Fotos: mit freundlicher Genehmigung des Verlags

3 Bücher, die dich deinem Körper näherbringen

Zwischen Molekül, Politik und Kultur ist er das wohl am meisten kommentierteste und regulierteste Konzept.

von Naima Limdighri
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19 September 2019, 9:26am

Fotos: mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Wir sind mehr als unsere Körper. Trotzdem erleben wir, wenn wir das Privileg eines ökonomisch mobilen, normativ gesunden Körpers haben, der sich aufgrund von seiner Nationalität ungestört bewegen kann, einen Großteil der Welt und unserer Umgebung durch ihn. Essen, Wärme, Wasser, Wind. Schwerkraft, Intimität, Krankheit. Musik und Rauschzustände. Das alles sind Erfahrungen, die durch unsere Körper an unser Bewusstsein herantreten. Wir sehen und spüren unsere Gegenüber durch die physische Materie, auch wenn Avatare und Social-Media-Profile mittlerweile oft die erste, wenig materielle, menschliche Begegnung zwischen zwei Individuen darstellen. Gleichzeitig sind wir durch unsere Körper Vorurteilen, Machtstrukturen, Ausbeutung und Missbrauch ausgesetzt.

Körper sind nie statisch, sondern durch Stoffe, Energie und Zeit in stetigem Austausch mit der Welt um sie herum. Menschen nutzen ihre Körper im politischen Kampf – ketten sich an Gleise, bemalen sich, bilden Sitzblockaden oder gehen in den Hungerstreik. Personen mit Uterus bringen Kinder auf die Welt, Bodybuilder_innen bringen ihre Körper an ihre muskulösen Grenzen und kulturelle, religiöse und soziale Identitäten werden über unsere Körper verhandelt: durch Schmuck, Gestik, Symbolik, Kleidung oder Tattoos.

Körperideale selbst sind dem Wandel der Zeit, Religion, vorherrschender Philosophie und gesellschaftlichem Selbstverständnis unterworfen. Ein Aspekt ist allerdings weltweit ähnlich: globale patriarchale Strukturen haben dafür gesorgt, dass Frauenkörper so gut wie überall prüfenden Blicken, gesellschaftlich-normativen und legalen Einschränkungen, sowie andauernder Sexualisierung ausgesetzt sind.

Mediale Bilder lassen uns auch jenseits von Gender penetrant wissen, dass wir sportlich – aka schlank – sein müssen, um überhaupt stattfinden zu dürfen. Körper werden als Investition dargestellt, die einfach nur "richtig" behandelt, diszipliniert und vermarktet gehört, um "erfolgreich" zu sein. Dann noch eine Runde Photoshop drüber und fertig ist das völlig unrealistische Abbild von Körpern mit ebenmäßiger Haut ohne Narben, Pickel und Geschichte.

Bürgerliche Geschlechterrollen aus dem 19. Jahrhundert sind mitunter ein Grund dafür, dass Körperideale für Frauen weitaus restriktiver sind als für Männer. Das Bild der (weißen) Frau als Dekorationsobjekt und Prestigesteigerung am Arm ihres Ehemannes entstand schnell – und sorgt bis heute dafür, dass Frau "gut aussehen" muss, um gesellschaftlichen und ökonomischen Erfolg zu haben. Zudem werden vor allem Frauenkörper für Profit sexualisiert und objektifiziert – von Baumarkt-Werkzeug bis zur Currywurst braucht es scheinbar immer Brüste und das lüsterne Versprechen von Sex, um Kundschaft zu akquirieren. Gleichzeitig sind Frauen, die selbstbewusst ihre Sexualität leben und ihre Körper (für sich!) zelebrieren der Dorn in unserer vermeintlich aufgeklärten, aber eigentlich verklemmten westlichen Gesellschaft.

