so kämpfen aktivistinnen für ihre reproduktiven rechte im trumps amerika

Die Frauen dahinter, India Menuez, Layla Alter und Emma Holland, haben mit uns über die Lage von Frauen unter Präsident Trump gesprochen. Denn reproduktive Rechte sind nicht nur ein Thema für Cis-Frauen. Sie gehen uns alle an.

von Hannah Ongley
|
01 Februar 2017, 3:35pm

@oddgirrl

Mit einem Präsidenten, der „Grab them by the pussy" propagiert, ist die Gesundheitsversorgung von Frauen in den USA in ernster Gefahr: das Ende von Planned Parenthood, die Grundsatzentscheidung im Fall von Roe v. Wade des Supreme Court soll nicht mehr gelten und der Anstieg illegaler Abtreibungen sind Dinge, die im Rahmen des Möglichen erscheinen. Aber auch im Best-Case-Szenario unter Präsident Trump ist es unwahrscheinlich, dass seine Amtszeit etwas Gutes für reproduktive Rechte und deren Verfechter bedeutet.

Ein neues Zine unterstützt jetzt den Kampf dieser Leute mit wichtigen Fakten zu dem Thema und nutzt dafür die Vorteile der DIY-Kultur: die Verbreitung ist einfach, schnell und günstig. Die Amerikanerinnen wollen den Frauen in ihrem Heimatland klarmachen, dass sie auch unter der neuen Regierung Rechte haben. Repro Rights Zine ist durch die Zusammenarbeit von India Salvor Menuez, Layla Alter und Emma Holland entstanden. Sie wollen damit, wichtige Informationen über Verhütung und den politischen Prozess denjenigen zugänglich machen, die diese Informationen am meisten benötigen. Wenn die Wahl zum US-Präsidenten für irgendetwas gut war, dann dafür, dass sie uns gezeigt hat, wie Twitter als Verstärker von Meinungen fungieren kann. Das Zine kann man sich herunterladen, zu Hause oder in der Schule ausdrucken und so überall verteilt werden. Damit erreichen sie auch junge Mädchen in Iowa oder Texas. Wir haben mit den drei Macherinnen über die Probleme in Zusammenhang mit reproduktiven Rechten gesprochen. Außerdem haben wir uns erklären lassen, warum diese Rechte auch Männer angehen, und wie sie vermeiden wollen, dass sie nur Leute anzusprechen, die sowieso schon dafür sind.

@reprorightszine

Warum geht das Thema jeden an, nicht nur Cis-Frauen?
India Salvor Menuez: Die Debatte rund um reproduktive Gesundheit hat sich bisher sehr um Cis-Frauen gedreht. Ich finde das verständlich, wenn man bedenkt, dass es die Menschen sind, die am wahrscheinlichsten schwanger werden. Und trotzdem ist das noch eine Vorstellung aus patriarchischen Strukturen. Das Thema reproduktive Gesundheit geht die ganze Familie an. Ob eine Person, die Kinder haben möchte, ein traditionelles Familienbild anstrebt oder nicht, ist erst mal egal. Schwanger zu werden geht mindestens zwei etwas an, auch wenn es um künstliche Befruchtung geht. Wir denken einfach, dass die Aufklärung über reproduktive Gesundheit nicht nur eine Sache von Leuten sein soll, die Kinder gebären können. Außerdem gibt es bei der Kommunikation und bei dem Umgang mit nicht-binären Patienten noch erhebliche Defizite. Diese Leute haben genauso sehr ein Recht auf die bestmögliche Aufklärung, damit sie für sich die besten Entscheidungen in Sachen reproduktive Gesundheit treffen können. Das war uns bei dem Zine sehr wichtig.
Emma Holland: Durch viele Faktoren, besonders die historisch schwierige Beziehung des Landes in Sachen Sex und Sexualität, wird das Thema oft als etwas Frivoles, als nicht medizinisch, nicht notwendig oder als Ausdruck eines unsittlichen und unmoralischen Lebensstils angesehen. Das ist wie mit der Frage, ob das Huhn oder das Ei zuerst da war. Die Verantwortung wird unverhältnismäßig oft auf die Frauen und nicht-binäre Personen übertragen. Jeder, der nicht in diese Kategorien fällt, kann es als Problem abtun, das ihn nicht betrifft. Aber jeder ist gefragt, sich dafür einzusetzen und zu sagen: „OK, das ist ein universelles Thema und wichtig."
Layla Alter: In den USA waren die Themen Sex, Sexualität und reproduktive Gesundheit schon immer mit religiös begründeten Schranken, gesellschaftlichen Normen und moralischen Tabus belegt. Wir wollen mit unserem Zine die Debatte einfach bereichern und für Aufklärung sorgen, um diesen kleingeistigen und ignoranten Ansichten etwas entgegen zu setzen.

