Diese Fotografen erobern gerade die Berliner Kreativszene

"Es ist oft einsam und windig hier. Wenn man damit umgehen kann, ist es eine Werkstatt, die dich nicht verurteilt, dir aber auch wenig zurückgibt."

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Okt. 5 2018, 1:39pm

Die Welt steckt voller Überraschungen, du musst nur genau hinschauen. Schließlich gibt es so viel mehr zu entdecken, als den Handybildschirm deines Sitznachbarns auf dem Nachhauseweg von deinem viel zu langen Arbeitstag. Wie wäre es zur Abwechslung mal wieder mit einer guten Ausstellung? Mit Fotografien, die dir noch nicht zum zehnten Mal in deinen Instagram-Feed gespült wurden. Arbeiten, die sich kritisch mit den unterschiedlichsten Realitäten auseinandersetzen. Aber auch solche, die mit der Nostalgie deiner Kindheit spielen, sodass du am liebsten gleich deinen Bruder anrufen willst, um ihm zu sagen, wie lieb du ihn eigentlich hast.


Aus dem VICE-Netzwerk: Fotografin Ashley Armitage zeigt uns ihre Welt


All das erwartet dich in der diesjährigen Abschlussausstellung der Ostkreuzschule für Fotografie, die du dir vom 5. bis 15. Oktober im The Shelf anschauen kannst. Um dir einen kleinen Vorgeschmack zu geben, haben wir sieben der Absolventen gebeten, uns ihre Fotoserien ein wenig genauer zu erklären. Und vor allem eine Frage ein für alle mal zu beantworten: Wie können junge Kreative heutzutage eigentlich noch aus der Masse herausstechen?

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Søren Drastrup

Worum geht es in deiner Serie It's not you, it's me?
Es ist eine laufende Porträtserie, die meine Freunde, Geliebten und Bekanntschaften zeigt. Man könnte es als kurzen, flüchtigen Einblick in mein Leben sehen, aber eigentlich ist es nur meine Art, bestimmte Momente in meinem Leben ein wenig hinauszuzögern. Vielleicht mache ich irgendwann ein Buch daraus.

Wie können junge Kreative heutzutage aus der Masse herausstechen?
Es wird immer schwieriger. Gerade geht es viel darum, wie du dich der Welt online präsentierst. In Berlin zu leben, macht es fast noch schwieriger herauszustechen, weil es so viele kreative Leute in den unterschiedlichsten Feldern gibt. Aber natürlich ist es wichtig, deine eigene visuelle Sprache zu entwickeln, damit die Leute deine Arbeiten erkennen, auch wenn dein Name nicht drunter steht.

Welchen wertvollen Tipp nimmst du mit aus deinem Studium?
Ich bin 2012 von Kopenhagen nach Berlin gezogen und zu dem Entschluss gekommen, dass die Fotografie die einzige Sache ist, die mich nicht nach einer Weile langweilt. Während meines Studiums habe ich versucht, mir und meiner Ästhetik treu zu bleiben. Trotzdem hat es mir sehr geholfen, mich mit erfahrenen Fotografen auszutauschen. Ich finde es immer großartig, wenn mir jemand seine Meinung zu meinen Arbeiten sagt, weil jeder Dinge anders wahrnimmt. Eine Sache, die ich von Ute Mahler gelernt habe: Es sind fast immer die ersten zwei bis drei Fotos, die am Ende die besten sind.

@sorendrastrup

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Tim Schmelzer

Worum geht es in WAR ON US?
Es geht um Trennung und das Gefühl vermeintlicher Abhängigkeit innerhalb von Beziehungen. Die Arbeit basiert auf einer Kurzgeschichte, die sich aus persönlichen Erfahrungen und Erzählungen enger Freunde zusammensetzt. Mir einen Teil des Textes selbst zu tätowieren, war ein guter Weg die Serie abzuschließen.

Was macht ein Foto zu einem guten Foto?
Mich interessieren einfache Ideen und Gedanken. Wenn ich ehrliche Leidenschaft und Intimität zum Motiv sehen kann, ist es für mich in der Regel ein gutes Bild.

Inwiefern inspiriert Berlin deine Arbeit?
Berlin ist für mich ein Raum zum Arbeiten, kein wirklicher Lebensraum. Es ist oft einsam und windig hier – wenn man damit umgehen kann ist es eine Werkstatt, die dich nicht verurteilt, dir aber auch wenig zurückgibt.

@timschmelzer

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Jana Kießer

Worum geht es in das bleibt unter uns?
Die Serie thematisiert sexuellen Missbrauch in der eigenen Familie. Die beiden Bilder zeigen ein Portrait der Schockstarre, die Wegnahme der Unbekümmertheit und Weiblichkeit, sowie die enge Bindung zu meinen Geschwistern. Es ist eine Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in meiner Familie. Die Arbeit soll andere Betroffene ermutigen, darüber zu sprechen. Wenn mehr Menschen offen damit umgehen, wird der Raum für Angst und Scham immer kleiner.

Wie können junge Kreative heutzutage aus der Masse herausstechen?
Mit einer Mischung aus Talent, Fleiß, einem besonderen Stil oder Thema und Glück.

Worauf sollte in der Fotografie viel mehr Rücksicht genommen werden?
Erst nachdenken, dann auf den Auslöser drücken.

Welchen wertvollen Tipp nimmst du mit aus deinem Studium?
Es ist eher eine Erkenntnis: Durch die Erlebnisse und Erfahrungen, die du in deinem Leben sammelst, interessierst du dich für Dinge, die anderen überhaupt nicht auffallen. Die persönlichen Erlebnisse, die hinter den Bildern stecken könnten, machen sie noch viel interessanter.