Der Körper ist also politisch. Nicht nur, aber vor allem für marginalisierte Personen, die aufgrund und anhand ihres Körpers rassistische, sexistische, transfeindliche, ableistische oder klassistische Herabsetzung und Gewalt erfahren: du wirst angespuckt, sexuell belästigt, steckst mit deinem Rollstuhl in einer U-Bahn Station ohne Aufzug fest, kommst nicht an der Security vorbei, weil dein Äußeres nicht in das präferierte Mittelschichtsklischee eines pseudo-schicken Berliner Clubs reinpasst oder wirst mit dem falschen Gender angesprochen. Der einzige als Schwarz gelesene Körper in einem Bus voller weißer Menschen, der unverhohlen angestarrt wird. Das einzige Kind mit Arbeiter_innenherkunft in einer Gymnasialklasse, das bei Wörtern wie Feuilleton, Bausparvertrag oder Labradormischling nicht mitreden kann. Die einzige als weiblich gelesene Person im Backstage eines Konzerts, die zwischen den Rollen-Groupie oder Freundin von Mann XY wählen kann. Die einzige Muslima mit Ganzkörperbadeanzug am Strand, deren Bekleidung dominanter wahrgenommen wird als die Tatsache, dass sie eine gute Schwimmerin ist oder Spaß hat. Die Norm wird am Körper festgemacht – am weißen, männlichen, heterosexuellen, westeuropäischen, sportlichen Mittelschichtskörper. Alle Körper, die von diesem Standard abweichen, müssen mit Stigma, Ausgrenzung oder Gewalt rechnen.

Die folgenden Autorinnen und ihre Texte haben sich jeweils auf ihre ganz eigene Art mit Körpern und deren sozio-politischer Dimension auseinandergesetzt.

Hunger Roxane Gay
Foto: mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Roxane Gay, Hunger: A Memoir of (My) Body

* Roxane Gay ist eine US-amerikanische Autorin, Professorin, Redakteurin und Kolumnistin. Sie ist international für ihre Essaysammlung 'Bad Feminist' bekannt. Zudem hat sie den Roman 'An Untamed State' veröffentlicht und co-hostet den Podcast 'Hear To Slay'.

In Hunger betrachtet Gay ihr Leben durch zwei Linsen: die Erfahrung als dicke Person durch die Welt zu gehen sowie ihre schwierige und schmerzliche Beziehung zu Essen. Wie der Titel schon verrät, fällt das Buch in die Kategorie "Memoir" (zu Deutsch: Memoiren), was bedeutet, dass eine Person von selbst erlebten Begebenheiten schreibt, ohne dabei – wie etwa bei einer Autobiographie – total chronologisch und umfassend vom eigenen Leben zu berichten. Memoiren sind also sowas wie eine Autobiographie mit einem Fokus – in diesem Fall Gays Struggle als dicke Person und die Story, die hinter und in ihrem Körper steckt.

Dicke Personen sind in unserer individualisierten, neurotisch ins Gym rennenden, kapitalistischen Leistungsgesellschaft der blinde Fleck, auf den der Großteil der Menschen herablassend schaut. Jede_r hat eine Meinung dazu, warum dicke Menschen dick sind und wie, beziehungsweise, dass sie abnehmen sollen. Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass dicke Menschen faul sind. Der dicke Körper wird als Problem gesehen, das gelöst werden kann – mit Ernährungsplänen, Sportprogrammen aber vor allem genug Willenskraft. Hunger stellt all diese Annahmen in Frage.

Das Buch dreht sich zwar um Dicksein und ungesundes Essverhalten, verweigert sich aber den typischen Triumphgeschichten mit eisernem Willen über den eigenen Körper gesiegt zu haben. Gay schreibt zwar schonungslos offen darüber, "super krankhaft fettleibig" gewesen zu sein, kritisiert aber zeitgleich Mainstreamattitüden zu Körpergewicht. Sie erkundet autobiographisch immer wieder den Glaubenssatz, dass dicke Menschen deswegen dick sind, weil sie schwach oder undiszipliniert seien und hält ihre Leser_innen dazu an, die gelebten Erfahrungen fettleibiger Menschen ernstzunehmen und komplexer über die tieferen Ursachen von Fettleibigkeit nachzudenken. Hunger zeigt auf, wie die stetige Beurteilung und das Belächeln von nicht-normativen Körpern – ohne jegliches Interesse oder Verständnis für die Lebensgeschichte dieser Körper – von Unwissen und Ignoranz zeugt.

