"Ich war immer die Einzige"

Die Autorin Ninia 'LaGrande' Binias kämpft für mehr Barrierefreiheit – und die fängt in den Köpfen der Menschen an.

von Dana Hajek
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16 Oktober 2019, 11:00am

Fotos: Meklit Fekadu Tsige

Wenn wir wollen, dass die Welt nicht nur überlebt, sondern besser wird, müssen wir alle unsere Stimme erheben. Die Generation vor uns hatte ihre Chance – jetzt sind wir dran. Hier stellen wir Menschen vor, die ihre Stimme bereits gefunden haben. Die Frustration in Aktivismus gewandelt haben. Sie alle haben unterschiedliche Anliegen und Wirkungsbereiche, doch was sie vereint, ist der Glaube an eine gerechte und freie Zukunft. Wir sind laut, wir sind viele. Jetzt sind wir dran.

"An wie viele Orten bist du täglich, zu denen Leute mit Rollstuhl auch Zugang haben?", fragt Nina 'LaGrande' Binias zu Beginn unseres Gesprächs. "Hast du dir bei politischen Wahlentscheidungen schonmal darüber Gedanken gemacht, was die Kandidat_innen überhaupt für Menschen mit Behinderung tun?" Ninia ist Poetry Slammerin, Podcasterin und Buchautorin. Sie beschäftigt sich in ihren Kolumnen und Texten mit dem Leben, der Großstadt, Feminismus und Inklusion – unter anderem weil sie selbst kleinwüchsig ist.


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Ninia stellt Fragen, die vielen Nicht-Betroffenen nie in den Sinn gekommen wären, weil diese Personen mit Behinderung nur selten aktiv in ihrem Alltagsleben wahrnehmen. Warum? "Weil diese Menschen dort wenig vorkommen", erzählt Ninia. Obwohl nach dem statistischen Bundesamt zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine Behinderung haben, sind es selten zehn Prozent aus dem Freundeskreis. Es wird schon im Kindesalter versucht, sie auf Sonder- oder Förderschulen zu schicken; sie leben im Erwachsenenalter meist isoliert, am Rande der Gesellschaft, sagt die 35-Jährige.

Ninia will Barrieren abschaffen, mit gesellschaftlichen Strukturen brechen – sei es im Internet, in der Sprache oder in den Köpfen der Menschen. Barrierefreiheit betrifft uns alle. Sie wurde zu einer der wichtigsten politischen Stimmen in Deutschland und nutzt ihre öffentliche Reichweite, um Bewusstsein zu schaffen für all diejenigen Menschen, denen es bisher an Sichtbarkeit fehlte.

i-D hat mit Ninia 'LaGrande' Binias über eine feministische Weltherrschaft, politische Hürden und kuriose Alltagserlebnisse gesprochen.

Es ist eine Generation, der klar ist: Wenn sich jetzt nichts ändert, dann sind wir diejenigen, die es ausbaden müssen.

ninia lagrande
Foto: Meklit Fekadu Tsige

Seit wann bist du politisch aktiv?
Das war ein längerer Prozess. In der Schule und im Studium war ich immer die Einzige, die sichtbar 'anders' war als alle anderen. Ich war schon immer viel kleiner. Damals schlug mir meine Mutter vor, mich in einem Verein für Kleinwüchsige anzumelden. Das fand ich natürlich blöd, dachte, ich bräuchte das nicht. Es hatte ja auch alles geklappt, was ich mir vornahm. Da wusste ich aber noch nicht, wie sehr sich meine Eltern im Hintergrund für mich eingesetzt haben. Zum Beispiel bei meiner Einschulung, als sie verhindert haben, dass ich auf eine Förderschule komme.

Gab es dann einen entscheidenden Schlüsselmoment, der dich politisiert hat?
Im Studium und im Berufsleben habe ich gemerkt, dass es eine andere Nummer ist, ob du ein Mann oder eine Frau bist. Erst recht, wenn du nicht nur eine Frau bist, sondern auch noch 'anders' aussiehst. Viele der alltäglichen Erlebnisse aus meiner Kindheit und Jugend nehme ich rückblickend anders wahr. Damals war mir nicht bewusst, dass ich meine Stimme erheben und für mich einstehen kann – und es noch viele andere Leute da draußen gibt, denen es genauso geht.

