Anzeige

Profi-Skaterin Lizzie Armanto ist das Vorbild einer neuen Generation

"Wenn du zulässt, dass die Angst größer wird als du, dann lebst du nicht mehr."

von i-D Staff
|
18 April 2019, 9:54am

Foto via Vans

Es gibt Menschen, die notorisch alle Grenzen überschreiten. Das kann die Schwerkraft sein, Angst oder Gender. Im Falle der Profi-Skaterin Lizzie Armanto kann man hinter jedes dieser Worte einen dicken Haken setzen. Seit ihrem 14. Lebensjahr ist das Board zum Ausdruck von Kreativität, Freiheit und Ehrgeiz geworden.

Trotzdem will sich Lizzie nicht auf ihr Geschlecht reduzieren lassen, sondern für ihre Leistungen respektiert werden. Und ihre Leistungen sprechen für sich: Die Kalifornierin hat die Goldmedaille bei den 2013 X-Games in Barcelona gewonnen, im vergangenen Jahr den berüchtigten 360° Loop von Tony Hawk gestanden und sich für die Olympischen Spiele 2020 qualifiziert. Die 26-Jährige ist Team-Fahrerin bei den Vanguards und hat sogar ihren eigenen Charakter in diversen Videospielen. Sie hat es geschafft, ein Hobby zur Profession zu machen – egal welche Hindernisse sie dabei überwinden musste.

Wir haben uns beim House of Vans von der Profi-Skaterin den ein oder anderen wertvollen Tipp für Neulinge geben lassen ...

Hast du schon die ganzen Plakate von dir in Berlin gesehen?
Ja, es ist so cool. Ich bin komplett ausgerastet, super verrückt. Ich hätte mir niemals vorstellen können, etwas in dieser Dimension zu erreichen. Etwas, das es wert wäre, als Plakat aufgehängt zu werden.

Wie war es für dich, als du realisiert hast, dass du den Loop tatsächlich gestanden hast?
Ich habe es erst verstanden, als ich schon auf dem Parkplatz entlang gerollt bin und dachte: "Oh shit, ich habe es geschafft!" Dann habe ich mir den Loop das erste Mal wirklich angesehen und ihn auf mich wirken lassen. Vorher habe ich versucht, mir so wenige Gedanken zu machen wie möglich. Ich wollte es einfach ausprobieren und schauen, wie ich mich fühle. Endlich konnte ich mir eingestehen, dass dieses Teil echt ziemlich angsteinflößend ist. Es ist riesig! Und wenn du anfährst, bist du so hoch, dass du über dem Loop stehst. Anders als alles, was ich jemals beim Skaten erlebt habe.

lizzie_quickstrike_33

Beim Skaten muss man permanent die eigenen Grenzen überschreiten und in der Lage sein, zu handeln, statt zu zerdenken. Was hast du über dich selbst gelernt?
Ich weiß genau, was du meinst. Außerdem hat mir das Skaten beigebracht, wie ich einen Sturz wegstecken kann. Das ist für viele Leute ein komplett fremdes Gefühl. Stürzen ist für einige ein traumatisches Erlebnis. Es ist schön, zu wissen, dass ich in der Lage bin, hart zu fallen und trotzdem wieder aufzustehen. Ich weiß, ich kann das durchstehen und lasse mich nicht verrückt machen. Wenn du zulässt, dass die Angst größer wird als du, dann lebst du nicht mehr.

Wirkt sich das auch auf andere Bereich in deinem Leben aus?
Es gibt immer wieder Momente, in denen ich nervös oder verängstigt bin. Aber ich weiß, dass ich im schlimmsten Fall einfach mit dem Ergebnis klarkommen muss. Es wird vermutlich nicht so sehr schmerzen wie ein physischer Sturz.

Die Angst zu überwinden, ist besonders am Anfang nicht die leichteste Aufgabe. Worauf sollten Leute achten, die gerade mit dem Skaten beginnen?
Vieles hängt damit zusammen, deine Bewegungen zu koordinieren. Du musst auch nicht direkt die krassesten Sachen ausprobieren, sondern dich lieber langsam dahin arbeiten. Wenn du einen Drop-In lernen willst, musst du es nicht sofort an der riesigen Halfpipe austesten. Gehe lieber erst zu einer Bank, dann zu einer kleinen Quarterpipe. Wenn du damit zurecht kommst, dann wage dich an die größeren Sachen. Immer einen Schritt nach dem anderen.

