für die junge ukrainische designerin yulia yefimtchuk ist mode immer politisch

Yulia Yefimtchuk lebt und arbeitet in der Ukraine. Wie das ihre Mode beeinflusst und wie sie von der Geschichte des Landes inspiriert wird, erzählt sie uns im Interview.

von Lisa Riehl
|
05 Januar 2016, 1:15pm

Der Zusammenhang von Politik und Mode ist kein unbehandeltes Thema. Meist wird er jedoch als nicht mehr beschrieben als die Garderobe eines (weiblichen) Staatsoberhauptes oder die Auswirkung einer wirtschaftlichen Situation auf die Rocklänge. Yulia Yefimtchuk jedoch schafft vielmehr reflektierte Zusammenhänge. Die Designerin lebt und arbeitet in der Ukraine. Ihr Modestudium hat sie 2009 an der State University of Decorative and Applied Art and Design in Kiew abgeschlossen. 2014 präsentierte sie ihre Kollektion vor einem internationalen Publikum als Finalistin des Hyères Festivals. Zwar hat die Designerin den Hauptpreis nicht mit nach Hause nehmen können, dafür haben die Juroren Carol Lim und Humberto Leon für sie kurzerhand einen eigenen Preis kreiert und ihre Kollektion für Opening Ceremony geordert. Und das - diese These darf man wagen - ist noch viel mehr wert als ein bereits existierender Preis.

Die Mode von Yulia Yefimtchuk ist eine Reminiszenz an den Konstruktivismus der 1920er Jahre, an kommunistische Propagandaplakate und an die Uniformität der Arbeiterklasse. „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben" steht auf den Kreationen ihrer aktuellen Kollektion der Saison Herbst/Winter 2015/16 - inspiriert von dem Bruderkussgemälde auf der Berliner Mauer. „Frühling", in kyrillischer Schrift, ziert hoffnungsvoll ihre Kreationen für Frühjahr/Sommer 2016. Als Vorbild diente der Avantgarde-Film „In Spring" von Michael Kaufman, der den Aufbau der Stadt Kiew im Jahr 1929 und den Frühlingsbeginn dokumentiert. Das Erwachen der Stadt wie das der Natur. Und so wird die Uniformität, die zur Stil-DNA von Yefimtchuk gehört, in dieser Kollektion mit angedeuteten Rüschen, karierter Transparenz und präzisen Cut-outs angereichert. Der Film zur Kollektion wurde in Berlin gedreht und wird von dem Gedicht „Spring again, hopes again" der ukrainischen Dichterin Lesya Ukrainika untermalt. Anlässlich der exklusiven Deutschlandpremiere sprachen wir mit Yulia Yefimtchuk über ihre Kollektionen und über politische Mode.

Du lebst und arbeitest in der Ukraine. Was bedeutet dieser Standort für dich?
Die politische Lage in der Ukraine ist nicht stabil, aber es gibt dort viele tolle Menschen. Meine Familie und meine Freunde leben hier und stehen als Unterstützung immer bereit. Es gibt hier keinen Stillstand, in jeder schwierigen Situation findet sich eine Lösung.

Wie politisch kann, oder besser: muss, Mode sein?
Die Politik ist überall, sogar in der Liebe. Und Mode und Kunst sind immer politisch. Die Mode ist sogar noch mehr mit ihr verbunden, da die Politik Trends, das System und Farben beeinflusst.

Kommt das nicht auch auf die Herkunft und den Wohnort eines Designers an?
In gewisser Weise ist das mit dem Ort, an dem ein Designer lebt und arbeitet, verbunden. Im Prinzip aber ist die Politik global und beeinflusst jeden.

Wir sprachen mit dem Fotografen Daniel King über seine Aufnahmen von Kiewer Teenagern im Sommer vor dem Protest und der Revolution, die ein Land auseinanderriss.

Die Mode zieht ihre politischen Inspiration gerne aus Tragödien. Wie lassen sich diese in etwas Schönes, in etwas, das man anziehen möchte, verwandeln?
Die Weltgeschichte zeigt, dass aus Kriegen stets außergewöhnliche Künstler hervorgegangen sind. Vielleicht weil es inmitten von Chaos und Kummer immer auch Licht und Hoffnung geben sollte. Und wenn dieses hoffnungsbringende Licht in etwas Künstlerisches verwandelt wird, möchten die Menschen ein Teil dessen haben - es tragen, lesen oder anschauen.

