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und schon wieder wird die mode totgesagt

Die Trendforscherin Li Edelkoort erklärt die Mode für tot.

von Sarah Raphael
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03 März 2015, 3:35pm

Li Edelkoort ist nicht die erste und wird mit Sicherheit nicht die letzte Person sein, die so etwas von sich gibt. Was sind ihre Argumente? Hat sie vielleicht sogar recht und sollen wir alle unsere Jobs hinschmeißen, unsere Magazine zu schlagen und uns eingestehen, dass ihre Anklage, wir seien eine lächerliche und jämmerliche Parodie unserer selbst, wahr ist?

Ständig wird der Tod von irgendetwas verkündet. Als Medien begannen, online zu arbeiten, war es der Tod von Zeitschriften und Tageszeitungen. Jedes Jahr gibt es Meldungen, die das Ende der Welt vorhersagten und Beweise vorlegen, die reichen, um es in die Schlagzeilen zu schaffen. Dennoch ändert sich nicht viel. Die Regale sind immer noch voll von Printpublikationen und so weit ich weiß, leben wir alle noch.

Edelkoort ist eine der einflussreichsten Trendforscherinnen. Sie hat eine Reihe von Büchern über zukünftige Trends, Farben, Textilien, Mode, Designs und Beauty geschrieben, in denen sie Hypothesen zu den Trends in zwei Jahren aufstellt. Sie war als Beraterin für internationale Konzerne, wie Coca-Cola und Disney, tätig, hat seit ihren Karriereanfängen mit der obersten Führungsriege der Modebranche zu tun und kennt sich, allem Anschein nach, auf ihrem Gebiet auch aus.

Also worum geht es ihr? Die Website Dezeen hat am Wochenende ein Interview mit ihr gepostet, in dem sie die folgenden Bemerkungen gemacht hat. Wir haben zu einigen ihrer Aussagen unsere eigene Meinung. 

„Wir werden ein Comeback von Haute Couture erleben." Für Edelkoort wird die Haute Couture die Modewelt retten. Das klingt dann doch zu schön, um wahr zu sein. Kann Mode die Mode retten? Wenn Mode, wie sie sagt, eine aussterbende … äh … tote und irrelevante Sache ist, wie kann der exklusivste und unzugänglichste Teil der Branche - Haute Couture - der Retter in der Not sein? Wenn sich Mode tatsächlich von den kulturellen Auseinandersetzungen unserer Generation abgekoppelt hat, dann ist Haute Couture mit Sicherheit der ungeeignetste Retter. Nur noch eine Handvoll an Designern ist überhaupt noch in der Haute Couture tätig. Kanye West findet, dass Mode günstiger und demokratischer sein sollte, und die Welt ist schnell und vergesslich. Es ist schwer vorstellbar, wie diese elitäre Kunstform ein echtes Revival erleben wird. Erwähnt werden sollte auch, dass sich Haute Couture selbst in einem Wandel befindet. Die populäre Couture heutzutage, einschließlich wie sie sich präsentiert, ist eine komplett andere Veranstaltung als noch vor zehn Jahren.

„Wir bringen unseren jungen Leuten immer noch bei, dass sie Catwalk-Designer werden sollen, einzigartige Individuen. Wohingegen die Themen Austausch, Web 2.0 und Teamwork in unserer heutigen Gesellschaft entscheidend sind, was in jedem anderen Tätigkeitsfeld angesprochen wird, außer in der Modebranche." Ich nehme an, dass sie damit meinte, dass die kollektive Stimme heutzutage wichtiger geworden ist. Jeder erfolgreiche Designer hat ein Team hinter sich. Sarah Burton stammt aus Alexander McQueens Team, Proenza Schouler ist ein Duo und die Mulleavy-Schwestern sind zu gleichen Teilen Rodarte. Kein Mensch ist eine Insel und ich denke auch nicht, dass die Modeschulen das ihren Studenten vermitteln. Als ich meinen Master in Mode gemacht habe, gab es einen interdisziplinären Ansatz, quer durch alle Fakultäten. Also Journalismus-Studentin musste ich mit Studenten aus den Bereichen Grafikdesign, Fotografie und Marketing zusammenarbeiten. Diese Aussage ist besonders schwer nachzuvollziehen, wenn man, wie ich, in einem Büro mit talentierten Leuten zusammensitzt, mit ihnen zusammenarbeitet und weiß, dass es überall in der Modebranche so abläuft.

