pipilotti rist geht dir buchstäblich unter die haut

Die Videokünstlerin spricht über autogenes Training, Feminismus und Spiritualität.

von Lily Bonesso
|
20 Januar 2015, 9:25am

Pipilottis Rist Videos sind mehr als verrückte Visuals. Ihre Vision umfasst unsere gesamte körperliche Erfahrung, so dass wir uns „kollektiv getröstet und ausgespült fühlen", wie sie es ausdrückt. In Rists Videos sehen wir Blätter, Blumen und mit Tau bedeckten Spinnennetze durch ein Makroobjektiv. Ihr Markenzeichen ist die sonderbare Einbeziehung eines matschigen, blinkenden Augapfels. Sie filmte sogar im Körperinneren und stellte die Kapillare mit makelloser Präzision dar. Man betritt die Galerie, legt sich hin, schaut sich die hochauflösenden Bilder auf einem Bildschirm an und eine Zufriedenheit durchzieht einen. In der Arbeit bezieht sich sich auf autogenes Training, eine Entspannungstechnik des Deutschen Johannes Heinrich Schultz.

Rist versucht durch ihre Arbeit, „die Abfolgen und Geschwindigkeiten, die die Welt zusammenhalten, vor und hinter dem Augenlid zu finden." Diese Einheit ist nicht nur ein fester Bestandteil in ihren Arbeiten, sondern steckt auch hinter der Idee, dass wir eins miteinander, der Welt und dem Universum sind. Der New Yorker nannte sie eine „Predigerin der Glückseligkeit" und die Bezeichnung passt. Im ersten Moment erscheint es widersprüchlich, wenn sie ihre Arbeiten selbst als „komplette Traurigkeit" beschreibt. Entweder wurde sie komplett missverstanden oder ihre Traurigkeit und unsere Glückseligkeit sind dasselbe. Ihre Arbeiten wirken wie eine Therapiestunde: Was wir also tatsächlich erfahren, ist ihre und unsere Katharsis. i-D traf die Schweizer Künstlerin zum Interview und sprach mit ihr über autogenes Training, Feminismus und Spiritualität.

Hast du Lieblingswerke?
Oft ist es das neueste - einfach als Überlebensstrategie. Wenn ich traurig und nicht gut drauf bin, dann versuche ich mich, an meine persönlichen, kleinen Blockbuster wie I Am Not The Girl Who Misses Much, Selfless In The Bath Of Lava, Ever Is Over All und Sip My Ocean zu erinnern.

Wie kommst du auf die Titel?
Es gibt keine Regeln. Einige Titel sind erzwungene positive, mantra-artige Beschwörungen, einige verfolgen mich seit Jahren, einige haben sich Freunde ausgedacht und einige sind das Ergebnis von langen Listen. Für mich sind Titel wie kleine Gedichte.

Kannst du uns autogenes Training erklären?
Stell dir vor, du fliegst langsam von deinen Zehen zu deinem Kopf. Höre auf deine Atmung, es ist OK, wie du atmest, es braucht keine bestimmte Geschwindigkeit. Höre einfach zu, höre auf deinen Herzschlag, in einem Resonanzkörper ist er hörbar. Der Arm liegt schwer, er fällt durch die Matratze, durch den Boden in die Erde, wo es warm ist, der Arm ist warm. Die Mitte der Brust ist fließend gelb und orange und strömt aus dem Solarplexus über die gesamte Oberfläche der Erde.

Wie beeinflusst das deine Arbeit?
Ich wollte durch diese Konzentration einen Raum für meine Installation Worry Will Vanish bei Hauser & Wirth gestalten.

Warum hast du für den Sound von Worry Will Vanish Anders Guggisberg ausgesucht? 
Er ist selbst Künstler, der mit Andreas Lutz zusammenarbeitet, und beschäftigt sich mit Bildhauerei, Malerei und schreibt auch. Seine Meinung zu den verschiedensten Themen ist mir wirklich wichtig. Da er nur nebenher Musik macht, ist sie furchtlos und echt.