Fehlt es nicht-betroffenen Personen an Bewusstsein für jene mit sichtbaren und nicht-sichtbaren Behinderungen?
Wenn ich auf der Bühne stehe und von meinen alltäglichen Erfahrungen erzähle, bin ich sehr über die Reaktion des Publikums überrascht. Das sich erst empört und absolut nicht vorstellen kann, wie so etwas möglich ist. Dann aber versucht, Ausreden zu finden wie 'Alte Leute sind so' oder 'Der war bestimmt betrunken'. Na und? Im Zweifel ist es dein bester Kumpel und betrunken sein, ist am Ende auch keine Entschuldigung.

"Mir war nicht bewusst, dass ich meine Stimme erheben und für mich einstehen kann – und es noch viele andere Leute da draußen gibt, denen es genauso geht."

Wie gehst du mit solchen Reaktionen um?
Ich lerne, sie mit Humor zu nehmen. Gleichzeitig versuche ich klarzumachen, dass es keine Ausnahme ist, sondern Alltag. Viele Leute fühlen sich aufgrund meiner optischen Andersartigkeit dazu eingeladen, zu kommentieren und weder emotionalen, noch physischen Abstand zu halten.

Was könnten wir in unserem Alltag konkret tun, um mehr Bewusstsein zu schaffen?
Überleg kurz, mit wie vielen Menschen mit Behinderung du befreundet bist. Da hört es bei vielen eigentlich schon auf. Woran das liegt? Weil sie schon ab der ersten Klasse oder dem Kindergarten 'aussortiert' werden. An wie viele Orten bist du täglich, zu denen Leute mit Rollstuhl auch Zugang haben? Hast du dich bei politischen Wahlentscheidungen schonmal gefragt, was diese Kandidat_innen überhaupt für Menschen mit Behinderung tun? Es ist wichtig, zu schauen, was über die eigene Bubble hinaus stattfindet. Sowohl in Bezug auf Menschen mit Behinderung, aber auch in Bezug auf Menschen unterschiedlicher Herkunft und sexueller Orientierung.

Seit 2008 führst ein Blog über deine Alltagserlebnisse und gesellschaftliche Themen, die dir am Herzen liegen. Hat sich deine Wahrnehmung deiner Umgebung seitdem verändert?
Die Welt wurde durch mein Blog so viel größer. Vorher bin ich weder im Alltag noch in der Disko auf Menschen mit sichtbarer oder nicht-sichtbarer Behinderung getroffen. Ich war immer die Einzige. Ein Grund dafür ist, dass diese Menschen am Rand, isoliert von der Gesellschaft leben. Erst online habe ich Menschen gefunden, mit denen ich mich über ähnliche Erfahrungen und Gedanken austauschen konnte.

"Es ist eine Generation, der klar ist: Wenn sich jetzt nichts ändert, dann sind wir diejenigen, die es ausbaden müssen."

Es scheint, als wäre Aktivismus in den vergangenen Jahren aus dem Dauerschlaf erwacht und neu entflammt. Hast du das Gefühl, dass gerade bei jungen Menschen politisch etwas passiert?
Ja, die Möglichkeiten sind auch andere. Wir waren damals zwar nicht unpolitisch, aber so große und gut organisierte Zusammenschlüsse haben vor 20 Jahren noch nicht stattgefunden. Es gab Greenpeace und viele Leute, die etwas verändern wollten, aber nicht vergleichbar öffentlichkeitswirksam. Es ist eine Generation, der klar ist: Wenn sich jetzt nichts ändert, dann sind wir diejenigen, die es ausbaden müssen.

Siehst du auch Dinge, die noch besser gemacht werden können?
Es gibt schon Kritikpunkte. Fridays for Future ist zum Beispiel doch eine mehrheitlich Weiße Bewegung. Ich finde es auch gut, dass diese Kritik geäußert wird. Außerdem fehlt mir in fast allen Bereichen der Aspekt für Menschen mit Behinderung. Ich würde mir wünschen, dass man einander generell mehr zuhören würde. Diskurs ist wichtig, um an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten. Natürlich habe ich eine andere Vorstellung von einer feministischen Weltherrschaft als andere, trotzdem ist Solidarität entscheidend, um gesamtgesellschaftlich voranzukommen.

Welche wichtige Lektion hast du seit dem Beginn deiner Arbeit gelernt?
Über Kritik erstmal eine Minute nachzudenken und zu schauen, ob sie vielleicht doch berechtigt ist – denn in vielen Fällen ist sie das. Am Ende muss man nicht immer auf den gleichen Nenner kommen und sich zu allem äußern. Es ist völlig OK, dich nicht entscheiden zu können, was du richtig oder falsch findest. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, bei dem ich immer wieder dazulerne: Meine Erfahrung ist nicht die Erfahrung anderer Menschen.

@ninialagrande

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