Foto: Gundula Schulze Eldowy, Berlin, 1987. 

5 Fotografinnen zeigen die rebellische Jugend der DDR

Zwischen Trümmern und Propaganda dokumentieren die Bilder, wie das Leben junger Menschen wirklich war.

von Sarah Moroz
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17 Oktober 2019, 10:17am

Foto: Gundula Schulze Eldowy, Berlin, 1987. 

"Die Generation, die hinter der Mauer aufgewachsen ist, glaubte nicht an die ideologischen Prinzipien der Gesellschaft, in der sie lebte", sagt Sonia Voss, Kuratorin der Ausstellung Restless Bodies: Ostdeutsche Fotografie, 1980-1989, die kürzlich in Arles gezeigt wurde. "Sie verspürte daher einen starken Drang, die Grenzen ihrer Ausdrucksmöglichkeiten zu überschreiten."

Die Erweiterung der Grenzen erstreckte sich nicht nur auf kreative Entscheidungen, sondern förderte auch eine echte existenzielle Unruhe. "Die Haltung dieser Generation gegenüber ihrer Realität war von Ungeduld und sogar Wut geprägt", sagt Voss. Die ostdeutschen Medien standen unter ständiger Beobachtung und wurden zensiert, um die Ideologie der Regierung widerzuspiegeln. Die Nichteinhaltung von Partei-Normen führte zu Verhaftungen.

"Das DDR-Regime suchte wie besessen nach einer Idealisierung des Lebens und nutzte die Fotografie weitgehend zu Propagandazwecken. In diesem Zusammenhang war es bereits provokativ, das Leben so zu dokumentieren, wie es wirklich war", so Voss weiter.


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Fotograf_innen, die gegen die Norm verstießen, beschränkten ihre Kreativität auf die Privatsphäre und weckten eine leise, subversive Gegenkultur. Deutsche Städte waren düster und bedrohlich, die Gefahr der Überwachung ungebrochen. Die Isolation förderte ästhetische Experimente und die Notwendigkeit, die Subjektivität zurückzugewinnen. "Je stärker ein Regime oder ein System die Menschen unterdrückt", sagte Voss, "umso hartnäckiger werden einige Mitglieder dieser Gesellschaft an Strategien tüfteln, um ihre Einzigartigkeit auszudrücken. Indem sie beispielsweise alternative Lebensweisen erfinden oder ihre inneren Spannungsfelder nach außen tragen."

Viele studierten an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, der einzigen Kunstakademie, die Fotografie als Kunstform unterrichtete. "Fotografie wurde in der DDR bis Ende der 70er nicht offiziell als Kunst angesehen und wurde so zum Mittel der Rebellion", sagt Voss.

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Sibylle Bergemann, Heike, Berlin, 1988 (Allerleirauh)

Sibylle Bergemann

In den späten 60er und frühen 70er Jahren kreierte Sibylle Bergemann Modefotografie für Publikationen wie Sonntag, Das Magazin und Sibylle. Letztere galt als Vogue der DDR. Es ging um Mode ohne das Anpreisen von Marken – sie predigte den Anti-Konsum –, obwohl stets Nähmuster für die vorgestellten Designs beigelegt waren. Bergemann bebilderte diese Kreativität: strukturierte Jacken, mehrschichtige und voluminöse Röcke und überdimensionierte Lederjacken. In den 80er Jahren schrieb sie über Berlins Underground-Kollektiv ccd (chic, charmant & dauerhaft), das Kleidungsstücke aus alten Strickteilen und Duschvorhängen fertigte. Bergemanns Tochter Frieda von Wild war ebenfalls Mitglied dieser Gruppe. Später gründete Bergemann zusammen mit Ute Mahler die Fotoagentur Ostkreuz, lehrte Fotografie und wurde Mitglied der Akademie der Künste Berlin.

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Ute Mahler, Berlin, Winfried Glatzeder, Robert and Philipp, 1982, Zusammenleben.

Ute Mahler

Ute Mahler studierte ebenfalls Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Wie Bergemann erhielt sie von Sibylle Aufträge für Modestrecken. Als Autorin, die Grenzen zwischen Mode, Porträt und Dokumentation auflöste, arbeitete sie an einem Handbuch über das Magazin ( "Sibylle: Zeitschrift für Mode und Kultur") mit. Mahlers langfristiges Einzelprojekt Zusammenleben dokumentierte den Alltag in der DDR. Naturalistisch porträtiert sie Menschen, die scheinbar zu beschäftigt sind, ihre Anwesenheit zu bemerken. Sei es eine junge Frau mit einer Zigarette und fragendem Blick Richtung Himmel oder Freunde, die sich in seltsamen, fast rituellen Posen zwischen hohen Gräsern rekeln. "Ich wollte sehen, was sich hinter der offiziellen Fassade des Optimismus verbirgt", sagte Ute Mahler 2014. "Was kann die Körpersprache aussagen, selbst wenn der Gesichtsausdruck eines Menschen das Gegenteil ausdrückt?"