„Die Modewelt ist in sich verschworen und hat den Kontakt zur Gesellschaft verloren." Diese Aussage ist berechtigt. i-D versucht nicht erst seit gestern, dieses Thema anzusprechen. Wie können wir in einem weiteren sozialen und kulturellen Kontext über Mode reden? Ist es OK über Kleidung und das nächste It-Teil zu sprechen, wenn Leute geköpft werden und die Welt ein so schrecklicher und grausamer Ort geworden ist? Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass die Branche nicht über ihren eigenen Tellerrand schaut, dennoch ist der Einfluss von Mode auf die Gesellschaft nicht zu leugnen. Kleidung war schon immer ein Spiegel der Gesellschaft. Ja, natürlich kann man argumentieren, dass Mode den Kontakt zur realen Welt verloren hat und viele werden der Aussage, dass sie zu einer lächerlichen und jämmerlichen Parodie ihrer selbst geworden ist, zustimmen, aber es ist immer noch, zumindest in der Grundbedeutung, ein zeithistorisches Dokument mit Substanz. Was Menschen tragen, wird immer etwas über die Welt, in der wir leben, aussagen.

„Dann gibt es noch das Thema Herstellung, die in Ländern passiert, wo Leute bei der Produktion unserer Kleidungsstücke sterben." Das Thema Produktionsbedingungen muss offen diskutiert werden. Es ist einfach in Europa zu leben, billige Kleidung zu kaufen und sich nicht darum zu scheren, wo und unter welchen Bedingungen das Kleidungsstück produziert wurde. Dieses Thema wird in der Ausbildung als Designer immer und immer wieder angesprochen. Andrew Tucker, Dozent am London College of Fashion, sagte mir: „Ich möchte mit Studenten arbeiten, die eine interessante Sichtweise auf Mode haben und die verstehen, wie faszinierend Mode ist. Mode ist nicht nur Bussi-Bussi und Fashionshows, sondern auch Rana Plaza in Bangladesch. Wenn du wirklich an Mode interessiert bist, dann bist du an ihrer Gesamtheit interessiert, an ihrer Vergangenheit und Zukunft." Den Modestudenten ist bewusst, dass die Branche Probleme hat. 

„Marketing gab den Todesstoß … Mode ist von Gier und nicht von Visionen getrieben. Deshalb gibt es keine Innovationen mehr." Ja, das ist ein Problem. Jeder in der Modebranche, auch in höheren Positionen, steht unter Druck, sich selbst und seine Arbeit zu vermarkten, zu kommerzialisieren, Hits zu produzieren und Geld zu machen. Die Gesellschaft hat sich verändert und Mode muss sich diesen Veränderungen anpassen, um zu überleben. Mode hat sich angepasst und wird dies auch weiterhin tun. Visionen sind trotzdem noch möglich. Designer müssen heutzutage Sachen berücksichtigen, die sie vorher nicht berücksichtigen mussten. Das ändert vielleicht den Look, aber ihre Kreationen haben immer noch eine Wichtigkeit und das sollten wir feiern.

„Fashionshows sind einfach lächerlich geworden: Für 12 Minuten fährt man gehetzt eine Dreiviertelstunde durch die ganze Stadt, um dann mindestens noch 25 Minuten zu warten. Keiner schaut mehr genau hin. Die Redakteure starren auf ihre Handys und niemand scheint begeistert zu sein." Recht hat sie! Das Konzept der Fashionshow ist altmodisch. Wenige lesen nach der Show die Besprechungen oder klicken sich von Look zu Look, von Model zu Model. Nicht mal die Redakteure in der ersten Reihe interessiert das und sie sind nur an ihren Handys, um Wege zu finden, wie sie dem Ganzen Relevanz verleihen können. Schon seit Jahren wird über den Untergang der Fashionshows geredet, das ist kein neues Argument. Fragt man ältere Modejournalisten, die frühe Galliano-Shows, Yohji-Yamamoto-Shows oder Alexander-McQueen-Shows gesehen haben, werden sie sagen, dass Fashion nicht mehr das ist, was es früher einmal war. Die Modebranche kämpft, wie jede andere Branche auch, um sich ihren Platz und ihre Identität in der neuen digitalen Welt zu sichern. Ein Urteil wurde noch nicht gefällt.

Auch wenn ein Funken Wahrheit in Li Edelkoorts Aussagen steckt, ist sie zu pessimistisch. Die Modebranche ist eine einfache Zielscheibe für Kritik, weil sie ihre Fehler hat und sich nur langsam verändert. Daran trägt aber weder die Generation 2.0 noch das Ausbildungssystem Schuld. Denn die sind genau das, was die Mode momentan so aufregend macht. Sie kritisiert nicht nur den Ist-Zustand, sondern auch die Zukunft. Die Blütezeit der Shows mag vorbei sein, aber es gibt genügend Talente und Intelligenz in der Branche, um sie relevant zu halten. Einige Aspekte sind lächerlich und definitiv fragwürdig, aber wir können uns sicher sein, dass Mode noch lange nicht tot ist.

Credits


Text: Sarah Raphael