Wir stellen dir die Frankfurter Kreativszene vor

... und die ist weniger spießig, als ihr nachgesagt wird.

von Juule Kay
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20 November 2019, 10:51am

Fotos: Neven Allgeier

Frankfurt ist die Stadt der Banken und der Gegensätze, zumindest wenn es nach Google geht. Aber sie kann mehr als Bahnhofsviertel, Finanzzentrum und internationaler Flughafen. Die Stadt am Main mag für viele junge Kreative ein Zwischenstopp sein, andere haben ihre Berufung, ihr Zuhause in ihr gefunden. Hier tummeln sich renommierte Kunsthochschulen wie die Städelschule, Institutionen wie die Schirn Kunsthalle, aber auch einer der besten Techno-Clubs, das Robert Johnson. "Es ist ein großartiger Ort, um sich zu verstecken und etwas zu erschaffen", erzählt der Künstler Cudelice Brazelton. "Du musst aber auch härter arbeiten, um zu entdecken, was du machen willst."

i-D hat sechs Kreative in Frankfurt besucht, die ihre Leidenschaft bereits gefunden haben.

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Foto: Neven Allgeier

Obby&Jappari, Design Studio

Habt ihr das Gefühl, dass Frankfurt noch nicht so übersättigt ist wie andere deutsche Städte?
Auf jeden Fall. Du kannst deine Ruhe haben, aber auch in Ruhe arbeiten. Zwar ist nicht so viel los, trotzdem entstehen hier interessante Wege. Die Leute haben eine völlig andere Sichtweise als in anderen Städten. Die Nische, die wir hier abdecken, gibt es zum Beispiel in Berlin gefühlt an jeder Ecke; hier ist das anders. Wir sind ein Studio, das sich nicht nur auf Typo und 3D spezialisiert hat, sondern an allem interessiert ist, was mit Gestalten und Kreativität in Verbindung steht. Wir würden auch ein Möbelstück designen, wenn uns jemand anfragt.

Wie glaubt ihr sieht die Zukunft von Design aus?
Momentan ist alles sehr beschleunigt. Alle machen schnell coole Sachen, aber Trends wechseln – einmal im Jahr ist plötzlich etwas ganz anderes angesagt. Es gibt sogar Tools, mit denen du gewisse Looks als Template herunterladen kannst. Man drückt nur auf einen Knopf und hat eine bestimmte Ästhetik. Wir sind davon überzeugt, dass klassisches, begründetes Gestalten immer da sein wird. Solides Wissen. Nicht solches, dass du dir in ein paar Monaten aneignen kannst, weil du Photoshop crackst. Wir wollen kein Kreativstudio sein, das über Instagram definiert wird. Man sollte sich nicht zu sehr auf eine Plattform fokussieren.

Welcher Rat hat euch auf eurem bisherigen Weg besonders geholfen?
Dinge kontinuierlich durchzuziehen. Immer weiter zu machen, egal ob es mal kacke oder gut läuft. Fehler zuzulassen, das gehört zum Prozess dazu. Es hört sich vielleicht ein bisschen blöd an, aber: es auch zu genießen, wenn es noch nicht so gut ist. Das ist eigentlich das Spannendste, wenn du neue Dinge kennenlernst und nicht ganz genau weißt, wo es hinführt. Ein Team zu haben, ist dabei sehr hilfreich, weil du immer im Austausch bist. Du solltest andere Designer_innen nicht als Konkurrenz, sondern als Freunde und Supporter ansehen. Das ist vor allem heute schwer, aber sehr wichtig. Long story short: Mach mit, mach nach, mach besser!

@obby1000

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Fotos: Neven Allgeier

Viola Beuscher, Keramikerin

Wie bist du zu dem gekommen, was du heute machst?
Ich hatte einen schweren Unfall und wurde frühverrentet. Darum wollte ich mir ein eigenes Format schaffen, in dem ich arbeiten kann. Ich habe mir die Fragen gestellt, was ich überhaupt vom Leben will? Was ich brauche, damit es mir gut geht? In der Klinik gab es eine Keramik-Werkstatt. Dort habe ich alles gelernt, was ich heute weiß. Plötzlich hatte ich meine erste Anfrage von Freunden, die eine Gastronomie haben. Und auf einmal wurde ich selbstständig.