LizzieArmanto_SmithGrind_Treasureisland5b0a8568

Als ich das erste Mal versucht habe, zu skaten, habe ich schnell kapituliert, da ich mich als Teenie von all der Maskulinität am Skate Park habe einschüchtern lassen. Und selbst heute finde ich es schwer, das Selbstbewusstsein aufzubringen. Wie ging es dir damit?
Als ich anfing, bin ich immer zusammen mit meinem Bruder in den Skate Park gegangen. Ich hatte also die ganze Zeit jemanden bei mir, das hat mir Sicherheit gegeben. Wenn du keine Geschwister hast, geh' mit Freunden, das macht immer Spaß. Junge oder Mädchen, das ist ganz egal. Ich wollte einfach nur skaten. Damals gab es drei Optionen: Entweder du bist Zuhause geblieben und hast Hausaufgaben gemacht, saßt in der Bibliothek oder bist in den Skate Park gegangen – offensichtlich war der Park die aufregendste Wahl.

Generell sieht man gerade einen Wandel in der Skateboard-Kultur. Immer mehr Frauen bekommen endlich Anerkennung für ihr herausragendes Talent.
Es ist schön zu sehen, dass sich mehr Frauen und Mädchen für das Skaten interessieren. Der Skate Park wird zu einem Ort für alle. Vorher haben sich nicht so viele dafür begeistert, es war ein eher unübliches Hobby. Sobald sich mehr Leute für das Skaten interessieren, findet auch eine Art Dominoeffekt statt – Menschen, die vorher niemals darüber nachgedacht hätten zu skaten, wollen es plötzlich ausprobieren.

Viele Skater sehen diese Entwicklung eher kritisch. Hast du die Befürchtung, dass Skateboarden Mainstream wird?
Es ist wichtig, dass Skater an ihrer eigenen Kultur festhalten und weiterhin für einen Fortschritt sorgen. Aber ich habe keine Angst, dass Skaten Mainstream wird, denn es wird immer diesen einmaligen Kern geben. Skaten ist wie Musik: Es gibt so viele verschiedene Genres.

Wichtiges Thema: Musik. Was hörst du beim Skaten?
Normalerweise höre die Playlists von meinen Freunden. Meine eigene Musik kann ich nicht hören, das lenkt mich zu sehr ab. Ich mag eine Menge verschiedener Stile, Alternative Rock, 80er Musik – alles durcheinander.

izzie_quickstrike_03

Kürzlich war der Equal Pay Day, der auf die unterschiedliche Bezahlung zwischen Männern und Frauen aufmerksam machte. Wie ist das in der Skateszene?
Vans hat im letzten Jahr die Preisgelder in Wettbewerben angepasst, damit Männer und Frauen dasselbe bekommen. Das war eine Riesensache, auch wenn sie das nicht an die große Glocke gehängt haben. Es gibt nicht viele Profi-Skaterinnen, aber langsam bekommen Frauen mehr Anerkennung, Support und Aufmerksamkeit von Magazinen. Trotzdem gibt es noch viel Luft nach oben.

Für viele ist Skaten Eskapismus, Familienersatz, Therapie. Was ist das Schönste für dich an der Szene?
Skaten ist definitiv therapeutisch. Es ist Selbstentfaltung. Manchmal müssen die Leute ihre Gefühle rauslassen. Was auch immer in deinem Leben gerade passiert, du kannst immer zum Skate Park gehen, dich auspowern und deine Energie dort kompensieren, anstatt alles in dich reinzufressen. Ein gutes Ventil. Die Community kann Sprachen überwinden. Ich kenne Leute, mit denen ich mich noch nie unterhalten habe, da wir nicht dieselbe Sprache sprechen, doch durch das Skaten haben wir trotzdem gegenseitigen Respekt voreinander. Egal in welcher Stadt: Ich kann immer zum Skate Park gehen und mich willkommen fühlen. Ich muss mir keine Sorgen machen, nicht Zuhause zu sein.

@lizziearmanto