Der Hunger nach Essen, den Gay als andauernden Kampf beschreibt, ist mehr als großer Appetit oder ungesund enthemmte Nahrungsaufnahme. Er ist vielmehr ein Fenster in einen unstillbaren Hunger, der nach Akzeptanz, Zuneigung, Heilung und Liebe strebt. Gay legt in Hunger ihre traumatische Körpergeschichte offen. Sie wurde mit 12 von einer Gruppe Mitschüler vergewaltigt. Diese gewaltvolle Missbrauchserfahrung führte in erster Linie zu akuter Scham. Ihre Vergewaltiger erzählten am nächsten Tag in der Schule herum, dass Gay die sexuellen Handlungen initiiert und gewollt hatte. Sie sei eine "Schlampe". Als verängstigte 12-Jährige war sich Gay – zurecht – sicher, dass niemand ihrer Wahrheit Glauben und ihrer Stimme Gehör schenken würde (siehe Gaslighting, Victim Blaming, Rape Culture). Als Tochter katholischer Einwanderer verschwieg Gay ihren Eltern die Vergewaltigung auch aus Angst vor Tabubruch und simpler kindlicher Überforderung.

Essen wurde ihr Trost und ihre Rückversicherung, dass sich solch ein Missbrauch nicht wiederholen würde. Ihre Logik dahinter: desto dicker ich bin, desto sicherer bin ich. Ich werde mich besser wehren können – und außerdem stehen Jungs nicht auf dicke Mädchen. "Ich wollte mich wie eine Festung fühlen, undurchdringlich", schreibt sie. Sie wurde depressiv und nahm durch ihre Schul- und Studienzeit stetig viel Gewicht zu und in Phasen wieder ab. Ihr geringer Selbstwert und verzerrtes Selbstbild führten sie und ihren Körper in eine Reihe missbräuchlicher Beziehungen. "I was a lightning rod for indifference, disdain, and outright aggression, and I tolerated all this because I knew I didn’t deserve any better, not after how I had been ruined and not after how I continued to ruin my body."

Gay führt ihren Leser_innen vor, wie ungeübt und unfähig wir sind, über Dicksein zu sprechen, ohne dabei in Stereotype, Beleidigungen oder moralische Wertungen abzurutschen. Sie macht klar, dass Dicksein ein Fakt ist, um Körper zu beschreiben, aber ganz bestimmt kein Parameter für Versagen oder Schwäche.

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Foto: mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Halifu Osumare, Dancing Blackness: A Memoir

*Halifu Osumare ist emeritierte Professorin für African American und African Studies der UC Davis. Sie hat zwei Bücher zu globalem HipHop geschrieben und war fast 40 Jahre lang internationale Berufstänzerin. Als Künstlerin und Tanzaktivistin war sie mit der Rod Rodgers Dance Company in NYC Solistin in den 70ern und gründete später Oaklands erste multi-ethnische Tanzinstitution Everybody’s Creative Arts Center. Sie ist weiterhin in der Tanzcommunity als Aktivistin und Choreographin tätig.

Die Memoiren Dancing in Blackness umfassen Osumares berufliche Karriere als Tänzerin vor ihrer akademischen Laufbahn und ihr lebenslanges Verhältnis zu und mit dieser Kunstform.

Osumare wuchs während des Black Arts Movement auf und wurde von Streik, Hippie und junger Gegenkultur, unter anderem in der Bay Area, geprägt. Dancing in Blackness erkundet die Beziehung zwischen Tanz und Kultur aus der Perspektive einer Person, die beides zelebriert und beobachtet hat. Osumare war als junge Schwarze Tänzerin in Europa, um "Jazz Ballet" zu tanzen und hat eines der ersten zeitgenössischen Tanzensembles in Kopenhagen mitbegründet. Nach Stopps in New York und Ghana kehrte sie nach Oakland zurück, wo sie die Schwarze Tanzkultur maßgeblich als Choreographin und Aktivistin prägte. Tanz wurde ihr Mittel, um politische Aussagen zu verbreiten.

Modern Dance verknüpft oft Bewegung mit Botschaft und Dancing Blackness verdeutlicht das Potential von Tanz, um soziale Themen in den Fokus zu rücken. Osumare selbst hat sich zeitlebens dafür eingesetzt, eine afrikanische Ästhetik im Dialog um Schwarze Kunst hochzuhalten und die Bedeutung Schwarzer Kunstformen jeglicher Art zu betonen. Ihre Memoiren sind zugleich Autoethnographie, sozio-kulturelle Analyse und historische Dokumentation und zeigen auch einiges an historischem Bildmaterial, das Osumare über ihre Jahre des Reisens und Tanzens angesammelt hat.