Was fasziniert dich so sehr an Keramik?
Dass sich deine Persönlichkeit und deine jeweilige Stimmung extrem in dem fertigen Produkt widerspiegeln. Wenn ich sonntags privat an einem Café vorbeilaufe, das ich ausstatten durfte, ist das der Moment, in dem ich total dankbar und glücklich bin. Auch wenn mich der Hype darum schon fast langweilt, weil sich alle nur mit der Oberfläche beschäftigen.

Was sollte die Welt über Frankfurt wissen?
Frankfurt ist gar nicht so spießig, wie alle denken.

Was ist deiner Meinung nach das Beste an deiner Generation?
Dass wir hinterfragen.

@violabeuscherceramics

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Foto: Neven Allgeier

Karaj, DJ

Was magst du besonders gerne an der Stadt, was findest du besonders nervig?
Frankfurt ist Zuhause, Heimat. Ich mag, dass die Stadt übertrieben divers ist. Dass es so viele Kulturen und Subkulturen gibt, unfassbare Kontraste. Was alle von Frankfurt kennen, ist das Bahnhofsviertel. Und das ist das beste Beispiel für diese Stadt: Alles clasht aufeinander. Auf der einen Seite Banken und Business, direkt daneben sitzen Junkies. Ich mag die Mentalität, die Leute sind eine Mischung aus distanziert, aber auch nett und entspannt.

Leider musst du immer weiter rausziehen. Die Gentrifizierung ist heftig hier. Alles wird immer teurer und coole, alternative Räume werden nicht nur verdrängt, sondern durch kommerziellere Konzepte ersetzt. Manchmal ist es echt ein bisschen lebensfeindlich hier.

Ist die Musikszene in Frankfurt genauso divers wie die Stadt selbst?
Es legen zwar viele BPoC auf, aber gerade Frankfurt hinkt ein bisschen hinterher, was Geschlechtergerechtigkeit betrifft. Auch wenn es eine Crew aus coolen Frauen gibt, GGVybe, die die Mainstream-Clubkultur verändern will. Trotzdem ist es eine Frechheit, dass Frauen – wenn überhaupt – nur quotenmäßig gebucht werden und pretty privilege noch eine Rolle spielt. Wir haben fast 2020, das kann nicht sein.

Welchen Tipp würdest du allen DJs mit auf den Weg geben?
Schau darauf, was du machst, was dich einzigartig macht. Es ist wichtig, dass du einen eigenen Sound lieferst, dass du nicht in strengen Genre denkst. Ich lege zum Beispiel sehr viel Grime auf, aber auch Trap, Afro Beat und Baile Funk. Und wenn du dich wirklich als DJ etablieren möchtest, sei darauf gefasst, dass du hart arbeiten musst für wenig bis kein Geld. Wenn es nicht deine Leidenschaft ist, versuch es erst gar nicht.

@dj_karaj

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Foto: Neven Allgeier

Marina Hoppmann, Fotografin

Du bist für dein Fotografie-Studium nach Frankfurt gezogen. Was hältst du von der Kreativszene hier?
Für mich geht Frankfurt und Offenbach Hand in Hand. Es ist schon eine Art Bubble, aber man ist dann doch ganz gut vernetzt, weil es diese Frankfurt-Offenbach-Connection gibt. In Offenbach hat für mich das Robert Johnson einen gewissen Einfluss auf die Kreativszene, vieles entsteht im Zusammenhang mit Musik.

Was macht ein Foto zu einem guten Foto?
Es muss immer ein Merkmal haben, das mich stutzig macht und nochmal hinschauen lässt. Das versuche ich auch in meinen eigenen Arbeiten zu schaffen. Mein Ziel ist es, einen Kontrast, eine Anomalie in dem Bild selbst zu erzeugen.

Wie würdest du deine Bilder selbst beschreiben?
Dynamisch, sanft und energisch zugleich.

Welche Probleme müssen sich vor allem junge Fotograf_innen stellen?
Soziale Plattformen liefern dich schnell dem Vergleich aus. So oder so versuche ich immer, bei mir selbst zu bleiben und für mich persönlich relevante Arbeiten zu kreieren.