Die Änderungen von Obamacare werden sich sehr negativ auf reproduktive Gesundheit auswirken. Worauf müssen die Leute dabei achten?
India Salvor Menuez: Es ist nicht zu spät, um Obamacare — oder den Affordable Care Act, so heißt es offiziell — zu retten. Wir müssen unseren Politikern sagen, dass sie etwas beschützen müssen, das die Leben von Millionen Amerikanern retten kann. Vorlagen gibt es im Internet. Dieses Gerede von „Repeal und Replace" der Trump-Regierung ist inhaltsleere und gefährliche Rhetorik, die verdeckt, dass keine Alternative vorgeschlagen wird. Konkret bedeutet das Ende von Obamacare, dass der Zugang zu Verhütungsmitteln stark beschränkt wird. Deshalb fordern wir, dass die Langzeitauswirkungen stärker berücksichtigt werden.
Layla Alter: Die Rücknahme des Affordable Care Act wird nicht nur diejenigen betreffen, die dadurch versichert sind, sondern jeden, der durch seinen Arbeitgeber krankenversichert ist. Durch Obamacare sind Arbeitgeber ab einer bestimmten Größe verpflichtet, ihre Arbeitnehmer krankenzuversichern. Vor Obamacare lag es im Ermessen des Arbeitgebers, ob er seine Arbeitnehmer versichert. Die neue Regierung sorgt dafür, dass Arbeitgeber die Freiheit erhalten, ihren Arbeitnehmern keine bezahlbare Krankenversicherung anzubieten. Das müssen die Menschen verstehen. Es geht alle etwas an. Trumps Plan könnte bedeuten, dass 20 Millionen Amerikaner keinen Zugang zu anständiger Gesundheitsversorgung erhalten werden. Deshalb sprechen wir in unserem Zine über Spiralen. Außerdem ist uns ein Grundsatz sehr wichtig: „Dein Körper, deine Entscheidung".

Das ist sehr wichtig. Aber wie sorgt ihr dafür, dass das auch Leute in ländlichen Regionen erfahren. Denn werden solche Informationen doch besser gebraucht als in den Ballungszentren an der Ost- und Westküste.
Layla Alter: Das ist eigentlich der Grund, warum wir überhaupt auf die Idee mit dem Zine gekommen sind. Ich wusste, dass wir dieses Zine produzieren können und es hier in unserer sehr privilegierten Blase in New York sicherlich auch gut verteilen hätten können. Mir war es aber wichtig, dass das Zine in die Hände derjenigen kommt, die es am meisten brauchen. Durch unsere Ressourcen und durch Social Media wollen wir das erreichen. Wir bieten es nicht nur kostenlos im Internet an, sondern auch mit einer ansprechenden Ästhetik. Durch Social Media wollen wir es auch jenseits von New York verbreiten. Rowan Blanchard hat den Link zu dem Zine über ihren Instagram-Account geteilt und so haben wir 4,6 Millionen Follower erreicht. Das ist gemeint, wenn Leute von der Power of Social Media reden. Das Zine ist in Zusammenarbeit mit killerandasweetthang.com entstanden, das ist ein Aufklärungs-Start-up, für das ich arbeite. Unsere Leser sind jung und auf der Suche nach Rat. Wir haben dafür gesorgt, dass man das Zine auch direkt von dieser Website herunterladen kann, um den Zugang so einfach wie möglich zu machen.

