Leikeli47 — Fashionista aus Versehen, wandelndes Lexikon aus Leidenschaft

Nachdem HipHop jahrzehntelang von Männern dominiert wurde, verschafft sich jetzt endlich eine neue Welle talentierter Frauen laut und deutlich Gehör. Für den ersten Teil unserer neuen Serie über weibliche Dichterinnen treffen wir die geheimnisvolle...

von i-D Team
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28 Oktober 2014, 4:48pm

leikeli47 by Bibi Borthwick

Es gibt das inoffizielle Credo im Neo-HipHop, dass Reizüberflutung dich weiterbringt. Aus diesem Grunde hauen Rapper so große Mengen MP3s raus, wie neue Nikes released werden, oder sie tauchen online sowie offline ständig auf und wieder ab. Leikeli47 ist da ganz anders. Die in Brooklyn aufgewachsene Rapperin kam wie plötzlich aus dem Nichts. Los ging es mit ihrem Video zum gehypeten C&C, wo Leikeli ihre Beine in ABRAHAMASSON-Leggins gesteckt hat, die mit Barron Claibornes berüchtigtem Notorious B.I.G-Foto bedruckt waren. Leikeli47 hat Brooklyn auf der Zunge, sie spuckt Reime aus, die an ihre legendären lyrischen Vorgänger erinnern. Ihr Gesicht? Vollständig verhüllt mit einer Ski-Maske. Ghostface hat das ungefähr '94 auch versucht, auch wenn die Strumpfhose auf seinem Kopf eher danach aussah, als wolle er einen Banküberfall begehen. Leikeli47 schafft es irgendwie, daraus ein Fashion-Statement zu machen, während sie gleichzeitig eine Botschaft über den Status der Frau im Rap vermittelt. Sie ist nicht wegen ihres Gesichts hier; sie ist hier für ihre Bars, und ihre Anonymität hat ihr zu Sichtbarkeit verholfen. Wir kennen ihr Gesicht nicht, ihr Alter nicht, wir kennen nicht einmal ihren Namen. Sie ist sogar maskiert, während wir die Straßen von Brooklyn entlanglaufen. Sie winkt Kindern, die sie anstarren, als wäre sie so etwas wie ein Ninja. Je weniger über sie bekannt ist, desto faszinierender wirkt sie. i-D gab Leikeli47 ihr allererstes Interview. Lerne sie besser kennen.

Lass uns über deinen persönlichen Stil sprechen.
Um ehrlich zu sein, gibt es da nicht viel zu reden. Ich bin relativ normal. Ich bin nicht so ein Mode-Mädchen. Ich meine, ich mag Kleidung, aber ich denke nicht, dass ich allzu modisch bin. Ich denke einfach, dass ich cool bin. Ich glaube, mir geht es gut.

Stylst du dich selber?
Ja, ich mache es einfach so, wie ich mich fühle. Meistens trage ich Nike-Slipper, Jogginghose, irgendwelche Standardsachen. Ich sage einfach: Der Grund, warum ich nie behauptet habe modisch zu sein ist, dass ich immer noch das Mädchen aus dem Block bin. Ich hänge rum auf Flohmärkten und Läden in Downtown Brooklyn. So ein Mädchen bin ich. Aber ich liebe Mode und wie bestimmte Kleidung an gewissen Menschen aussieht. Ich habe Lieblingsdesigner, aber ich bin nicht so eine, die das Haus verlässt und sagt: „Ich mach einen auf Mode". Ich mach nicht mit beim Modespiel.

Du hast immer diesen NY-Touch an dir. Im C&C-Video hattest du die Biggie-Leggings und jetzt trägst du Wu am Finger [zeigt auf Leikelis Ring mit dem Wu-Tang Clan-Logo].

Das verrückte ist, das ist total unterbewusst. Ich nehme nicht wahr, was passiert. Ich habe es nicht einmal realisiert, bis du mich darauf aufmerksam gemacht hast. Aber ich liebe Biggie. Biggie ist der Beste! 

Ja, du hast ihn in Ski Mask Way gesampelt, und außerdem kommst du aus Bed-Stuy.
Ja, ich nehme mal an, dass Brooklyn einfach in meinem Blut ist. Es ist ein Teil von mir. Ich bin stolz auf meine Herkunft. Ich würde jetzt nicht interviewt werden, wenn es Biggie nicht gegeben hätte. Hoffentlich ist er stolz auf mich.

