inez and vinoodh über aids, rihanna und das new york der 90er

Das bahnbrechende niederländische Fotografen-Duo wird heute Abend in New York für ihr Wert von ACRIA geehrt. Grund genug für uns, sie zum Interview zu treffen. Wir sprachen mit Inez über die Auswirkungen von AIDS auf kreative Communitys und wieso der...

von Emily Manning
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10 Dezember 2015, 1:15pm

„AIDS ist die Todesursache Nummer eins für Männer zwischen 25 und 40 Jahren in New York. Alle Berufsgruppen sind betroffen, von der Wall Street bis zu den Washington Redskins, aber in der Kunst - und ihren Stiefkinder Mode und Innendesign - ist es am sichtbarsten", schrieb Michael Shnayerson in seinem Vanity Fair-Artikel „One by One" über die verheerenden Folgen von AIDS unter einer ganzen Generation der hellsten Köpfen der Kreativszene New Yorks. Der Artikel erschien Anfang 1987, lange bevor Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin zu den gefeierten Modefotografen werden würden, aber wenige Monate nachdem sie in Amsterdam in den dunkelsten Tagen der AIDS-Epidemie anfingen zusammenzuarbeiten.

Das niederländische Duo wird von der New Yorker Stiftung ACRIA im Rahmen ihres traditionellen Weihnachtsdinners heute Abend für sein Engagement geehrt. Schon seit Jahren unterstützen Inez und Vinoodh die communityorientierte Organisation durch Geldspenden und Werkspenden für Wohltätigkeitsauktionen. „Werke, die das Leben zelebrieren und die für ACRIA und dessen Ziele stehen", so Benjamin Anderson Bashein von ACRIA über die Entscheidung. Wir sprachen mit Inez darüber, wieso es so wichtig ist, dass die jüngere Generation Safer Sex praktiziert.

Ihr arbeitet seit Mitte der 80er zusammen. Erzähle uns mehr über das kulturelle Klima, in der damals die HIV/AIDS-Debatte stattfand.
Vinoodh und ich sind in Amsterdam großgeworden und wir arbeiten seit 1986 zusammen. Damals ging ich noch zur Uni und Vinoodh hatte gerade seinen Abschluss gemacht. Wenn man sich im Übergang ins Erwachsenenleben befindet und sich mit Leuten aus unterschiedlichen Szenen anfreundet, erweitert sich der eigene Horizont. Zu dieser Zeit fühlte sich das Thema noch sehr mysteriös an, es waren kaum Informationen verfügbar. AIDS war diese dunkle Wolke, die über dem kulturellen und dem Club-Leben hing. Für uns beide war es das erste Mal, dass wir wirklich mit Leuten, die HIV-positiv waren, oder mit Leuten, die bereits Angehörige an die Krankheit verloren hatte, zu tun hatten. Es waren die älteren Künstler, die uns - die jüngeren Kids - in Amsterdam darüber aufklärten.

Als Fotografin spielte bei der Sichtweise auf HIV die Arbeit und das Leben von Robert Mapplethorpe eine maßgebliche Rolle. Ich glaube, dass er der stärkste Einfluss war: Wir waren von seinen Arbeiten beeindruckt und wollten gleichzeitig aber über die Dinge lernen, die damit zusammenhingen. Aus kultureller Perspektive und was unseren Weg als Fotografen angeht, wurde vieles davon von Mapplethorpe geprägt. Zu der Zeit schauten viele Leute zu ihm auf, nicht nur in der Fotografie, sondern auch im Nachtleben.

Es war ein paar Jahre nach dieser Zeit, als ihr nach New York gegangen seid. Hatte sich die Art und Weise, wie über HIV gesprochen wird, oder kulturell etwas grundlegend verändert?
Wir sind 1995 nach New York gezogen, also ungefähr 10 Jahre danach. Zu der Zeit waren wir der Meinung, dass die Leute nicht mehr an einer HIV-Infektion sterben würden. Alle unsere Freunden sagten, dass die neue Therapien - Pillencocktail zum Beispiel - effektiv sind und dass die Angst zu sterben nicht mehr so stark war. Wie uns die Zeit zeigte, mussten wir feststellen, dass das nicht ganz so stimmte. Informationen und Behandlungsmöglichkeiten entwickelten sich zwar weiter, aber es starben weiterhin Leute daran. Damals haftete dem Thema noch ein Stigma an, es wurde nicht mal darüber gesprochen. Einer unserer Freunde, mit dem wir anfängliche alle unsere Arbeiten realizierten, hat uns nie gesagt, dass er HIV-positiv ist. Wann immer das Thema aufkam, sagten Freunde: ‚Es gibt Medikamente'. Aber er starb trotzdem. Die Leute scheinen zu denken, dass man nur ein paar Tabletten schluckt und sein Leben so wie vorher weiterleben kann - dem ist nicht so.

Warum arbeitet ihr mit ACRIA zusammen?
Was ich an ACRIA mag, ist, dass die Organisation durch Aktivismus entstand und der New Yorker Kreativcommunity dient. Es ist toll, dass diese Leute, die so viele ihrer unglaublich begabten und kreativen Kollegen an die Krankheit verloren haben, sich zusammenschließen und in die Community mit Workshops und Programmen investieren. Besonders schätze ich, wie sie sich bei ACRIA um die Älteren mit HIV kümmern. ACRIA hat ein großes kulturelles Gedächtnis und ihre Arbeit ist einfach fantastisch.

Wieso ist es wichtig, dass wir weiterhin über HIV und Aufklärung sprechen?
Wir arbeiten mit so vielen jungen Leuten, die Anfang 20 sind, zusammen, gerade auch mit vielen Girls. Ich erinnere sie immer daran, dass ihre Partner Kondome tragen sollen. Jedes Mal, wenn ich mit einem jungen Mädchen am Set darüber spreche, witzeln sie ‚Und ich dachte, ich sei schwanger!'. Sie scheinen sich nicht sonderlich darum zu kümmern, und das erschreckt mich ein bisschen. Ich glaube, dass das Thema schon bei vielen Leute im Hinterkopf ist, aber ich befürchte, dass die Message nicht mehr so stark ist, wie sie einmal war. Irgendwie braucht es eine neue Aufklärungswelle für junge Leute um die 20, damit sie verstehen, dass Kondome nicht optional sind.

Keith Haring macht Safer Sex und direkte AIDS-Aufklärung zu einem zentralen Thema in seinen Arbeiten. TLC haben sie sogar als Accessoires getragen, um mit ihren jüngeren Fans einen Dialog zu starten. Du und Vinoodh habt an Benefizkampagnen gearbeitet, darunter mit Rihanna für MAC Viva Glam.
Deshalb sind Rihanna und MAC Viva Glam so wichtig. Rihanna, Miley: Leute, zu denen junge Mädchen aufblicken und denen sie zuhören, sollten diese Messages verbreiten, vielleicht sogar noch explizierter als bisher. Das kann schwierig sein, weil meiner Meinung nach auf gewisse Weise, heutzutage alles zum Tabu geworden ist. Der Playboy zeigt keine Nacktbilder mehr, aber die Öffentlichkeit schaut sich Sextapes an. Es beginnt damit, dass es Leuten schwer fällt, mit Jüngeren über Sex zu sprechen. Aber es muss Wege geben, um einen offenen Dialog über gesundheitliche Probleme in Zusammenhang mit Sex mit jedem und jeder führen zu können.

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Credits


Text: Emily Manning
Fotos: Courtesy of Inez and Vinoodh

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