@jana.kiesser

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Charlott Cobler

Worum geht es in Eine unumstößliche Verbindung?
Für meine Abschlussarbeit habe ich mir zur Aufgabe gemacht, Geschwister an Orten zu fotografieren, die für sie ein emotionaler Fixpunkt sind und Erinnerungen tragen. Dieses Bild zeigt Schwestern, die ihren alten Spielplatz als Ort gewählt haben.

Inwiefern inspiriert Berlin deine Arbeit?
Berlin ist meine Heimatstadt, insofern bin auch ich hier mit meinen Geschwistern aufgewachsen und wir haben Orte, die uns an unsere Kindheit erinnern.

Welchen wertvollen Tipp nimmst du mit aus deinem Studium?
Dass man nicht zu jeder Zeit, in jeder Phase gleichzeitig Produzent und Betrachter sein kann.

@charlott.cobler

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Miguel Brusch

Erzähl uns die Geschichte hinter den beiden Bildern.
Er und seine Freunde haben mich angesprochen, als ich gerade ein Porträt von jemandem am Pier gemacht habe. Er wollte auch unbedingt ein Foto von sich. Nachdem wir uns eine Weile über seine ziemlich harte Lebensgeschichte unterhalten haben, habe ich dieses Porträt von ihm geschossen.

Worum geht es in The Black Pool?
Es ist ein Porträt der englischen Küstenstadt Blackpool und seiner Bewohner. Die Arbeit ist subjektiv und transportiert mein Gefühl an bestimmten Orten und im Umgang mit den Menschen, die mir begegnen. Außerdem inszeniert sich Blackpool als Ort, an dem die Leute der Realität des Alltags ein Stück weit entfliehen können.

Was macht ein Foto zu einem guten Foto?
Ein gutes Foto ist für mich eines, das Emotionen in mir auslöst und genug Raum für Assoziationen und Interpretation lässt.

Welchen wertvollen Tipp nimmst du mit aus deinem Studium?
Dass du deine Arbeit während der Entstehung immer wieder mit anderen Leuten besprichst, darüber diskutierst und wenn es nicht funktioniert, einen anderen Ansatz findest.

@miguelbrusch

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Laura Spes

Erzähl uns die Geschichte hinter dem Bild.
Das Portrait steht für Traumbegegnungen mit Menschen, die man vielleicht kennt und an die man sich nach dem Aufwachen nur noch vage erinnert.

Worum geht es in Ich träume von einem Bild?
Ich habe in der Serie meine Träume fotografiert. Das heißt, ich habe versucht, geträumte Eindrücke und Bilder in der Realität nachzustellen. Für jedes Bild gibt es auch eine Traumszene.

Wie können junge Kreative heutzutage aus der Masse herausstechen?
Du brauchst ganz viel Glück und musst zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Ich denke, es ist unumgänglich, sich mit Leuten aus dem Bereich Fotografie auszutauschen. Manchmal ergibt sich aus einem netten Smalltalk auch die Möglichkeit, Ausstellungsräume zu finden oder ein neues Publikum zu erschließen. Ich finde es aber sehr wichtig, seiner Ästhetik dabei trotzdem treu zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass es klappt.

Worauf sollte in der Fotografie viel mehr Rücksicht genommen werden?
Wir haben jeden Tag mit enorm vielen Bildern zu tun und manchmal schadet es nicht, sich von ein paar Fotos aus der Serie zu verabschieden, um den anderen mehr Luft zu geben.

Welchen wertvollen Tipp nimmst du mit aus deinem Studium?
Es hat mir sehr geholfen, meinen Stil zu finden, aber auch zu lernen, dass er nicht jedem gefällt – und das ist auch in Ordnung. Es ist wichtig, für sich einzustehen und die Inhalte, die du produzierst, zu 100 Prozent zu unterstützen.

@lauraspes

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Patricia Morosan

Erzähl uns die Geschichte hinter den beiden Bildern.
Das linke Foto zeigt das litauische Denkmal des im Jahre 1989 vom Französischen Geographie-Institut festgelegten Mittelpunkts von Europa. Für mein Fotoprojekt (I) Remember Europe bin ich zu sieben historischen Mittelpunkten Europas gereist. Das rechte Foto wurde während der Sonntagsmesse am polnischen Mittelpunkt Europas, in Suchowola, aufgenommen.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
In dem Film Nihil von Uli M. Schueppel steht ein alter Mann vor einer Staffelei inmitten eines zugefrorenen Meeres und malt auf den Horizont schaurige Feuerwesen, die auf ihn zustürzen. Mich faszinierte dieser Blick des Künstlers.

Worum geht es in (I) Remember Europe?
Es geht um die Mitte als existentielle Suche, als geografisches Schicksal und als politische Metapher. Mehrere Orte, in sieben unterschiedlichen Ländern, beanspruchen für sich im Zentrum des europäischen Kontinents zu liegen. (I) Remember Europe ist eine persönliche fotografische Spurensuche und eine emotionale Verortung in den Koordinaten, die sich als geographische Mitte Europas definieren.

Wie können junge Kreative heutzutage aus der Masse herausstechen?
Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich erlebe keine Masse. Was mich interessiert ist meine persönliche Auseinandersetzung mit der auf mich einstürmenden Wirklichkeit und mein Bestreben darin, so nah wie möglich bei mir zu bleiben, um sie zu reflektieren.

@patriciamorosan