Unser Grundsatz lautet, das Zine so einfach, informativ und interaktiv zu gestalten wie möglich. Unser Zine soll auch ein 14-jähriges Mädchen in Iowa oder in Texas lesen können. Junge Mädchen, die in sozial schwächeren Gegenden wohnen oder in einem konservativen Haushalt aufwachsen, kommen sonst kaum an solche Informationen. Wir hoffen, dass sie sich das Zine ausdrucken, es ihren Freundinnen in der Schule geben und die Informationen mit anderen teilen. Uns hat ein Mädchen aus Denver geschrieben, die die ganze Nacht lang wach geblieben ist, um die Zines für ihre Freunde auszudrucken. Wir wollen mehr solcher Nachrichten. Ich möchte auch in die Schulen und an die Unis, gerade in sozialen Brennpunkten. Das Schöne an dem Zine ist es doch, dass es so einfach verfügbar ist. Man klickt auf den Link, druckt es sich aus, gibt es seinen Freunden, die den Link sehen und so geht es immer weiter.

Werdet ihr aktualisierte Versionen veröffentliche, weil davon auszugehen ist, dass sich die Rechte unter der neuen US-Regierung verändern werden?
India Salvor Menuez
: Darüber sprechen wir im Moment und würden es gerne tun. Doch von Bundesstaat zu Bundesstaat ändern sich die Gesetze enorm. Das alles akkurat in dem Zine darzustellen, würde den Rahmen des Formats sprengen. Deshalb verlinken wir immer hier drauf. Dort gibt es die aktuellsten, für den jeweiligen Bundesstaat relevanten Informationen. Das Zine ist als Reaktion auf die Angst vieler Frauen vor Trumps unrealistischen Versprechen, das Urteil Roe v. Wade zu ignorieren, entstanden. Wir wollten damit etwas schaffen, dass den Leuten signalisiert: ‚Hey, ihr habt immer noch die Rechte' und wir wollten sie mit dem nötigen Wissen ausstatten.
Layla Alter: Sobald die neuen Gesetze verabschiedet sind, möchte ich eine aktualisierte Version herausbringen, wenn Obamacare tatsächlich geschliffen wird. Die Leute, die dann nicht mehr krankenversichert sein werden, sollen wenigstens die nötigen Informationen haben, damit sie die nächsten Schritte planen können. Die Leute werden mit Informationen bombardiert, wir bieten mit unserem Zine die relevantesten Informationen schön aufbereitet. Die Chancen stehen so höher, dass man diese Informationen mit anderen teilt.

Was habt ihr bei der Recherche zum Thema reproduktive Gesundheit gelernt?
Emma Holland: Der Schlüssel zum Verständnis für diese Themen ist deren Kontext. Hier gibt es innerhalb der USA auch krasse Unterschiede. Aber man kann generell sagen, dass — aus welchem kranken Grund auch immer — die Gesundheit in diesem Land nicht als Menschenrecht gesehen wird. Das wird offensichtlich, wenn man sich anschaut, wie das Gesundheitssystem in den USA funktioniert, oder besser: wie es nicht funktioniert. Dass es letztlich nur weißen Männern nützt, die über viel Geld verfügen. Die Debatte um reproduktive Rechte ist noch mal weiter vom Gedanken eines Rechts auf Gesundheit, Sicherheit und der Kontrolle über das eigene Leben entfernt. Wenn es denn überhaupt darüber eine Debatte gibt. Die Arbeit an dem Zine hat uns das nochmal deutlich gezeigt.
India Salvor Menuez: Man muss doch nur die Nachrichten lesen und verfolgen wie es um die bestehenden Projekte steht, die Dinge haben sich schon dramatisch verschlechtert. Es ist doch einfach krank, was Texas im Dezember für ein Gesetz verabschiedet hat. Gesundheitseinrichtungen müssen dort Föten beerdigen oder sie einäschern können. Solche Gesetze legalisieren den emotionalen Missbrauch von Frauen, die eine Abtreibung in Betracht ziehen oder sie durchführen.

reprorightszine.us

Credits


Text: Hannah Ongley

Tagged:
usa
Donald Trump
Meinung
zine
India Menuez
Reproduktive Rechte
Reproduktive Gesundheit