Spannend und historisch wertvoll sind auch die diversen Querverweise auf Schwarze Zeitgenoss_innen und Inspirationen. Ntozake Shange, die Autorin des feministischen Kulttheaterstücks "For Colored Girls Who Have Considered Suicide When The Rainbow is Enuf", hat Osumare, die eigentlich als Janis Miller geboren wurde, 1975 ihren afrikanischen Swahili Namen Halifu gegeben. "Halifu" bedeutet unabhängig, rebellisch. Osumare führt ihre Leser_innen an Personen wie Katherine Dunham heran, eine der erfolgreichsten afro-amerikanischen Tänzerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie war Osumares Lehrmeisterin und Mentorin und findet neben vielen weiteren Künstler_innen ihre Erwähnung in Dancing in Blackness.

Das Buch endet mit diesem Statement von Osumare: "Today I realized that remembering ancestral messages is the process in which I have been engaged my entire career. Dancing in Blackness for my ancestors and for the future generations. For those who have the eyes to see and the ears to hear. My ancestors gave up themselves to make sure that I could continue to dance in Blackness to save myself and in the process to help save others. […] I have come to understand through my mission that dance is life and life is a dance and I am the eternal dancer."

Osumare zeigt auf, inwiefern Tanz stets ein Werkzeug im Schwarzen Befreiungskampf war. Sie zeichnet die vielfachen afrikanischen Ursprünge und Besonderheiten von afro-amerikanischem Tanz nach und fungiert gleichzeitig als Zeitzeugin, Protagonistin und Wissenschaftlerin. Ihre zwischenmenschlichen und spirituellen Verbindungen nach Brasilien, Kuba oder Haiti sind aufschlussreiche Stellvertreter für die Wege, die afrikanischer, afro-kubanischer und auch afro-amerikanischer Tanz historisch gegangen ist. Dancing in Blackness sind die Memoiren einer rebellischen, unerschrockenen Pionierin, Tänzerin und Forscherin, die sich ihrer eigenen Identität selbst/bewusst war.

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Foto: mit freundlicher Genehmigung des Verlags

pleasure activism: the politics of feeling good von adrienne maree brown

*adrienne (sie stilisiert ihren eigenen Namen in Kleinschreibung aus ästhetischen Gründen) ist Autorin und feministische/anti-rassistische Aktivistin. Sie selbst sieht sich als Vermittlerin (von Wissen und Selbstermächtigung) in Kontexten von sozialen Gerechtigkeitsbewegungen, die sich vornehmlich für Black Liberation einsetzen. Ihr literarisches Werk ist beeinflusst von der afro-amerikanischen Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler und Schwarzen feministischen Literaturtraditionen.

Ganz zu Beginn von pleasure activism – gewissermaßen als Vorwortermuntert adrienne maree brown ihre Leser_innen sich einen Orgasmus zu verschaffen, bevor sie sich den kommenden (lol) Inhalten des Buches widmen. Dieser durchaus ernst gemeinte Hinweis ist adriennes Shout-Out an Audre Lordes 1978 veröffentlichtes Essay "The Uses of The Erotic: The Erotic As Power" das den literarisch-politischen Ausgangspunkt von und für pleasure activism bildet.

pleasure activism ist eine Art Ratgeber und setzt sich aus Essays, Konversationen/Interviews sowie einer kommentierten Version von "The Uses of The Erotic" von Lorde zusammen. Weitere Autorinnen des Buches – das sich letztlich zur Aufgabe macht die Spielregeln von Aktivismus neu zu denken – sind Cara Page, Sonya Renee Taylor und Alexis Pauline Gumbs. Die Themen reichen von Sex und Drogen über Klimawandel zu Race/Gender und Sexarbeit. Alle Beiträge ermutigen Diskussion rund um Fragen wie Politik/en sich gut – oder zumindest besser – anfühlen können und wieso die Tatsache, dass sich etwas "gut anfühlt" im Spätkapitalismus stets auch eine komplexe politische Dimension mit sich bringt. Die Texte hinterfragen, inwiefern die Arbeit in sozialen Freiheitsbewegungen befriedigender, angenehmer, erfreulicher gestaltet werden können.

