feminismus im musikbusiness

In ihrem Gastbeitrag stellt sich Jemma Desai die Frage, warum wir unsere Vorbilder in der Unterhaltungsbranche suchen und diskutiert die Probleme farbiger Frauen im Musikbusiness.

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Feb. 5 2015, 9:35am

Ende letzten Jahres ging ich auf eine Veranstaltung, auf der eine bekannte weibliche „Stimme ihrer Generation" von einer bekannten Bestseller-Autorin und Feministin vor 2000 Zuschauern interviewt wurde. Es war eine Diskussion ohne wirkliche Höhepunkte. Auf Rassismus-Vorwürfe gegen die Gastgeberin, die im Internet gegen sie erhoben wurden, fragte sie mindestens dreimal ins Publikum: „Wie kann man rassistisch sein, wenn man selber ausgegrenzt wird?" Man bestätigte sich den ganzen Abend in seinen gemütlichen Ansichten über Emanzipation und so verließ ich die Veranstaltung aufgewühlt, weil es keinen Aufschrei (und später auch Twitter-Stille) gab und ich ärgerte mich über die Unfähigkeit der Moderatorin, die Komplexität und die Vielfalt von Feminismus Ende 2014 zu verstehen.

In den letzten Jahren gab es laute Stimmen aus der Musikindustrie, die mit mutigen Aussagen über Feminismus und ihrem Verhältnis dazu aufgefallen sind. Lily Allen sagte uns, dass es „da draußen für Bitches hart ist" und versuchte gegen Robin Thickes spezielle Frauenfeindlichkeit anzusingen. Daraufhin wurde ihr vorgeworfen, unbedacht ihren eigenen weißen Körper gegenüber den schwarzen Körpern ihrer Tänzer zu privilegieren und dass ihr Feminismus ausgrenzend und altmodisch sei - nicht übergreifend.

Beyoncé hat die Worte der Autorin Chimamanda Ngozi Adichie genommen und in ihrem Song „Flawless" zu einem mutigen, neuen Statement verarbeitet, den sie dann bei den VMAs vor einem „Feministin"-Neonschild performte, während sie an einer Stange tanzte und „bow down bitches" sang.

Was auch immer deine Meinung dazu ist, eines wurde durch die tausenden Tweets und Kommentare klar: Der Begriff „Feministin" ist heiß umgekämpft.

Die Frage, wieso so viele ihre Vorbilder in der Unterhaltungsbranche suchen und wir von unseren Stars starke Meinungen zum Thema Feminismus verlangen, wurde aufgeworfen. Worüber sich Experten einig sind, ist, dass wir sie dort nicht finden werden - in der Unterhaltungsindustrie finden wir zügellosen Kapitalismus, Objektivierung und kulturelle Aneignung. Ungeachtet dieser logischen und wichtigen Wahrheit, kann man schwerlich den Reiz, sich mit dem Image von Stars zu identifizieren, leugnen. In vielerlei Hinsicht bilden sie einen großen Teil dessen, worüber wir uns definieren. Diese Bilder sind Teil unserer popkulturellen DNA und wurden zu einer wirkmächtigen Projektionsfläche, auf der unsere eigenen Unterschiede sichtbar werden und das ganz unabhängig davon, wie oberflächlich sie eigentlich ist. 

Es scheint dennoch so zu sein, dass je größer die Medienaufmerksamkeit um eine Frau ist und je größer ihre Marke wird, desto wässriger werden ihre feministischen Aussagen. Aber vielleicht hören wir auch einfach nur den falschen Frauen zu? Weil es gibt sie, die Künstlerinnen abseits des Mainstreams, die in ihren Songs darüber singen, wie schwierig es als schwarze Frau im Musikgeschäft ist. Sie bilden einen Gegenpool zu den ausgrenzenden Definitionen von Emanzipation im Mainstream.

Eine dieser Künstlerinnen ist Janelle Monáe mit ihrem Album The Electric Lady und dem Song „Q.U.E.E.N." (steht für Queer, Untouchables, Emigrants, Excommunicated und Negroid). Auf ihrem Album erkundet Janelle Monáe geschickt die Notwendigkeit von schwarzen Frauen, ihre Außenwahrnehmung wieder selbst zu bestimmen. „Q.U.E.E.N." ist die ultimative Aufforderung, die Komplexität und die Widersprüche in unserem Verständnis von Feminismus zu begreifen. Monáes Musik ist ein direkter Aufruf zum Widerstand. „Kategorisiere mich ruhig", sagt sie herausfordernd. „Ich werde jedes Etikett bekämpfen."

Ein aktuelleres Beispiel ist die faszinierende britische Künstlerin FKA Twigs mit ihrem erfrischenden Mix aus verstörenden Visuals, ihrer markanten Stimme, ihrem afro-futuristischem Stil und ihrer Körperwahrnehmung. Sie ist eine junge Frau, die mit Identitäten spielt und mit ihrem Image experimentiert, es hinterfragt und ändert. Als schwarze Frau, die sich ständig fragt, was ihre Hautfarbe in den verschiedensten Lebenssituationen bedeutet, sind Twigs' Experimente belebend. Weit weniger erfreulich ist das Bedürfnis der Mainstreammedien, sie in abgedroschene und bedeutungslose Kategorien, die deren Vorstellung von Blackness entspricht, einordnen zu müssen. Sie sagen „Alternative R&B", aber was sie wirklich meinen ist „verwirrtes schwarzes Mädchen". Und auf einen Schlag vernichten sie das individuelle Wesen einer jungen Frau.

Keine andere als Azealia Banks hat in einem Interview mit einem New Yorker Radiosender klarer zusammengefasst, wie wichtig Fragen nach der Identität für junge, schwarze Frauen sind. Anfänglich erklärte sie ehrlich und selbstsicher ihre Probleme mit der kulturelle Abgrenzung von schwarzen Mädchen in der Musikindustrie, aber im Lauf des Interviews bekam ihr Hartes-Mädchen-Image Kratzer. Azealia sprach von einem Mangel an Aufmerksamkeit, nicht nur weil sie anders ist, sondern weil sie sich anders fühlt und dieses Gefühl in komplexe Kunst verwandelt, die schwer verortbar ist. Jeder, der sich 2015 als Feminist bezeichnet, muss diesen Widerspruch zwischen der Realität und den Auswirkungen von Ausgrenzung offen ansprechen und dem Beachtung schenken.

Credits


Text: Jemma Desai mit Material von i-D Germany
Standbild aus  Hide von FKA Twigs