Was hältst du von der Idee, dass deine Arbeiten unsere Beziehung zum Universum im Ganzen darstellen? Sie zeigt, dass wir alle ein riesiger Organismus sind?
Ich liebe diese Interpretation und ja wir sind in der Tat ein verschwindet kleiner Teil des Universums, aber wir sind selbst auch ein Ozean mit dem ganzen Blut, das durch unsere Venen fließt. Ich glaube daran, dass, wenn wir tanzen, wir alle Mikroben auf unserer Haut schütteln.

In Worry Will Vanish gibt es ein Bild von einer nackten, springenden Frau. Das ist seltsam komisch. Fragst du dich jemals, ob dich die Leute weniger ernst nehmen, wenn sie deine Arbeiten lustig finden?
Nein, davor habe ich keine Angst. Ich denke auch nicht, dass lustig sein im Gegensatz zu ernst sein steht. Genauso wie Schönheit nicht immer korrupt sein muss.

Diese nackte Frau war eine fast peinlich Erinnerung an den weiblichen Körper. Ich musste lachen. Was hältst du von meiner Reaktion?
Scham ist schon lustig und man kann sich extrem damit identifizieren. War diese hopsende Frau nur eine klare Erinnerung daran, dass wir alle aussehen wie eine Kreuzung aus Raupen und Schweinen?

Einige Leute haben dich als Feministin bezeichnet, weil du in deinen Arbeiten die oftmals traurige, schwierige Existenz von Frauen thematisierst. Stimmst du dieser Einschätzung zu?
Feminismus ist in politischen Fragen leider immer noch nicht überflüssig, nicht mal in verwöhnten Gesellschaften. Wenn ich von guten Personen umgeben bin, muss ich nicht darauf bestehen, Feministin genannt zu werden. Wenn mich aber ein Arschloch fragt, dann bin stolz darauf, eine Feministin zu sein. 

Möchtest du Projekte machen, die keine Kunstwerke sind?
Da gibt es so viele. Um nur zwei zu nennen: Ich möchte einen großen, wilden Spielplatz bauen oder eine Restaurantkette gründen, die die Rituale rund um Cannabis genauso zelebriert wie die um Alkohol.

Mit wem möchtest du zusammenarbeiten?
Mit denjenigen, mit denen ich schon zusammengearbeitet habe, und mit denjenigen, mit denen ich weiterhin zusammenarbeiten werde. Dann bewundere ich noch: Cat Solen, die Geschwister von The Knife, Jeppe Hein, John Körmeling, Jessica Stockholder und Marjetica Potrč.

Was würdest du mit ihnen machen?
Einen vielschichtigen, fröhlichen, glitzernden Wolkenkratzer aus Holz für viele Leute.

Ich habe gelesen, dass du dir Sorgen darüber machst, wie man Kunst ins alltägliche Leben integrieren kann und, dass du deine Kunst als Dienst siehst. Wie kannst du deine Kunst für Leute, die nicht so einfach in andere Länder reisen können, zugänglicher machen?
Du hast recht, ich tendiere dazu, mit Räumlichkeiten zu arbeiten. Mein Team und ich versuchen unsere Energie dafür zu nutzen, gute Gastgeber in unserem gemeinsamen Bett zu sein. Ich wollte schon immer den rechteckigen Bildschirmen und beschränkten Körperhaltungen entkommen. Wenn aber die Audio-Content sich als gut herausstellen sollte, dann kann man davon später immer noch internetfreundliche Versionen produzieren.

Die Ausstellung Stay Stamina Stay ist noch bis zum 22. Februar 2015 bei Hauser & Wirth Somerset zu sehen.

Credits


Text und Interview: Lily Bonesso

Tagged:
The Knife
Feminismus
Kultur
Hauser and Wirth
Marjetica Potrč
Pipilotti Rist
Jessica Stockholder
Jeppe Hein
autogenes training
cat solen
john körmeling