pleasure activism ist ein Diskurs und eine Praxis, die pleasure ins Zentrum stellt. Es lässt sich als Konzept nur mittelgut ins Deutsche übersetzen: Genuss-, Lust- oder Spaß-Aktivismus trifft es nicht wirklich. pleasure steht hier für eine tiefere Form der Freude und Verbundenheit mit sich selbst, dem eigenen Körper und der Welt. Dieser von brown formulierte Aktivismusansatz steht auf zwei Eckpfeilern. Der eine versucht ganz bewusst "traditionelle" aktivistische Arbeit für alle Beteiligten so pleasurable (angenehm) wie möglich zu gestalten. Der andere plädiert dafür, dass marginalisierte Personen pleasure für sich und ihren Alltag zurückerobern.

Beides ist in sich bereits radikal, da Kapitalismus, weiße Vorherrschaft und patriarchale Machtstrukturen dafür sorgen, dass allen Personen, die in diesen Systemen nicht dominante Position innehaben, pleasure verwehrt wird. "Pleasure is the point. Feeling food is not frivolous, it is freedom", schreibt brown. pleasure activism ist eine Form des Aktivismus, die Heilung, Menschlichkeit und Glücklichsein ins Zentrum rückt. Es spricht jeder Person das Recht zu, ihre ganze Menschlichkeit, ihren ganzen Körper, ihr ganzes Sein auszuleben. Marginalisierte Personen werden ermutigt, tief in sich hineinzuhören und zu bestimmen, was sich für sie wirklich gut anfühlt. Diese Herangehensweise an Aktivismus sprengt den Glauben, dass radikal die Welt verändern, einfach nur eine weitere Form von ermüdender, aufopfernder Arbeit ist, die wütend, verängstigt und ausgebrannt macht.

pleasure activism sagt: "Suffering is not liberatory". Aus dieser simplen Feststellung ergibt sich die theoretisch-praktische Verpflichtung zu (mehr) pleasure. Es erlaubt marginalisierten Personen einen sozio-politischen Zusammenhang zu sehen und zu erleben: wer den eigenen Organismus, Geist, Körper mit Leben füllt, ist eher in der Lage, persönliche und gemeinschaftliche Kräfte für Befreiung zu mobilisieren. So kommt man vom eigenen Wohlbefinden und Wandel zu transformativer politischer Kraft. Der Ansatz geht davon aus, dass Gerechtigkeit durch den Zugriff auf unser aller Potential für Freude generiert werden können. Es ist kein fünf Minuten Rezept für Revolution, brown schreibt explizit darüber, wie man es regelrecht üben muss, zu sich selbst und den eigenen Freuden "ja" zu sagen, da wir alle so sehr das gesellschaftliche "nein" verinnerlicht haben.

Dieses Ja-sagen zum eigenen Ich und zur eigenen Freude, zum eigenen pleasure ist ein sehr verkörperlichter Prozess. Der Geist ist zwar ein Teil davon, Freude und Freiheit fühlen wir aber durch den Körper. Kapitalismus kreiert für uns alle die Annahme, dass wir uns in stetigem Mangel und Wettbewerb um Ressourcen befinden. Das schlägt sich in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen und der Beziehung zu uns selbst nieder. Die Angst nicht auszureichen oder nie genug von etwas zu bekommen, ist omnipräsent. Wir sind stetiger Beurteilung ausgesetzt und verlieren die Verbindung zu uns und den tiefergehenden Freuden des Lebens. Pleasure activism ermutigt Leser_innen dazu, sich eine Welt und Beziehungen vorzustellen, die nicht von Knappheit, sondern von Fülle und Zufriedenheit geprägt sind.

Das Buch ist letztlich eine Einladung, mehr über sich selbst, den eigenen Körper und die eigenen Begehren zu lernen und sich ein erfüllendes, selbstbestimmtes Leben zu gönnen. brown schreibt zusammenfassend: "pleasure activism is the work we do to reclaim our whole, happy, and satisfiable selves from the impacts, delusions, and limitations of oppression and/or supremacy … Pleasure activists seek to understand and learn from the politics and power dynamics inside of everything that makes us feel good."

*Naima Limdighri: German Nafri zwischen Medien & Wissenschaft. Studierte Amerikanistin und immer-mal-wieder Musikjournalistin mit Faible für Radio, Feminismus, Rap, Literatur und Kunst.

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