Wenn ich mir die Filmemacher und Fotografen in der Mode anschaue, dann existiert dort ein regelrechter Marken-Fetisch. Unabhängige Kunstprojekte und Kollektive gieren nach Markenpartnerschaften. Unabhängige Magazine wollen von Condè [Nast] oder Hearst aufgekauft werden. Die Publikationen, die noch unabhängig sind, werden mehr und mehr zu Gefangenen ihrer Werbekunden. Früher galt der Spruch, dass Geld von Marken schmutziges Geld sei. Jetzt ist es fast ein Gütesiegel für Fotografen. Es ist vorgetäuschte Authentizität. Es bedeutet, dem Markt hinterherzurennen, anstatt die Verhältnisse andersherum zu drehen.

VITIUM stellt ein Gegengewicht zu den heteronormativen Botschaften dar, die in unserer Gesellschaft—besonders von der Modeindustrie—vermittelt werden.
JB: Dass Schwule Verhaltensformen aus der Modewelt übernehmen, das von anderen Schwulen stammt, die Angst davor hatten, ihre Sexualität auf natürliche Weise darzustellen, finde ich einfach merkwürdig. Sie verstecken sich hinter einer Kunst, die Sex sterilisiert. Und dafür mache ich den heterosexuellen Mann verantwortlich. Dass junge Schwule ihre Persönlichkeit ausdrücken, scheint selbst zu seiner Marke zu werden. Online entstehen falsche Bilder, die den Marketing- und Zensurrichtlinien großer Brands entsprechen. Diesen Männern fehlt es komplett an Substanz. Es scheint fast so zu sein, dass die Jungs ihre Sexualität mit einer Marke und Marketingfetischen ersetzen wollen, um zu vermeiden, sich selbst kennenzulernen.

Kreativität und Sexualität wurden allmählich homogenisiert, um sie marktfähiger zu machen. Dagegen wehrt sich VITIUM.
ML: Die Globalisierung der Jugendkultur bedeutet letztlich: das Silicon Valley bestimmt, was Jugendkultur ist und was nicht. Das bedeutet, dass die Welt insgesamt ihre Standards in Bezug auf Sexualität der amerikanischen Prüderie anpassen muss.
JB: Vergessen wir dabei nicht die homophoben Schwulen in der Modebranche selbst, denen ein heterosexueller Junge vor der Kamera lieber ist als ein ehrlicher, realer Moment.

Die Industrie ist einfach zu sehr damit beschäftigt, sich ihrer vorgetäuschten Maskulinität zu vergewissern, um es wirklich zu begreifen.
JB: Was bedeutet überhaupt Maskulinität? Die Jungs in VITIUM sind weder besonders groß noch besonders klein, sie haben normale Körper. Sie sind im Zine aufgrund ihrer Ausstrahlung. Alle Eigenschaften, die sie haben, würde man typischerweise als feminin bezeichnen. Zurück zu Körperlichkeit: Diese Jungs sind attraktiv und maskulin, weil sie sich ihrer Sexualität sicher sind. Maskuline Männer sind sich ihrer selbst bewusst, ohne aggressiv sein zu müssen.

VITIUM ist Teil einer Gegenbewegung zu dieser ganzen Debatte um schwule vs. heterosexuelle Herrenmode in der Industrie.
JB: Nur die Leute ganz oben können es ändern. Viele heterosexuelle Männer sind so anmaßend und von sich selbst sehr überzeugt, weil sie sich ihrer Sexualität nicht besonders sicher sind. Sie haben Angst davor, dass die Mode nicht die versprochene Quelle männlicher Stärke ist, die ihnen versprochen wurde. VITIUM bedeutet, sich seiner Orientierung sicher zu sein. Die Unsicherheit der heterosexuellen Männer interessiert uns nicht.
ML: VITIUM möchte nichts lösen. Es ist nicht politisch. Es steht nicht für die Vielfalt, die es geben muss. Dafür sind meine Filme, an denen ich gerade arbeite, da. Es ist nicht progressiv. Aber es ist ehrlich, persönlich und verspielt. Es ist ein kleiner Ausschnitt unserer Welt. Dazu gehört Intimität, und nicht nur Sexualität. Es geht darum, ehrliche Momente festzuhalten. Es geht darum, Menschen—und nicht Objekte—darzustellen.

VITIUM

erscheint bei Bruno Gmünder und wurde von Studio Yukiko designt. Erhältlich ist es in Berlin im Buchladen Eisenherz, bei do you read me?!, bei Brunos sowie online.

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Credits


Text: Lewis Firth mit Material von Michael Sader 
Fotos: Matt Lambert