@marinahoppmann

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Fotos: Neven Allgeier

Cudelice Brazelton, Künstler

Du studierst an der Städelschule in Frankfurt. Worum geht es in deinen Arbeiten?
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass sie eine therapeutische Wirkung haben, aber sie sind eine Art von Suche. Ich hoffe, dass die Menschen die Hände dahinter sehen, die diese seltsamen Figurationen erschaffen haben. Im ersten Moment ist man sich unsicher, ob diese Formen tot oder lebendig sind. Dahinter steckt viel von der Bilderwelt meiner Kindheit. Meine Mutter hat sich sehr für Kosmetik interessiert und hatte ihren eigenen Salon. Aber mein Background liegt eigentlich in der Stahlindustrie, ein sehr männlich dominierter Beruf. Es sind diese eigenartigen Zwischenräume, die mich interessieren. Ich möchte in meiner Kunst zwischen beiden hin- und herspringen. Sehen, wie ich Teil mehrerer Räume bin und mir dessen auch bewusst bin.

Du pendelst zwischen Amerika und Deutschland. Welche Gemeinsamkeiten, welche Unterschiede nimmst du wahr?
Ich bin in Columbus, Ohio aufgewachsen. Beide Städte sind keine wirklichen Kunstmetropolen, aber das macht sie auch spannend. Du musst härter arbeiten, um zu entdecken, was du machen willst. Es ist auch interessant, wie die Menschen hier über Identität sprechen im Vergleich zu meiner Heimat. Deutschland versucht immer noch herauszufinden, was es bedeutet deutsch zu sein. In den Staaten ist es ähnlich, aber auch viel konfrontierender, auf eine direktere Art.

Wie würdest du die Kunstszene in Frankfurt beschreiben?
Die Städelschule ist ein Spiegelbild der Stadt. Frankfurt wird immer nachgesagt, die Malerstadt schlechthin zu sein, aber hier passiert eigentlich nicht viel. Bis zu einem gewissen Grad ist Frankfurt eine seltsam fragmentierte Stadt. Viele Leute kommen und gehen. Überall siehst du Koffer, Touristen und viele internationale Menschen. So fühlt sich auch die Kunstszene an: durch seinen riesigen Flughafen ist Frankfurt immer ein Zwischenstopp. Es ist ein großartiger Ort, um sich zu verstecken und etwas zu erschaffen. Nichts lenkt dich wirklich ab. Die Stadt ist voller Kontraste, alte Gebäude existieren neben der Skyline. Frankfurt erinnert ein bisschen an einen Science-Fiction-Roman aus den 80ern.

@c__j___

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Foto: Neven Allgeier

Jackie Youn, Tattoo Artist

Du bist in Südkorea aufgewachsen. Wie unterscheidet sich die Kreativszene in Seoul von der in Frankfurt?
In Korea gibt es sehr viele Trends, alles ist sehr westlich orientiert. Es ist sehr schnelllebig und leider manchmal auch etwas oberflächlich. Hier in Frankfurt ist alles ein bisschen langsamer, dafür findest du aber auch mehr Diversität, mehr einzigartige Charaktere. Ich bin für einen Job nach Deutschland gekommen, den ich dann für mein Studium an der HfG Offenbach geschmissen habe. Das war die beste Entscheidung. Jetzt kann ich zeichnen und tätowieren.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Papier gegen Haut zu tauschen?
Ich habe schon immer versucht, unterschiedliche Materialien oder Methoden zu verwenden und mich viel mit Druckgrafik und Linolschnitt beschäftigt. Es ist sehr ähnlich zur Haut, also habe ich mich gefragt, warum nicht beides kombinieren? Ein Freund von mir hatte damals ein Tattoo-Studio eröffnet, bei dem ich nach ein paar Monaten an der Kasse als Azubi angefangen habe. Ein paar Wochen später habe ich zum ersten Mal auf echter Haut geübt – es hat direkt super funktioniert.

Hast du eine bestimmte Regel beim Tätowieren?
Ich stelle mir vor, dass es mein Tattoo wäre. Wenn ich etwas zeichne, muss ich es auch unbedingt auf meiner Haut haben wollen. Ich mag es, so einfach wie möglich zu zeichnen und trotzdem noch einen bestimmten Charakter darin zu finden.

Was war der beste Ratschlag, den du seit langem bekommen hast?
Es gibt keine Fehler. Egal was du machst, du kannst immer etwas lernen.

@jackie_youn_

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