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Christiane Eisler, Mita and Jana, Berlin punk girls in Leipzig, 1983.

Christiane Eisler

Auch Eisler studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Sie verfolgte einen dokumentarischen Ansatz, insbesondere in ihrer Serie über den Jugendwerkhof – das Gefängnis für Jugendliche in der DDR. Sie fotografierte ihre Freunde, die durch die leergefegte Stadt tobten, als wäre sie ein postapokalyptischer Spielplatz. Ihre Arbeit mit Punks in Leipzig und Berlin – sie bezeichnete sie als ihre "Protagonisten" – war sowohl Quelle kreativer Spannung als auch echter Gefahr. Die Punk-Gemeinschaften waren über ganz Ostdeutschland verteilt, häufig verbunden mit der Musikszene. Von der Stasi wurden sie systematisch schikaniert und unterdrückt. Die Community schrumpfte, als die Zahl der Fluchtversuche stieg. Eisler war stolz darauf, sich mit diesen "unberechenbaren, wütenden jungen Leuten zu vermischen, die das Regime herausforderten und mich mit ihnen abhängen ließen", schrieb sie 2017. Aber ihre Fotografien machten sie auch zu einem Ziel von Misstrauen und politischer Einschüchterung. Auf dem Weg zu Konzerten oder Feiern wurden sie und ihre Freunde regelmäßig durchsucht und von den Behörden bedroht. Ihre Schul-Abschlussarbeit wurde von der Stasi wie Gift weggeschlossen. Im Jahr 2016 wurde die von den Behörden der DDR zensierte Serie über Punks in Buchform veröffentlicht und im Stasi-Archiv in Leipzig ausgestellt.

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Barbara Metselaar Berthold, aus ihrer 'Feste in Ostberlin'-Serie [Parties in East-Berlin], 1982-1984.

Barbara Metselaar Berthold

Metselaar Berthold studierte Psychologie und wechselte dann zur Fotografie an die – wohin sonst – Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Sie begann zunächst als Pressefotografin, arbeitete aber vor allem für Theater, Filmstudios und Künstler_innen. Ihr persönliches Werk zeichnet das Bild der politischen Desillusion ihrer Generation. Sie verkehrte in heruntergekommenen Bars, bis die Behörden sie wegen angeblicher Renovierungsarbeiten schlossen – ein Mittel, um die Subkultur zu zerschlagen, die an diesen Orten lebte. Zwanghaftes Feiern am Wochenende war ein Mittel, um den allgemeinen Stillstand zu ertragen. Metselaar Berthold dokumentierte diese Feste in stets unerwarteten Bildausschnitten: Menschen mit halbnackten Körpern und Gesichtern, die vor manischer Energie glänzen. Die Kultur war geprägt von "Sarkasmus statt Veränderung", wie sie es ausdrückte, aufgrund der überwältigenden Langeweile, Resignation und Machtlosigkeit. "Der Wunsch zu fliehen, hing über allem", gab sie zu.

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Gundula Schulze Eldowy, Berlin, 1987, aus ihrer 'Berlin in einer Hundenacht'-Serie.

Gundula Schulze Eldowy

Als weitere Absolventin der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig hat Schulze Eldowy für ihre Abschlussarbeit eine Reihe von Aktfotos eingereicht. Die Nacktheit diente als bejahende Form der Konfrontation. Das Motiv ihrer Bilder sind Freunde und Bekannte. Sie alle zeigen eine unerschrockene Haltung und unerschütterliche Blicke. Ihr 1984 entstandenes Bild Rajk und Matthias, Berlin zeigt zwei Männer, die von nicht mehr als ihren Tätowierungen bedeckt sind. Die beiden sehen so zeitgenössisch aus, als ob sie direkt aus einer schäbigen Wohnung in Bushwick geholt worden wären. Schulze Eldowy verließ ihre Wohnung in der Nähe des Alexanderplatz und zieht mit ihrer Nikon durch die Randbezirke: Scheunenviertel und Mitte, um stärker in die Szene einzutauchen. Sie fotografierte Menschen, die sich gegen zerfallene Mauern gelehnt küssten und in einer grauen, zerfallenen Umgebung nach einander griffen. "Ich bin bis in die dunkelsten Ecken vorgedrungen", schrieb Schulze Eldowy 2011. "Berlin sah aus wie eine verlorene Stadt, sie glich einer archäologischen Grabungsstätte." Sie fügte hinzu: "Die offizielle Version der Vergangenheit war für mich etwas Abstraktes. Meine Erfahrungen auf den Straßen Berlins waren lebendige Geschichte."

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