Gibt es in deinen Kollektionen Referenzen an dieses Zusammenspiel von Politik und Kultur?
Die Verbindung von Kultur und Politik findet man bei mir immer, aber ich versuche, einen subtilen Spielraum dazwischen zu definieren. Denn es ist nicht einfach, den richtigen Weg zu finden, um diese Verbindung modisch auszudrücken. Die Antwort auf meine Fragen finde ich dabei oft in der Geschichte und in der Kunst.

Hat sich deine Arbeit und die Ästhetik deiner Mode durch die politische Situation in der Ukraine im letzten Jahr verändert?
Meine Ästhetik hat sich nicht verändert. Beeinflusst werden allerdings meine Arbeitsabläufe, da die politische Situation Instabilität mit sich bringt - dem muss man sich anpassen.

Wofür stehen die kyrillischen Buchstaben auf deinen Kleidungsstücken?
Kyrillische Prints sind meine Art, über das Weltgeschehen und die Ukraine zu sprechen. Sie sind aber von meinem Vater und seiner Arbeit während der Sowjetunion beeinflusst. Er arbeitete als Künstler und kreierte sowjetische Plakate mit Slogans. Das hat mich immer fasziniert, denn ich mag diese Ästhetik. Sie ist sehr stark.

Deine Silhouetten sind stets sehr prägnant und beinah kämpferisch. Was demonstrieren sie, gestreift über den Körper einer Frau?
Der weibliche Körper ist sehr sensibel und ich möchte ihn beschützen. Ich mag eindeutig zur Schau gestellte Sexualität nicht, das ist vulgär. Ich bevorzuge es, wenn die Sexualität des Körpers versteckt bleibt und wenn man die Augen eines Menschen in einer starken Silhouette brennen sieht. Mit der Kreation solcher Silhouetten zeige ich die interessante innere Welt einer Frau.

Du bezeichnest außerdem „den weiblichen Körper als Instrument", als eine wichtige Referenz in deinen Kollektionen. Was bedeutet das, auch im Kontext der zeitgenössischen Gender-Debatte?
Es ist schlicht ein Spiel mit Kontrasten.

Wie wichtig sind Farben für dich? In deinen Kollektionen finden überwiegend Rot, Schwarz und Weiß Verwendung. Ist ihr Zusammenspiel entscheidend oder hat jede für sich eine bestimmte Bedeutung?
Die Farben stehen zum einen für den Künstler Kazimir Malevich, den ich verehre. Weiterhin sind diese Farben meine Wurzeln. Rot, Schwarz und Weiß werden in nationalen ukrainischen Kostümen vorzugsweise verwendet. Ich habe jeder Farbe einen Sinn gegeben: Schwarz steht für Arbeit, Rot für Freude und Liebe und Weiß für den Frieden.

Noch eine weitere Designerin aus der Ukraine, die sich mit nationalen ukrainischen Kostümen beschäftigt, ist Vita Kin. Ihre Übersetzung jedoch erscheint wesentlich ursprünglicher, während deine Mode progressiver oder sogar provokativ erscheint.
Für mich sind nationale ukrainische Traditionen so subtil, dass ich Angst habe, sie als Referenz zu wählen. Dafür bin ich noch nicht bereit. Symbole und Farben sollten dafür in Harmonie sein, unsere Vorfahren nutzten sie, um damit ihre Familien und sich selbst zu schützen. Ich stimme nicht mit Vita Kin in allen Aspekten ihrer Kunst überein. Aber jeder macht das, was er bevorzugt.

Mood Board SS16

Wer ist hauptsächlich deine Zielgruppe - die Ukraine oder der Rest der Welt?
Die ganze Welt.

yuliayefimtchuk.com

Credits


Text: Lisa Riehl
Fotos: Michaël Smits
Produktion und Styling: Erik Raynal
Haare & Make-up: Marianna Serwa
Model: Petra / Elite Prague
Video von Fritz Marlon Schiffers
Styling: Erik Raynal
Models: Benjamin, Adam & Hannes / 2 tomorrow is another day

Tagged:
Interview
Newcomer
Russland
look book
fashion interview
yulia yefimtchuk
label to watch