Mach dir keine Gedanken darüber, ob ich hell, dunkel, süß, oder nicht süß bin oder ob mir jemand ein Buck-50-Wunde ins Gesicht geritzt. Mach dir über all diese Dinge keine Gedanken. Mach dir Gedanken über die Leidenschaft und das Herz, das ich in meine Musik fließen lasse.

Viele Frauen im HipHop kämpfen darum, beachtet zu werden, aber dich beachten die Leute umso mehr, gerade weil du nicht mit deinem Aussehen zu punkten versuchst und dann auch noch talentiert bist.
Ja, der Punkt von all dem liegt darin, sich auf die Musik zu konzentrieren. Respekt an alle - Mann, Frau, Kind, Biest - die das tun. Mir geht's um die Musik. Ich habe Spaß dran, meine Musik zu machen. Ich arbeite hart dafür. Es ist für mich also wichtiger, Leute durch meine Musik und nicht durch mein Aussehen zu erreichen. Mach dir keine Gedanken darüber, ob ich hell, dunkel, süß, oder nicht süß bin oder ob mir jemand ein Buck-50-Wunde ins Gesicht geritzt. Mach dir über all diese Dinge keine Gedanken. Mach dir Gedanken über die Leidenschaft und das Herz, das ich in meine Musik fließen lasse. Ich produziere, ich schreibe, ich lebe das. Ich bin ein totaler Einzelgänger. Wenn du irgendetwas über mich wissen willst, dann hör dir die Musik an. Wenn du in meine Musik eintauchst, kannst du nachvollziehen, wer ich bin. Auf meinem ersten Mixtape [LK-47] habe ich dir alles über mich erzählt: "Ich ziehe mich wie ein Junge an, ich rede wie ein Mädchen." Das ist mein Style. Ich bin ein Tomboy, aber auch ein mädchenhaftes Girl. Manchmal mag ich es einfach Jungskleidung zu tragen. Na ja, meistens.

In F*ck the Summer Up hast du die Zeile „See i wasn't born royal / I don't give an eff about a crown or a throne" ...
Das ist meine Art zu sagen, dass ich hier bin und Spaß habe. Viele Leute wollen immer das Beste, und das ist ihr Ding. Sie gehen sich gegenseitig an die Gurgel, wollen die Krone, wollen der Beste sein oder was auch immer. Respekt an sie; die meisten von ihnen sind krass genug dafür. Aber ich? Sieh mich als Kumpeltypen auf der Party. Ich komme nicht, um irgendjemandem die Halsader aufzuschlitzen, ich behaupte nicht, die Beste zu sein - Prinzessin, König oder Königin. Nichts von all dem. Das überlasse ich den Leuten, die das wollen. Und ich wünsche euch dabei alles gute. Ich bin hier, um etwas Spaß zu haben und um dich während du tanzt zum Denken anzuregen. Das ist mein Ding.

Du produzierst all deinen Kram selbst, nicht wahr?
Ja, ich produziere. Manchmal ko-produziere ich mit Leuten, aber da habe ich nur ein paar sehr ausgewählte. Es gibt nur zwei oder wahrscheinlich drei Leute, mit denen ich ko-produziere, und das ist nicht viel. Das meiste, was du hörst, bin ich alleine.

Wann ist dir aufgefallen, dass du musikalisch veranlagt bist?
Mein ganzes Leben schon. Ich konnte immer Musik sehen. Das ist nichts, wofür ich kämpfen musste.

Und was ist mit den Lyrics? Die Art und Weise, wie du deine Zeilen formulierst … Hast du als Kind Gedichte oder so etwas geschrieben?
[Lacht] Ich kann nicht einmal hier sitzen und so tun, als ob ich so ein Mädchen wäre. Ich weiß, dass ich sowas immer gern gemacht habe. Es kommt in meinen Kopf und muss einfach wieder raus.

Planst du, Konzerte zu spielen?
Ähm. Wir werden sehen.

Es gibt jetzt schon die LK-47 Part 1- und Part 2-Mixtapes. Kommt als nächstes ein Album?
Wir werden sehen, wo mich Gott von hier aus hinführt. Fürs Erste will ich einfach arbeiten und überall in der Gegend herumspringen. Aber du wirst mich immer in Brooklyn finden können.

Hier kannst du reinhören und hier kannst du Leikeli47 folgen.

Credits


Interview: Kathy Iandoli
Foto: Bibi Borthwick

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